Kindsmord am Marterpfahl –
Eine deutsche Medea an der Staatsoper Stuttgart

Luigi Cherubini, Medea, Staatsoper Stuttgart, 2. Februar 2019

Foto: © Thomas Aurin
Luigi Cherubini: Medea, Staatsoper Stuttgart, 2. Februar 2019

Musikalische Leitung Marie Jacquot
Inszenierung Peter Konwitschny
Bühne und Kostüme Johannes Leiacker

von Maria Steinhilber

Beethoven und Brahms waren sich in einer Sache einig, Luigi Cherubinis Médée als die Superlative der Dramatik zu krönen.  Drama ist aber fast schon untertrieben: Eifersucht, ein zerstückelter Bruder, Ehebruch, Iasons neue Flamme Kreusa, Vergiftung und last but not least, Kindsmord.

Die uralte Parabel drückt aus, wovor die Männer seit Jahrtausenden wahnsinnige Angst haben: Eine Frau denkt und agiert plötzlich männlich. Medea ist Heldin und Mörderin zugleich. Diese Partie war auch nicht zufällig für die Callas geeignet, eine Charakterrolle!

Der Hauptvorhang zeigt eine wunderschöne griechische Küstenlandschaft.  Tosende Wellen aus dem Orchestergraben zur bedeutsamen Ouvertüre in f-Moll. Kleine brechende Wellen, fast schon beunruhigend schön auf dem Vorhang skizziert.  Durch perfekt akzentuierte Pausen lässt Dirigentin Marie Jacquot Licht fluten. Tausend Bilder.  Fulminant und frei ab Sekunde Eins. Marie Jacquot verleiht der Ouvertüre Seele.

Geht der Vorhang auf, verwirft eine grelle Bühne die Meereseinsamkeit. Eine verschmutze Küche, Cocktailkleider in allen Sommerfarben, Matrosenanzüge, die Kinder als Micky-Mäuse. Um sie herum Berge von Müll. Plastik, so weit das Auge reicht.

In der Stuttgarter Inszenierung wird aus einer Médée eine Medea. Gesungen wird auf deutsch. Franz Lachners Rezitative werden durch deutsche Dialoge ersetzt. Die Oper ist in Stuttgart außergewöhnlich packend! Keine Pause. Vollste Gebanntheit.

Bei prallen zwei Stunden Cherubini Drama muss die Besetzung sitzen wie eine gute Jeans!

Fast am Überzeugendsten: Maria Theresa Ullrich als Amme Neris. Sie stemmt ihren Part gewaltig gut. In ihrer Arie überzeugt ihr Mezzosopran, man hängt an ihren Lippen. Jeder Ton ist geführt und gelebt! Das war eine wunderschöne Leistung. Kein Massenprodukt Opern-Ergebnis.

Kreon, Shigeo Ishino, stolziert mit Stuttgarter Hofbräu Bierdose und Elvis Attitude auf der Bühne. Sein Bariton ist angebracht groß genug für die Rolle des korinthischen Königs. Er hat Kreon Power in sich.

Josefin Feiler als Kreusa findet keine Rast. Ihr Sopran erliegt positivem Wiedererkennungseffekt. Wieder einmal: „Gut gemacht!“

Simone Schneider als Medea © Martin Sigmund

Kammersängerin Simone Schneider debütiert als Medea. Ihr Sopran fließt wie ein guter Whisky warm und weich durch die Resonanzräume. Kein Callas Klang. Wie eine gestrandete Außenseiterin sitzt sie „Rusalka-like“ vor der griechischen Meereskulisse.

Ab und an etwas zu schnippisch. In messerscharfer Artikulation beschwört sie die Eumeniden. Darauf folgt Kindsmord am Marterpfahl. „Doch die Kinder, warum?“ -„Weil du ihr Vater warst!“

An ihrer Seite debütiert auch Matthias Klink als Iason. Zu Beginn noch nicht hundertprozentig befreit. Der Klang noch nicht verschmolzen mit dem Orchester. Das war nur die Ruhe vor dem Sturm: Er bewegt sich mit technischer Sicherheit und sogar Brillanz. Eine reife Leistung!

Ein Inferno des Grauens besingt der Opernchor und verdient sich großes Lob. Die Masse sticht am Ende Medea und Iason nieder. Die Toten liegen vor der Meereskulisse.

Marie Jacquot schließt mit Frauenpower das dramatische Werk. Zurecht schreibt der Theaterautor Jean Anouilh „Wahrscheinlich wird nie mehr eine Mutter ihre Tochter Medea nennen.“

Maria Steinhilber, 4. Februar 2019
für klassik-begeistert.de

Licht Reinhard Traub
Chor Manuel Pujol
Dramaturgie Bettina Bartz
Medea Simone Schneider
Iason Matthias Klink
Kreon Shigeo Ishino
Kreusa Josefin Feiler
Neris Maria Theresa Ullrich
Brautjungfer Fiorella Hincapié
Brautjungfer Aoife Gibney
Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart

 

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