Volksoper Wien: "Rusalka" zeigt den schonungslosen Kampf zwischen Mensch und Natur

Volksoper Wien, 25. März 2018
Antonín Leopold Dvořák, Rusalka

Alfred Eschwé, Dirigent
Renaud Doucet, Regie
André Barbe, Ausstattung

Caroline Melzer, Rusalka
Vincent Schirrmacher, Prinz
Melba Ramos, Fürstin
Yasushi Hirano, Wassermann
Annely Peebo, Hexe
Alexandre Beuchat, Jäger
Julia Koci, Küchenjunge
Günter Haumer, Heger

von Jürgen Pathy

„Mensch bleibt stets Mensch, der Schöpfung Abschaum nur, von seinen Wurzeln längst schon abgetrennt“ tönt es warnend aus dem Munde der Hexe. Der Kampf zwischen Natur und Mensch steht im Mittelpunkt des am 31. März 1906 uraufgeführten lyrischen Märchens „Rusalka“ aus der Feder des tschechischen Dichters Jaroslav Kvapil – der deutsche Text stammt von Eberhard Schmidt.

Das Fabelwesen Rusalka, eine Wassernixe, sehnt sich der Liebe wegen in das Reich der Menschen aufgenommen zu werden. Den warnenden Worten des Wassermanns ungeachtet, taucht sie mithilfe der Hexe Ježibaba in die Menschenwelt ein – unter zwei Bedingungen: Rusalka verliert ihre Stimme; gelingt es ihr nicht, das Herz des angebeteten Prinzen zu erobern, muss sie ins Wasserreich zurückkehren und dem Geliebten den Tod bringen.

Zuvor beichtet Rusalka, dargestellt von Caroline Melzer, im herzergreifenden Lied an den Mond ihre tiefe Sehnsucht. Der Mond als auch die lyrischen Klänge der Harfe werden zu Rusalkas treuen Begleitern. Eine Nymphe mit metallischem Timbre, nicht ganz das große Stimmvolumen einer Evelyn Herlitzius, aber von ähnlicher Klangfarbe. Dem treuen Volksopernbesucher sollte die hessische Sopranistin bestens bekannt sein. Unter Alfred Eschwé, der samt in Hochform spielendem Volksopernorchester im Laufe des Abends zu einem hellleuchtenden Stern gedeiht, konnte sie das Wiener Publikum bereits in einigen weiteren Partien für sich gewinnen. Beide, der großartige Kapellmeister samt berauschendem Orchester, als auch die deutsche Sängerin genießen lautstarken Schluss-Applaus.

Der angehimmelte Prinz ist in dieser mahnenden Inszenierung eine Mixtur aus 1980er-Jahre Dandy und Emporkömmling der hochkonjunkturellen Nachkriegszeit, der sein Weib im mondänen Motorboot vorfährt. Das junge Ensemblemitglied Vincent Schirrmacher hat darstellerisch wie auch im tiefen Register Luft nach oben, kann aber im letzten Akt der hauptsächlich im höheren Bereich deklamiert wird, einiges wieder gutmachen. Dem Wiener Publikum scheint der deutsche Tenor mit asiatischen Wurzeln, der einen Teil seiner Ausbildung an der berühmten New Yorker Juilliard School genießen durfte, auf jeden Fall zu gefallen.

Wassermann und Rollendebütant Yasushi Hirano wirkt anfangs stimmlich zu unbeweglich, kann seinen Kloß im Hals mit Fortdauer jedoch loswerden und singt seine Partie letztendlich solide zu Ende.

Zwei Ensemblemitglieder dürfen die Bretter nur kurz betreten: Sopranistin Melba Ramos, als Fürstin, und der österreichische Bariton Günter Haumer, als Heger, zeigen sich kurz aber solide.

Der estnischen Mezzosopranistin Annely Peebo, 46, sind als Hexe Ježibaba einige glorreiche Momente mehr vergönnt. In einem rostbraunen Kostüm, das vor verfilzten Haaren strotzt, mimt sie einen überzeugenden alten Besen.

Einen bleibenden Eindruck hinterlassen die beiden nur im Duett auf der Bühne erscheinenden Julia Koci, als Küchenjunge, und Alexandre Beuchat, als Jäger. Oskar Czerwanka-Stipendiat Beuchat kann sowohl darstellerisch als auch stimmlich der Partie seinen persönlichen Stempel aufdrücken. Es macht großen Spaß den jungen Bariton bei seinen künstlerischen Ausuferungen zu beobachten.

Wenn man bedenkt, dass dies die Wiederaufnahme des lyrischen Märchens gewesen ist, in der einige Charaktere noch etwas unsicher auftraten (Wassermann, Prinz), andere ihre Rollendebüts feierten, war es ein lohnenswerter Ausflug in das traditionsreiche Wiener Opernhaus im 9. Wiener Gemeindebezirk. Alleine schon des fesselnden Klangteppichs wegen, den Maestro Alfred Eschwé, 68, und das großartige Volksopernorchester zu erzeugen vermochten – und wegen der gesellschaftskritischen Inszenierung (2010) des Künstler-Gespanns Renaud Doucet und André Barbe , deren Wink mit dem erhobenen Zeigefinger wichtiger ist als je zuvor. Chapeau, meine Herren!

Die Moral von der Geschichte: die Natur (Rusalka) meint es gut mit den Menschen (Prinz), die jedoch geblendet von Oberflächlichkeiten, Luxus und Profitgier zu spät den wahren Sinn des Lebens erkennen und ungebremst in ihr eigenes Verderben rennen.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 27. März 2018,
für klassik-begeistert.at

 

Ein Gedanke zu „Antonín Dvořák, Rusalka, Volksoper Wien“

  1. Vielen Dank für diesen sehr schönen und kurzweiligen Artikel.

    Vor 112 Jahren stellt der tschechische Dichter Jaroslav Kvapil große Fragen. Leider finden Fragen und Aussagen von Geistesmenschen zu wenig Gehör.

    Möge die Menschheit nicht zu spät „den wahren Sinn des Lebens erkennen“ und nicht „ungebremst in ihr eigenes Verderben rennen“.

    Und falls wir den Lauf der Menschheit schon nicht positiv beeinflussen können, so möge wenigstens die Macht der Kunst mit uns sein!!!

    Hoffentlich wird das nicht wörtlich der Fall sein müssen, doch wenn es sich nicht vermeiden lassen sollte, können wir dank großer Künstler aus Vergangenheit und Gegenwart zumindest in Schönheit untergehen.

    Sebastian Koik

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