Diese Musik sättigt die Seele

Philharmonia Orchestra, Hilary Hahn, Paavo Järvi,  Elbphilharmonie Hamburg, 30. Januar 2019

Foto: © Claudia Höhne
Hilary Hahn, Paavo Järvi und das London Philharmonia Orchestra ziehen das Publikum der Elbphilharmonie in ihren Bann.

Elbphilharmonie Hamburg, 30. Januar 2018

Philharmonia Orchestra
Hilary Hahn Violine
Dirigent Paavo Järvi

von Eva Stratmann

Manchmal gibt es Musik, die sättigt die Seele, wie ein besonderes Menü den Magen. Dieser Abend in der Elbphilharmonie bot in dem Sinne zwei Menüs nach einander und dazu noch zwei Desserts. Schon nach dem ersten Teil war mein musikalisches Gemüt so zufrieden, dass ich gern am nächsten Abend zurückgekehrt wäre um Teil zwei zu hören.

Was ist auch zu erwarten, wenn ein hervorragender Dirigent, ein erstklassiges Orchester und eine Solistin der Extraklasse im teuersten Musiktempel Europas zusammenkommen? Es musste großartig werden: Im ausverkauften Großen Saal eröffneten Järvi und das London Philharmonia Orchestra den Abend mit Beethovens „Coriolan“-Overtüre. Der Beethoven-Experte unter den Dirigenten braucht offensichtlich keine Ouvertüre, um sich und die Musiker aufzuwärmen. In diesen gerade einmal zehn Minuten boten Järvi und das Londoner Orchester vom zärtlichen Einsatz über kraftvolle Steigerungen und stets saubere Tempi einen mit meisterhafter Exaktheit dargebotenen Beethoven-Genuss, getragen von Järvis Leichtigkeit und Eleganz.

Diesem großartigen Einstieg folgte das, worauf ich mich heute am meisten gefreut hatte: die Solistin Hilary Hahn. Mit mädchenhaftem Charme, beispiellos präzisem Spiel und einer selbstverständlichen Präsenz tanzte sie durch die drei Sätze von Prokofiews erstem Violinkonzert. Mit 39 Jahren steht sie auf der Bühne, sieht aus wie 25 und musiziert, als wäre sie seit 50 Jahren dabei. Fehler scheint sie nicht zu kennen, dafür zeigt sie eine Perfektion auf ihrem Instrument, mit der sie sämtliche Herausforderungen der Partitur ohne erkennbare Mühe meistert.

Gerade in der Feinheit ihrer leisen Töne vermag Hilary Hahn die akustischen Qualitäten der Elbphilharmonie hervorzukitzeln. Der komplizierte Saal, in dem so vieles zu laut ist und manchmal etwas gar nicht gehört wird – Hilary Hahn weiß damit umzugehen. Schön zu erleben ist der Dialog zwischen Solistin und Orchester, in dem sich beide in bester weise unterstützen. Nach 20 Minuten, leider, ist dieses zauberhafte Spiel vorüber und das Publikum überschüttet Solistin, Orchester und Dirigent mit jubelndem Applaus und Bravo-Rufen – und bekommt zum Dank noch eine Zugabe von Bach geschenkt.

In Teil Zwei bekam das London Philharmonia Orchestra die Bühne, um sich zu zeigen. Ein großartiges Orchester, in dem wirklich jeder einzelne ebenso exzellent ist, wie alle zusammen. In Rachmaninows zweiter Sinfonie gab es eine Stunde lang Temperament, Schwung und Emotionen aus allen Registern. Das ist Musik für große Dramen und lodernde Liebesszenen! Akkorde, voller Feuer und Leidenschaft bis hin zu zärtlicher Feinheit umfangen die Hörer und lassen sie nicht los – das ist es, was das Londoner Orchester beherrscht. Verfeinert werden die mächtigen Emotionen von Järvi und seinem auf Dezentheit gerichteten Dirigat, mit dem er Leichtigkeit und Esprit unter die mächtigen Melodien mischt. Stets präzise und offensichtlich voller Freude bei seinen Musikern. Auch der zweite Teil wurde vom Publikum großzügig bejubelt. Und Järvi verabschiedete sich mit seiner immer wieder gern gehörten  Lieblingszugabe: Sibelius‘ Valse Triste.

Eva Stratmann, 1. Februar 2019, für
klassik-begeistert.de

Ludwig van Beethoven Ouvertüre c-Moll zu »Coriolan« op. 62
Sergej Prokofjew Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 D-Dur op. 19
Zugabe Solistin:
Johann Sebastian Bach Sonate Nr. 2 a-Moll BWV 1003 für Violine solo / Andante
Sergej Rachmaninow Sinfonie Nr. 2 e-Moll op. 27
Zugabe Orchester:
Jean Sibelius Valse triste op. 44/1 / Kuolema

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