Der Schlauberger 63: Schluss mit fidirallalla – Alles über die arglose Kreatur

Der Schlauberger 63: Schluss mit fidirallalla – Alles über die arglose Kreatur

Tritt den Sprachpanschern ordentlich auf die Füße! Gern auch unordentlich. Der Journalist und Sprachpurist Reinhard Berger wird unsere Kultur nicht retten, aber er hat einen Mordsspaß daran, „Wichtigtuer und Langweiler und Modesklaven vorzuführen“. Seine satirische Kolumne hat er „Der Schlauberger“ genannt.

von Reinhard Berger

Ich sag’s nur ungern: Unser Umgang mit der harm- und arglosen Kreatur ist manchmal recht großzügig. Deshalb will ich eine Lanze brechen für die, die sich nicht wehren können.

Das ging vor einigen Jahren los, als in einer hessischen Stadt dankenswerterweise eine Veganerin darum bat, das Lied “Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ aus dem Glockenspiel im Rathaus zu entfernen. Sie kennen das ja: In regelmäßigen Abständen trällert ein Glockenspiel fröhliche Liedchen in die Landschaft, meistens aus offiziellen Amtsunterkünften.

Und was soll ich sagen: Der damalige Bürgermeister, der unglückseligerweise auch noch Hahn heißt, hat es getan. Er hat den Fuchs mit der gestohlenen Gans auf Wunsch der Veganerin entfernen lassen. Aus dem Glockenspiel.

Das hat mich zu der Forderung ermuntert, für die nächste Faschingssaison das Monument „Heile, heile Gänschen“ aus dem Repertoire zu streichen. „Das Kätzchen hat ein Schwänzchen.“ Als anatomische Beschreibung lasse ich das noch durchgehen. Aber: „Heile, heile Mausespeck?“ Was soll daran heile, heile sein? Und: „In hundert Jahren ist alles weg?“ In hundert Jahren sind wir alle tot, Leute!

Und im Frühling wird’s noch schlimmer. Da werden Tiere, vor allem Vögel, ohne ihr ausdrückliches Einverständnis zu unserer Belustigung benutzt. Alle Vögel sind schon da. Zum Beispiel. Amsel, Drossel, Fink und Star müssen musizieren, pfeifen, zwitschern (also twittern) und tirilieren. Ungefragt.

Dann der anonyme Vogel, der unbedingt heiraten wollte. Was ist das eigentlich für ein Deutsch: Ein Vogel wollte Hochzeit machen in dem grünen Walde. Fidirallalla, fidirallalla. Eine Hochzeit macht man nicht, man feiert sie. Und außerdem: Vögel heiraten nicht. Doch darum schert sich anscheinend keiner.

Er war ’ne Drossel, sie ’ne Amsel. Das geht in Ordnung, weil die Amsel zur Gattung der Drosseln gehört. Aber dann geht’s ab:

„Der lange Specht, der lange Specht,

der macht der Braut das Bett zurecht. – Und:

Das Drosselein, das Drosselein,

das führt die Braut ins Kämmerlein.“

Das ist purer Sexismus auf Kosten der Kreatur! Nehmt euch mal ein Beispiel am Wonnemonat. Komm, lieber Mai:

„Jetzt muss mein Steckenpferdchen

dort in dem Winkel stehn,

denn draußen in dem Gärtchen

kann man vor Schmutz nicht gehn.“

Tierschutz, Damen und Herren, fängt beim Steckenpferd an. Deshalb: Schluss mit fidirallalla.

Stimmt. Dem ist nichts entgegenzusetzen. Diese Überschrift aus einer Zeitung ist der Beweis.

Reinhard Berger, 31. Oktober 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Reinhard Berger

Allerleikeiten: Reinhard Berger, geboren 1951 in Kassel, Journalist, Buchautor, Hunde- und Hirnbesitzer.
Vergänglichkeiten: Vor dem Ruhestand leitender Redakteur der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (HNA).
Herzlichkeiten: verheiratet, zwei Söhne, zwei Schwiegertöchter, drei Enkel, ein Rottweiler.
Anhänglichkeiten: Bach, Beethoven, Bergers Nanne (Ehefrau).
Auffälligkeiten: Vorliebe für Loriot, Nietzsche, Fußball, Steinwayflügel, Harley-Davidson.
Öffentlichkeiten: Schlauberger-Satireshow, Kleinkunstbühne.
Alltäglichkeiten: Lebt auf einem ehemaligen Bauernhof.


www.facebook.com/derschlauberger

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