Auf den Punkt 52: Lebensatem Musik… Pflichtlektüre vorm nächsten Elbphilharmonie-Besuch

Auf den Punkt 52: Lebensatem Musik… klassik-begeistert.de, 4. April 2025

Buchbesprechung:

Als Schüler weiß man zuweilen nicht genug zu schätzen, dass Lehrer nicht immer nur Besserwisser sind. Sondern großartige Persönlichkeiten. Helga Weckwerth ist so ein Beispiel. Musiklehrerin am Gymnasium Sylt. In Ihrem Haus auf dem Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog hat sie Kammermusikabende gegeben. Bei der Lektüre von Lebensatem Musik, der exzellenten neuen Biographie über Christoph Eschenbach, ist mir Frau Weckwerth erneut begegnet.


Margarete Zander
Christoph Eschenbach   
Lebensatem Musik 

von Jörn Schmidt

Helga Weckwerth war auch Autorin. In den 80er  Jahren hatte sie bei Eliza Hansen Klavierunterricht genommen. Ihr auf diese Zeit blickendes Buch Eliza Hansen: Pianistin, Cembalistin, Mensch, ihre Spuren in meinem Leben enthält Beiträge von Justus Frantz, David Geringas und eben Christoph Eschenbach.

Margarte Zander greift diesen Beitrag aus Weckwerths Buch in Lebensatem Musik wieder auf. Eine Leitsatz von Eliza Hansen lautete:

Das erste Pianissimo fängt das Publikum!

Eschenbach hat dieser eine Satz stark geprägt: „Eliza Hansen hat auf subtilste Weise die innere Psychologie der Musik für mich geöffnet, mir damit die ganze Skala von Ausdrucksmöglichkeiten gezeigt, vor allem durch Phrasierungen, Musik ›sprechen‹ zu lassen, also Diktion und Farbgebung.

Es sind diese kleinen Episoden, die den Menschen und Künstler Christoph Eschenbach trefflich charakterisieren. Und die Biographie höchst lesenswert machen. Jede Station von Eschenbachs Karriere wird mit Zitaten von  Weggefährten und natürlich auch Eschenbach selber beleuchtet.

Christoph Eschenbach © Jonas Holthaus

Matthias Goerne charakterisiert Eschenbach aus der Perspektive des Baritons:

Er spielt eine Probe mit der gleichen Intensität und inneren Haltung wie ein Konzert. Und es ist immer diese bestimmte innere Haltung – das Unbedingte, das ein Interpret haben muss. Dieses Total-da-Sein, sich in dem Moment völlig darauf Einlassen, selbst bei Wiederholungen.

Für Goerne ist das ein Alleinstellungsmerkmal, jedenfalls aber ein Umstand, der den Unterschied macht:

Selbst wenn man eine Passage zehnmal wiederholt, spielt Christoph sie auch beim zehnten Mal mit derselben Hingabe. Sein Vermögen, sich immer wieder neu in die Musik hineinzufühlen, ist enorm. Mit ihm kann man so tief in die Musik eintauchen, dass man in diesem Moment kein Publikum braucht.“

Die Bandbreite der Themen, die Zander abarbeitet, ist riesig. Nur beispielhaft: Eschenbachs erste Chefdirigentenposition, sein Debüt als Operndirigent, das Wunder von Houston. Außerdem Orchester, die Eschenbach geprägt hat:

NDR Sinfonieorchester, Orchestre de Paris, Philadelphia Orchestra, National Symphony Orchestra Washington, Konzerthausorchester Berlin, Copenhagen Phil – hele Sjaellands Symfoniorkester, NFM Filharmonia Wrocławska.

Natürlich sind auch Idee und Gründung des Schleswig-Holstein Musikfestivals Thema und das Klavierduo Christoph Eschenbach / Justus Frantz. Sehr lesenswert ist das Kapitel mit der Liste der Künstler, die Eschenbach entdeckt und gefördert hat. Renée Fleming natürlich. Außerdem Tzimon Barto, Marisol Montalvo und Lang Lang.

Zurück zu Eliza Hansen. So ein Pianissimo, aber auch die große Schwester, die Stille. Beide sind unendlich wichtig im Konzertsaal. Laut kann schließlich  jeder. In der Elbphilharmonie gelten diese Gesetze zuweilen nicht, möchte man meinen. Ein Pianissimo ist da gerne mal Einladung, Unruhe zu verbreiten.

Möge jeder vorm nächsten Konzertbesuch Lebensatem Musik lesen. Ich bin mir sicher, dann wird das Pianissimo wieder mehr wertgeschätzt.

Jörn Schmidt, 4. April 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Hanna-Elisabeth Müller, WDR Sinfonieorchester, Christoph Eschenbach, Kölner Philharmonie, 13. Dezember 2019

Eröffnungsvorkonzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals, Sol Gabetta, NDR Elbphilharmonie Orchester, Christoph Eschenbach, Musik- und Kongresshalle, Lübeck

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