Fulminanter Auftakt zum Schleswig-Holstein Musik Festival in Lübeck

Eröffnungsvorkonzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals, Sol Gabetta, NDR Elbphilharmonie Orchester, Christoph Eschenbach,  Musik- und Kongresshalle, Lübeck

Foto: Uwe Arens (c)
Musik- und Kongresshalle, Lübeck
, 30. Juni 2018
Eröffnungsvorkonzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals
Sol Gabetta, Violoncello
NDR Elbphilharmonie Orchester
Christoph Eschenbach, Dirigent

von Leonie Bünsch

Das Schleswig-Holstein Musik Festival geht los! Knapp zwei Monate finden in zahlreichen Spielstätten Schleswig-Holsteins vielfältige Konzerte erster Klasse statt. An diesem Samstag gab das Eröffnungsvorkonzert in Lübeck den Startschuss mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung seines einstigen Chefdirigenten Christoph Eschenbach.

Robert Schumanns Ouvertüre zur Oper „Genoveva“ ist zugleich eine passende Ouvertüre zu diesem Konzertabend. Der ausdruckstarke Werkteil, in dem die einzelnen Klangcharaktere die Handlung beschreiben, wirkt im Vergleich zum Rest des Abends unspektakulär und unaufgeregt. Dadurch bietet Christoph Eschenbach mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester einen sanften Einstieg in den Abend. Auch scheinen die Musiker die Ouvertüre zu brauchen, um in die richtige Konzertstimmung zu kommen. Dieser Anschein verdankt sich eventuell auch der musikalischen Grundstimmung, die vor allem Unruhe und Verstörung verheißt. Der hymnische C-Dur Schluss wirkt auch von Schumann selbst etwas zu gezwungen, ähnlich verhält es sich mit dem anschließenden Publikumsapplaus.

Ganz anders verhält es sich mit dem nächsten Programmpunkt. Sol Gabetta betritt den Saal, eine zarte Person mit starker Ausstrahlung. Es folgt das Konzert für Violoncello und Orchester von Edward Elgar, und nun sind wir angekommen im Schleswig-Holstein Musik Festival. Bereits mit den ersten drei Tönen vermag Sol Gabetta den Schmerz auszudrücken, den Elgar bei seiner Komposition empfunden haben muss. Doch es ist keine wehmütige Melancholie darin; es ist ein harter, trotziger Schmerz, der sich bei Elgar um 1918/19 eingestellt haben musste, als der Erste Weltkrieg einen Kulturbruch auslöste und Elgar als „aus der Mode gekommen“ galt. Diese Emotionalität drückt Gabetta auf beeindruckende Weise in ihrem Spiel aus.
Im ersten Satz übertönt das Orchester die Solistin noch an einigen Stellen, auch scheinen sich hin und wieder nicht alle Beteiligten auf ein Tempo einigen zu können, obwohl Eschenbach sehr präzise Angaben macht. Im zweiten Satz sieht das schon wieder ganz anders aus. In diesem seelenvollen Adagio ist das Zusammenspiel zwischen Gabetta und dem Orchester perfekt. Besonders in den leisen Passagen ist zu hören, wie gut sie sich aufeinander abgestimmt und miteinander eingespielt haben. Sol Gabetta spielt die leisesten Töne butterweich und macht ihrem Namen für kurze Zeit alle Ehre, indem sie im Musik- und Kongresssaal die Sonne aufgehen lässt (sol = spanisch für Sonne!).

Die Cellistin scheint die Musik mit jeder Faser ihres Körpers zu spüren. Sie schwelgt in ihrem Spiel und in den kurzen Passagen ohne Solo fängt sie fast an, auf ihrem Stuhl zu tanzen. Man spürt die Freude der Musik, und diese transportiert sie wunderbar auf das Publikum.

Als Dankeschön erhält sie tosenden Beifall, einen Handkuss des Dirigenten und Blumen, die sie vor freudigem Elan gleich wieder fallen lässt.
Nach der Pause folgt ein einem Festival-Auftakt wahrlich würdiges Stück: die „Symphonie fantastique“ von Hector Berlioz. Die musikalische Erzählung, die sich mit dem Leiden und Träumen des von heftigem Liebeskummer geplagten Komponisten beschäftigt, wirkt insbesondere durch die mitreißende Emotionalität.

Das Stück beginnt ganz unscheinbar, wobei sich hier bereits die Instrumentationskunst Berlioz‘ zeigt. Das Hauptmotiv, die „idée fixe“, zieht sich durch sämtliche Stimmen und wird so häufig wiederholt, dass man sie auch in späteren Sätzen in verzerrter Gestalt noch wiedererkennt.
Im zweiten Satz, der Ball-Szene, kommt Christoph Eschenbach richtig in Schwung. Halb zum Publikum gewandt, tänzelt er im Takt des Walzers, als wolle er die ersten Reihen auffordern, mitzutanzen. Er erntet einige Schmunzler im Parkett.

Die Symphonie hat durch ihren Verlauf eine geradezu fesselnde Wirkung. Alles strebt auf einen Höhepunkt zu. Nach dem „Marche au supplice“ könnte das Stück schon zu Ende sein, so fulminant ist das Satzende. Hier zeigt sich nun der Unterschied zwischen dem geschulten und disziplinierten Konzertpublikum bei der Eröffnung eines renommierten Festivals und den Konzert-Touristen in der Hamburger Elbphilharmonie, die mit Bussen abgeladen werden: statt johlend aufzuspringen, bleibt man leise sitzen und weiß, dass Berlioz noch immer nicht am Ende ist und nur noch einmal innehält vor dem großen Finale.

Und das Finale kommt, mit Wucht und Klangmasse! Spätestens jetzt sieht man die Spielfreude in den Gesichtern von Blechbläsern und Paukisten. Eschenbach platziert einzelne Instrumentalisten im Raum und erzeugt wirkungsvolle Klangeffekte. Der ekstatisch rasende Strudel zieht die Zuhörer in ihren Bann, und nachdem nun tatsächlich das Finale erreicht und der letzte Ton verklungen ist, bricht das Applaus-Gewitter los. Ein grandioser Festival-Auftakt, der Lust auf mehr weckt!

Leonie Bünsch, 1. Juli 2018, für
klassik-begeistert.de

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