Bitte bleiben Sie Köln treu, Herr Eschenbach!

Hanna-Elisabeth Müller, WDR Sinfonieorchester, Christoph Eschenbach,  Kölner Philharmonie, 13. Dezember 2019

Foto: © Jonas Holthaus

Philharmonie Köln, 13. Dezember 2019

Hanna-Elisabeth Müller, Sopran

WDR Sinfonieorchester
Christoph Eschenbach, Dirigent

Richard Strauss – Malven („Aus Rosen, Phlox (und) Zin(n)ienflor“) TrV 297 (1948) für Singstimme und Klavier, Orchestrierung von Wolfgang Rihm

Richard Strauss – Vier letzte Lieder TrV 296 (1948) für Sopran und Orchester

Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 9 D-Dur (1909)

von Daniel Janz

Christoph Eschenbach, 79, kann man wohl zurecht als Ausnahmetalent bezeichnen. Schon früh wurden die Fähigkeiten des im Alter von 6 Jahren Verwaisten offensichtlich – heute ist er nicht nur ein renommierter Pianist und mehrfacher Preisträger, sondern auch einer der einflussreichsten Dirigenten der Gegenwart. Kein Wunder also, dass sein Besuch in Köln auf reges Interesse und an zwei aufeinanderfolgenden Tagen auf nahezu ausverkaufte Säle stieß. Einen solchen Gast hat man schließlich nicht so oft!

Dargeboten wurden an diesem Freitag Schlüsselwerke der Spätromantik – einige der komplexesten Lieder von Richard Strauss und als Hauptwerk Gustav Mahlers neunte ‚Abschiedssinfonie‘, die als herausragendes Übergangswerk zwischen Romantik und Moderne besonders hohe Anforderungen stellt. Damit treffen in diesem Programm nicht nur zwei der komplexesten Komponisten aufeinander, sondern auch zwei Tonsprachen, zu denen der Zugang nicht mehr automatisch gelingen muss.

Die Lieder von Richard Strauss bestechen durch gekonnt breite musikalische Malereien und vollste Klangausdrücke inklusive Selbstzitat aus „Tod und Verklärung“. Das volle Orchester bekommt auch die Solistin Hanna-Elisabeth Müller (34) aus Mannheim zu spüren. Mit ihrer kraftvollen Stimme muss sie immer wieder den breiten Klangeppich übertreffen, der bis ins kleinste Detail von Eschenbach durchstrukturiert wird. Elanvoll trumpft die Sopranistin dabei stets in Ergänzung zur Musik auf und erweist sich der Aufgabe als gewachsen. Was sich für sie wie ein Kampf anfühlen muss, erweckt den Eindruck von Leichtigkeit und Frische.

Hanna-Elisabeth Müller: Foto: Facebook

Leider stellt sich das Textverständnis durch alle Lieder hindurch als großes Manko dar. Dieser Umstand begründet sich aber womöglich nicht nur mit den kompliziert zu singenden Phrasen. Der Rezensent saß so weit an der Seite, dass die Solistin häufig seitlich oder sogar mit dem Rücken zu ihm positioniert war und nur noch das Programmheft über den Text aufklären konnte. Insofern soll dies Hanna-Elisabeth Müller nicht zum Vorwurf gemacht werden.

Noch komplexer gestaltet es sich dann bei Gustav Mahlers neunter Sinfonie, die der Komponist kurz vor seinem Tod vollendete, deren Uraufführung er jedoch nicht mehr miterleben konnte. Ein entsprechender Mythos rankt sich um dieses Werk, in dem stets der Eindruck überwiegt, dass die Musik zerfällt, sich am Ende gar in Stille auflöst. Die hohen Herausforderungen an das Herausarbeiten von Details und Akzenten bewältigt Eschenbach scheinbar mühelos, fast durchgängig gibt er sogar den Instrumenten als Gruppen oder bei den Soli ganz gezielte Einsatzsignale.

Diese Akzentgenauigkeit funktioniert natürlich nur dann, wenn die Musiker darauf auch eingestellt sind. Über weite Strecken gelingt das an diesem Abend, einige Unaufmerksamkeiten schleichen sich dann aber doch ein. So hält beispielsweise die Oboe ihren ausklingenden Ton am Ende des ersten Satzes zu lange und reagiert nicht auf das Zeichen Eschenbachs. Auch die erste Viola kann sich ein Stück weit im zweiten Satz zu wenig durchsetzen.

Zum Glück bleiben dies Einzelfälle. Im Großen und Ganzen lässt sich allen Orchesterabteilungen ein professionelles, wenn nicht gar meisterliches Auftreten anmerken. In Gänze begeistern die Holzbläser und das Blech als Gruppe. Das Schlagwerk hätte an einigen Stellen noch markanter sein können, überzeugt aber weitestgehend. An diesem Abend ragen auch wieder die Solopassagen des ersten Horns heraus. Dafür wird es am Ende stürmischen Sonderapplaus geben.

Foto: WDR / Tillmann Franzen

Auch die kompositorischen Kontraste, die Eschenbach aus den Musikern herauszukitzeln weiß, verleihen dieser Aufführung noch einmal besondere Strahlkraft. Nach einem aufwühlenden ersten und einem – stückweise etwas verhalten gespielten – zweiten Satz glänzt und kracht es zugleich in einem feurigen Rondo. Der dann folgende Kontrast eines über alle Maßen entschleunigten und dadurch herzzerreißend gespielten Abgesangs als Finale treibt einem als Zuhörer regelrecht die Tränen ins Auge.

Das setzt natürlich auch eine besondere Reife an das Publikum voraus, die heute Abend in Köln leider ein Stück weit fehlt. Am ganzen Abend ist auffällig viel Unruhe aus den Zuschauerrängen vernehmbar.

Damit ist nicht nur das ständig störende Husten gemeint – man müsste fast meinen, in der Stadt wäre eine Epidemie ausgebrochen –, während Eschenbach und das Orchester versuchen, die Stille musikalisch zu umarmen. Einige Besucher halten den ganzen Abend hindurch ihren Tratsch parallel zur Musik und stören damit nachhaltig den Konzertgenuss (man kann nur hoffen, dass wenigstens die Musiker von dieser Unverschämtheit verschont blieben).

Selbst das Ende bleibt nicht störungsfrei. Als Eschenbach demonstrativ seine starre Körperhaltung beibehält, um der ausklingenden Musik noch mehr Nachdruck zu verleihen, sind Geräusche aus den ersten Reihen hörbar, bei denen nicht ganz sicher ist, ob es sich nun um Stöhnen oder Schnarchen handelt. Diese verursachen zu allem Überfluss einen verfrüht einsetzenden Applaus, der ein Stück weit auch den Ausdruck des heute vorgetragenen Werkes trübt. Da fühlt man sich schon verleitet, die anschließenden Stehenden Ovationen ein Stück weit auch als Entschuldigung aufzufassen.

Was aber in Erinnerung bleiben wird, ist ein herausragender Abend mit einem nach wie vor auf Weltklasse dirigierenden Eschenbach. Musikalisch war es eine große Freude. Kommen Sie gerne bald wieder nach Köln!

Daniel Janz, 14. Dezember 2019, für
klassik-begeistert.de

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