Hilary Hahn spielt auf Mozarts Flügeln in Salzburg

Hilary Hahn, Sächsische Staatskapelle Dresden, Daniele Gatti  Osterfestspiele Salzburg, 30. Oktober 2021

Die US-Amerikanerin glänzt bei den Osterfestspielen in Salzburg und wird mit dem Herbert-von-Karajan-Preis 2021 geehrt.

Osterfestspiele Salzburg, 30. Oktober 2021

Felix Mendelssohn Bartholdy: Meeresstille und Glückliche Fahrt. Konzertouvertüre
Wolfgang Amadeus Mozart: Konzert für Violine und Orchester  A-Dur KV 219
Robert Schumann: Sinfonie Nr. 3 op.97 „Rheinische“

Hilary Hahn, Violine
Sächsische Staatskapelle Dresden
Leitung: Daniele Gatti

von Kirsten Liese

Ein bisschen war es wie eine Zeitreise, als Hilary Hahn beim zweiten Konzert der herbstlichen Osterfestspiele zu Mozarts Violinkonzert KV 219 anstimmte.

So wie sie da stand, in einem schlichten eleganten Kleid und diese Musik auf allen Saiten und in allen Lagen mit einer gleichermaßen schönen Tongebung und kluger Phrasierung gestaltete, wurden Erinnerungen an die ganz junge Anne-Sophie Mutter wach, wie sie am selben Ort in den 1970er Jahren dieses Konzert unter Karajan spielte, damals noch unglamourös in einer einfachen weißen Bluse und die Musik mit großer Reife noch tiefer ergründend als so manches Mal heute.

Dass Hilary Hahn, deren Karriere auch in sehr jungen Jahren begann, mittlerweile schon 41 Jahre alt ist, spielt dabei keine Rolle, zumal sie weit jünger aussieht. Was hier in jeder einzelnen Phrase zu spüren ist, das ist vor allem  der Sinn für das Zusammenmusizieren mit der – für dieses Stück – deutlich verschlankten Sächsischen Staatskapelle Dresden als wäre es Kammermusik. Ob zu Beginn des Kopfsatzes oder beim Adagio: Schon bei den Orchestervorspielen musiziert sie indirekt mit dem Orchester mit, steht und sucht den Blickkontakt zu den Musikern und schwingt leicht mit dem Körper mit, dies aber ohne jedwede Affektiertheiten. Wie formulierte es doch der Pianist Menahem Pressler so treffend: Mozart verleiht uns Flügel! Und so hörte sich das bei Hilary Hahn auch an.

Die virtuosen Kadenzen, in denen so manche leicht dissonante Reibungen hörbar werden, tönten zwar weniger nach Mozart als nach persönlicher Improvisationslust, aber wer wollte einer so starken Persönlichkeit solche künstlerischen Freiheiten absprechen?

Bei alledem ließ sich über die ungemeine Ruhe der Solistin staunen, die  in den herrlichsten lyrischen Passagen auch dann starke Nerven bewahrte, als es im Zuschauerraum unruhig wurde, und das ereignete sich in den ersten beiden Sätzen gleich mehrfach. Was war da nur los? Mitten in einer Piano-Stelle schien jemand von hinten im Parkett irgendwas zu summen, zur Kadenz dann ließ sich ein Poltern aus dem Rang vernehmen, dies etwas später gleich noch einmal. Gleichwohl setzte Hahn die Musik mit der für Mozart gebotenen Schlichtheit fort.

Dazu passte es, dass Daniele Gatti, Dirigent dieses Konzerts, sich  mit entsprechend sparsamen Zeichen zurück-  und uneitel als ein dezenter Stichwortgeber im Hintergrund hielt.

Mit umso größerer Verve ging Hilary Hahn dann das Rausschmeißer-Rondeau an, bei dessen Hauptthema auch die Streicher im Orchester mit ihren nahezu percussionsartigen col legno-Schlägen ordentlich Stimmung machten. Der Ohrwurm hängt einem noch beim Frühstück tags darauf nach. Und sagen wir es nur rund heraus: Dieses Violinkonzert war das Glanzlicht des Abends.

Sie sehen also, es läuft auf eine Liebeserklärung an Hilary Hahn hinaus, die sich am Ende nicht nur über stehende Ovationen freuen durfte, sondern auch über den diesjährigen Herbert-von-Karajan-Preis, der ihr unter tosendem Beifall von Karajan-Tochter Arabel überreicht wurde.

Dem Mozart-Konzert voran ging Mendelssohns Konzertouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt“. Bei aller Sympathie für langsame Tempi, die gerade ich ja immer wieder propagiere, setzen diese freilich voraus, die Spannung entsprechend aufzubauen und zu halten. Diese Qualität fehlte in der Interpretation des Italieners, der die Einleitung reiflich zerdehnte.

Überzeugender leitete Daniele Gatti in der zweiten Hälfte Schumanns dritte Symphonie, die „Rheinische“, dies allerdings vor allem in den letzten drei Sätzen. In den ersten beiden brachte der Italiener zu viele Rubati ein und verlangsamte viele Phrasenenden. Das sind probate Mittel der Interpretation, nicht aber, wenn zuviel davon Gebrauch gemacht wird, dann nutzt es sich  ab und stört – wie hier bei Schumann – den Fluss.

Herzlichen Beifall gab es dennoch.

Kirsten Liese, 31. Oktober 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Requiem d-Moll KV 626, Wolfgang Amadeus Mozart Osterfestspiele Salzburg, Großes Festspielhaus, 29. Oktober 2021

Wolfgang Amadeus Mozart, RequiemSalzburg, 29. Oktober 2021

Houston Symphony Orchestra, Hilary Hahn, Andrés Orozco-Estrada, Wiener Konzerthaus

Philharmonia Orchestra, Hilary Hahn, Paavo Järvi, Elbphilharmonie Hamburg, 30. Januar 2019

Orchestre Philharmonique de Radio France, Mikko Franck, Hilary Hahn, Kulturpalast Dresden

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