Hilary Hahn auf der Höhe der Kunst

Houston Symphony Orchestra, Hilary Hahn, Andrés Orozco-Estrada,  Wiener Konzerthaus

Wiener Konzerthaus, Großer Saal
Houston Symphony Orchestra
Hilary Hahn, Violine
Andrés Orozco-Estrada, Dirigent

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Viele Klassik-Begeisterte sehnen sich nach packenden, berührenden Live-Erlebnissen. Klassik-begeistert.de bringt Impressionen von Autorinnen und Autoren, die unsere Leserinnen und Leser am meisten berührt haben. Teil 4, Wiener Konzerthaus, Hilary Hahn, Andrés Orozco-Estrada und das Houston Symphony Orchestra.

von Bianca Schumann

Ein höchst kontrastreiches Programm bescherte das Houston Symphony Orchestra am Donnerstagabend dem überaus zahlreich erschienenen Publikum im Großen Saal des Wiener Konzerthauses. Wurde die erste Hälfte von zwei Werken des Amerikaners Leonard Bernstein gefüllt, so gehörte der zweite Teil ganz dem in St. Petersburg geborenen Dimitri Schostakowitsch.

Die drei Tanzepisoden, die Bernstein aus seiner musikalischen Komödie On the Town zu einer eigenständigen gleichnamigen Suite zusammenschusterte, enthalten die inhaltliche Quintessenz der gesamten Handlung der Komödie.

Die Handlung der Komödie ist schnell erzählt. Sie spielt an einem einzigen Tag in New York, wo drei Matrosen ihren Landurlaub verbringen und auf der Suche nach Abenteuern mit jungen Damen sind. Das Ganze spielt sich in der U-Bahn, einem Taxi, einem Museum, der Carnegie Hall, am Times Square, verschiedenen Nachtlokalen und auf dem Jahrmarkt ab. Die Geschichte endet, wo sie begonnen hatte: Am Hafen, wo sich die Wege der Matrosen und der Damen trennen.

© Lukas Beck, Wiener Konzerthaus

Die drei autonomen Suitensätze, die insgesamt nur zehn Minuten in Anspruch nehmen, lassen nun beim besten Willen nicht erkennen, in welcher der genannten Umgebungen sich die Matrosen mit ihren Begleitungen befinden. Alles was man sagen kann, ist, dass es überaus heiter, man möchte fast sagen: derb zugeht in dieser Musik. Diese Stücke leben von einer Plakativität an rhythmischen Elementen, die man im Rahmen einer musikalischen Komödie im Ganzen sicher gut verkraften kann. Doch als autonome symphonische Stücke kommt dann nur noch der Hörer auf seine Kosten, der an jeder Ecke von einem anderen komischen Effekt und einem noch lauteren Knall immer wieder aufs Neue bespaßt werden möchte.

Das Programm des zweiten Werk Bernsteins ließ auf tiefgründigeres hoffen. Eine Serenade, die ein musikalisches Symposium darstellen solle, folgte als nächstes. Doch was hat sich Bernstein denn da vorgenommen? Lobreden auf den vermeintlichen Gott Eros wollte Bernstein vertonen. Lobreden, welche von Phaidros, Pausanias, Aristophanes, Eryximachos, Agathon und Sokrates, der vom betrunkenen Alkibiades in seiner Rede jäh gestört wird, scheinen aber auf den ersten Blick tatsächlich etwas zu abstrakt, um von der wortlosen Kunst der Musik abgebildet werden zu können.

Und so konnte es kaum anders kommen: Die fünf Sätze wiesen zwar teils Momente hymnischer Andacht, teils Momente originellen Humors auf, der rote narrative Faden aber war nur äußerst schwerlich zu verfolgen.

Zum Glück hatte der in Kolumbien geborene Dirigent des Abends, Andrés Orzco-Estrada, eine Stargeigerin als Unterstützung für diese Programmnummer eingeladen. Niemand Geringeres als Hilary Hahn spielte den Part der Solovioline und dies mit erwarteter Brillanz.

Bereits die das Werk eröffnenden solistischen Phrasen, in denen das zentrale Material des ersten Satzes vorgestellt wird, zogen die Zuhörer in den Bann der 38 Jahre alten Amerikanerin. Durch die verschiedenen Episoden des Symposiums führte sie Publikum und Orchester mit Humor, technischer Perfektion und großartiger Leichtigkeit. Das Vibrato, mit dem Hahn selbst die vertracktesten Doppelgriffe belebte, sucht seinesgleichen: Vollkommene Kontrolle. Ebenfalls das Piano, das sie ihrem Instrument (einem Guaneri-del-Gesù-Nachbau vom französischen Geigenbauer Jean-Baptiste Vuillaume) entlockte, war äußerst zart und trotzdem tragend.

Das Publikum dankte mit anhaltendem Beifall und entließ die dreifache Grammy-Preisträgerin erst nach einer exzellent vorgetragenen Zugabe, der Sarabande aus der Partita Nr. 1 von Johann Sebastian Bach in h-moll, in die Pause.

Was nun folgte, war – wie bereits angekündigt – so ziemlich das Gegenteil von dem, was bislang vernommen wurde. Weg von schmissiger Rhythmik, von der leichten Tonsprache, von den witzigen Programmen.

Zwar nimmt Schostakowitsch in seiner 5. Symphonie in d-moll die Avanciertheit seiner Tonsprache, die er in den vorherigen Werken – insbesondere seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk – entwickelt und präsentiert hatte, teilweise zurück. Doch als leichte Kost kann diese viersätzige, 45-minütige Symphonie in direkter Gegenüberstellung zu den präsentierten Kompositionen Bernsteins beim besten Willen nicht bezeichnet werden.

Das in seiner Klangwirkung mächtige Werk ist in weiten Teilen klar strukturiert und die Entwicklung der musikalischen Form kann vom Hörer gut nachvollzogen werden.

So beginnt der erste Satz mit kleinen motivischen Bruchstücken, aus deren kanonischer Imitation sich das Hauptthema entwickelt. Bald erklingt das Thema in verschiedenen Instrumentengruppen. Eine Verarbeitung des Materials ist noch nicht zu vernehmen. Dann das zweite Thema. Es ist lyrischen Charakters und erklingt beginnend in den Streichern. Umspielt wird es von Holzbläsern. Dann die Durchführung: Das Klavier setzt ein. Welch Überraschung, hatte es doch bis dahin geschwiegen. Die Blechbläser bekommen nun die Möglichkeit, ihr Können zu demonstrieren, sind sie es doch, die diesen Formteil dominieren. Der Eintritt der Reprise ist durch einen Unisonogesang des vollen Orchesters gekennzeichnet. Der Schlussteil gewinnt seine Dynamik durch die Umkehrung des Hauptthemas, die der Musik neue, letzte Impulse verleiht.

© Werner Kmetitsch: Andrés Orozco-Estrada

Dem Houston Symphonie Orchester gebührt alle Ehre. Orzco-Estrada führte souverän, die Stimmführer folgten eigenständig, sodass das ganze Orchester bis ins kleinste Detail harmonierte.

Der Schlussapplaus wollte kaum ein Ende nehmen. Erst nachdem das Orchester das Publikum mit der neunten Variation von Edward Elgars Enigma beschenkt hatte, endete der Konzertabend und auch Hilary Hahn stahl sich schnell und heimlich aus der Dirigentenloge, aus der sie der Symphonie gelauscht hatte.

Bianca Schumann, 16. März 2018, für
für klassik-begeistert.de

Leonard Bernstein
Three dance episodes (On the town) (1944-1945)
Serenade (1954)
Zugabe: Johann Sebastian Bach
Partita Nr. 1 h-moll BWV 1002 für Violine solo (5. Satz: Sarabande) (1720)
Dmitri Schostakowitsch
Symphonie Nr. 5 d-moll op. 47 (1937)
Zugabe: Edward Elgar
Variations on an original theme «Enigma» op. 36 (Var. IX: Nimrod) (1898-1899)

 

 

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