Sternstunden in der Provinz: Anna Netrebko und Yusif Eyvazov brillieren vor 539 Zuschauern im Carmen Würth Forum in Künzelsau

Anna Netrebko und Yusif Eyvazov, Würth Philharmoniker, Claudio Vandelli,  Carmen Würth Forum, Künzelsau

Foto: Würth /Ufuk Arslan (c)
Carmen Würth Forum
, Künzelsau, 26. Mai 2018
Anna Netrebko und Yusif Eyvazov
Würth Philharmoniker
Claudio Vandelli, Dirigent

Am Mittwoch standen Sie noch in der Royal Albert Hall in London auf der Bühne, drei Tage später sangen sie im Reinhold Würth Saal im Carmen Würth Forum in Künzelsau, Baden-Württemberg. Dieses Kongress- und Kulturzentrum hat einer der reichsten Menschen Deutschlands, der Unternehmer (Adolf Würth GmbH & Co. KG) und Multimilliardär (geschätztes Vermögen: 12,8 Milliarden US-Dollar) Reinhold Würth, anlässlich des 80. Geburtstages seiner Ehefrau Carmen Würth gleich neben den Firmensitz in Künzelsau, Ortsteil Gaisbach, bauen lassen. 539 Zuschauer finden Platz im Saal – weitere 300 sahen die Veranstaltung auch auf Leinwand im Großen Saal.

Gekommen war die derzeit beste Sängerin der Welt: Anna Jurjewna Netrebko, geboren in Krasnodar, 46 Jahre alt, Sopranistin. Die Russin mit österreichischem Pass sang gemeinsam mit ihren Ehemann Yusif Eyvazov, 41, Arien von Giuseppe Verdi, Giacomo Puccini, Richard Strauss, Pablo Sorozábal, Nikolai Rimski-Korsakoff, Fikret Amirov und Alfredo Catalani.

Und das Glamour-Ehepaar gab wirklich alles. Beide sangen mit voller Inbrunst, mit ganz viel Ausdruckskraft, Hingabe und viel Gefühl – und schienen ihren Auftritt in der Provinz sichtlich zu genießen. Dies war einer der besten Auftritte von Anna Netrebko, den ich je erlebt habe – und der mit Abstand beste von Yusif Eyvazov! Auch die Würth Philharmoniker unter dem agilen und präsenten Claudio Vandelli gaben einen tadellosen Abend mit viel Italianità. Die Akustik im Saal ist hervorragend, warm und voll.

Gemeinsamer Höhepunkt des Abends war das „Mario, Mario, Mario“ aus dem 1. Akt der Puccini-Oper „Tosca“: Dramatisch, berührend, aufwühlend – wunderbar! Das bieten die beiden auch an der Metropolitan Opera in New York nicht besser. Das war einsame Weltklasse! „Es ist phantastisch, dass wir in Gaisbach so etwas geboten bekommen“, bilanzierte eine ältere Dame aus Künzelsau.

Sternminuten des Abends waren Netrebkos Arie der Wally „Ebben…ne andrò lontana von Alfredo Catalani, bei der man eine Stecknadel hätte fallen hören, so leise war es im Saal. Anna Netrebko sang mit ganz viel Gefühl, zum Weinen schön. Die Stimme golden-samtig, das Vibrato gefühlvoll, die Töne in der tiefen Lage wunderbar abgedunkelt und in der Höhe atemberaubend schön und klar.

Yusif Eyvazov hatte seine stärksten Momente in der „Turandot“-Arie „Nessun dorma“ von Puccini. Das war Weltklasse, lieber Herr Eyvazov, in allen Lagen! Geerdet, flexibel, strahlend – wunderbar. Unglaublich, wie Sie sich in der letzten Zeit entwickelt haben!

Glücks- und Gänsehautmomente auch noch einmal während der Zugabe, als das Ehepaar traumhaft gefühlvoll und anmutig „Cantami“ von ihrer CD „Romanza“ sang. Bravi allenthalben. Ovationen im Stehen. Minutenlanger Applaus.

Star des Abends war natürlich Anna Netrebko, jene Sängerin, die ihr Publikum zu berühren vermag wie keine andere. Am Samstagabend sang der Weltstar mit einer Hingabe und Vollkommenheit, mit einer Intensität und Energie, die sprachlos machte. Das war in weiten Passagen Gänsehaut pur!

Das war Annamagic! Ganz herzlichen Dank, verehrte Frau Netrebko, Sie machen die Menschen glücklich!

„Wie elegant, wie sensibel, wie ausdrucksstark, wie sie mit jeder Note spielt, diese als Ton in die Luft wirft, balanciert, moduliert, wie sie Pianissimi ins Auditorium zaubert, aber stets so, dass selbst der zarteste Hauch den ganzen Raum erfüllt – all das ist meisterhaft“, schrieb „Der Kurier“ über die außergewöhnliche Sangeskunst der Frau Netrebko trefflich.

Anna Netrebkos Gesang entspannt. Ihre satte, frauliche Tiefe und ihre strahlende Höhe sind vom Piano bis zum Forte gleichermaßen stark; ihr Timbre ist mittlerweile so abgedunkelt, dass es (fast) wie ein Mezzo klingt, ihre strahlenden Spitzentöne sind ungebrochen, ihre Phrasierungen sind traumhaft schön. Es gleicht einer Explosion, wenn sie ihre Energie zum Glühen bringt.

„Netrebko ist ja immer noch und immer wieder den Bohei wert, den man um sie macht“, schrieb Der Tagesspiegel über Anna Netrebko. „Die Batterie, die diesen Sopran befeuert, erscheint in manchen Momenten eher wie ein Kernreaktor.“ Ihre Stimme werde stets getragen „von einer purpurnen, rotglühenden, vulkanischen Unterströmung“.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung jubelte: „Diese Sängerin ist den erhöhten Eintrittspreis dreifach wert. Jeder Ansatz, jedes Crescendo, jede Geste, jedes Pianissimo, jeder Triller: Es passt.“

Es war auch an diesem Abend überwältigend, wie Anna Netrebko Spitzentöne ansteuerte und dann ein Diminuendo bis fast zur Lautlosigkeit ausformte – das war Stimmkunst in vollendeter Form. „Netrebkos Stimme ist makellos, zärtlich, die Koloraturen freizügig girrend, aufblühend“, schrieb die Berliner Morgenpost.

„Es ist für mich ein wahres Glück, einen solchen Abend erlebt zu haben“, sagte die Wienerin Nina Fuchs nach Netrebkos letztem Auftritt in Wien. „Die Netrebko ist eine begnadete Sängerin. Sie versteht es mit ihrer Stimme wie keine andere, das Publikum zu berühren und verführen. Wenn Anna Netrebkos Stimme traurig klingt, bin ich auch traurig. Wenn sie glücklich klingt, bin ich auch glücklich.“

„Je älter sie wird, desto schöner singt sie“, sagte Peter Förster nach Netrebkos letztem Auftritt an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. „Ihre Stimme ist reifer und voluminöser geworden. „Anna Netrebkos Gesang geht einfach unter die Haut.“

Auch seine Frau Annemarie Förster war hin und weg: „Ihr Gesang erweckt in mir die Gefühle einer Frau, einer Mutter und einer Tochter. Für uns ist Stimme das schönste Instrument. Was man aus diesem Geschenk Gottes machen kann, ist beeindruckend.“

„Anna Netrebko singt ganz außergewöhnlich“, sagte der Germanistik- und Anglistik-Student Jakob Schepers. „Bei ihr kommen Klarheit und Gefühl gleichermaßen zum Ausdruck – sie hat etwas, das andere Sopranistinnen nicht drauf haben. Anna Netrebko kann stärker Emotionen herüberbringen als andere Sängerinnen.“

Auch die Sängerin Christa Luckow aus Bardowick (Niedersachsen) war hin und weg: „Die Größe ihrer Stimme ist wunderbar, das Spektrum ihrer Klangfarben ist grandios: In die Tiefe ist sie ein warmer Mezzo, in der Höhe ist ihre Strahlkraft ungebrochen. Ihre Koloraturen sind hinreißend eingebettet in eine gesamtrunde Stimme.“

Einen wirklich bärenstarken Abend in Künzelsau hatte Netrebkos Ehemann Yusif Eyvazov, Sohn eines Universitätsprofessors aus Aserbaidschan, in Algerien geboren und aufgewachsen im aserbadschanischen Baku. Es ist phantastisch, wie dieser Tenor in den letzten Monaten gereift ist. War er im vergangenen Jahr vor allem anfangs meist noch nicht ganz auf Betriebstemperatur und öfter nicht perfekt eingesungen, so saß an diesem Abend jeder Ton von der ersten Sekunde an. Die Strahlkraft Eyvazovs war beeindruckend. Das Metallisch-Glanzvolle seiner Stimme war deutlich weniger ausgeprägt als zuletzt an der Mailänder Scala oder an der Wiener Staatsoper. Zu erleben war ein Tenor der Spitzenklasse mit geerdeten Tönen in der tiefen Lage, einer ausbalancierten Mittellage und einer bestechenden, wunderbaren höheren Lage. Herr Eyvazov, arbeiten Sie weiter so an Ihrer Stimme, dann werden Sie einer der besten Tenöre der Welt!

Zwei Wermutstropfen an diesem Abend: Drei Fotografen hatten die Erlaubnis bekommen, während (!) der ersten Stücke zu fotografieren. Die Auslösergeräusche ihrer Kameras waren im ganzen Saal zu hören – absolut unpassend, sehr störend und unüblich. Und leider waren etliche Zuhörer wenig konzert-erprobt und führten auch während der Aufführung lautstarke Gespräche. Die Veranstalter sollten das Publikum in Künzelsau vor der Aufführung um absolute Ruhe bitten.

Andreas Schmidt, 27. Mai 2018,
für klassik-begeistert.de

3 Gedanken zu „Anna Netrebko und Yusif Eyvazov, Würth Philharmoniker, Claudio Vandelli,
Carmen Würth Forum, Künzelsau“

  1. Unerträglich, was der Autor da als „Kritik (= Besprechung eines Konzertes)“ absondert.
    Zitate von sonstwoher und Lobhudelei ohne Ende.

    Tut mir leid, aber die „weltbeste Sängerin“ habe ich gestern abend in Berlin erlebt, und das war NICHT Frau Netrebko!

    Waltraud Riegler

    1. Sehr geehrte Frau Riegler,

      waren Sie in Künzelsau dabei und können über die Leistung von
      Frau Netrebko urteilen?

      Auch ein Kritiker darf einmal besonders loben, wenn eine Darbietung
      vollkommen war. An diesem Abend im Carmen Würth Forum haben beide Sänger
      eine Weltklassedarbietung geboten.

      Aber die Geschmäcker sind ja bekanntlich unterschiedlich. Wer ist denn
      bitte für Sie die „weltbeste Sängerin“? Anja Harteros? Die schätze ich auch
      außerordentlich und habe schon viele überschwängliche Kritiken über sie geschrieben.
      Aber der Sopran von Anna Netrebko hat noch mehr Nuancen, noch mehr Farben, ist noch beseelter. Die Sopranistin Anja Harteros ist für mich die zweitbeste Sängerin der Welt – gemeinsam mit der Mezzosopranistin Elina Garanca. Und zum Glück gibt es noch viele ganz hervorragende Sängerinnen und Sänger auf diesem Planeten.

      Herzliche Grüße

      Andreas Schmidt
      Herausgeber
      klassik-begeistert.de

      1. Sie haben recht. Ich finde auch, dass Frau Harteros gut ist, aber mann kann sie nicht vergleichen mit Anna Netrebko. Anna ist einfach ein Vulkan, im Vergleich dazu ist Anja Harteros Strohfeuer.

        Cedomir Bogoszavliev

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