Auf den Punkt 75: Tobias Kratzer als Talentscout

Auf den Punkt 75: Tobias Kratzer als Talentscout  Hamburgische Staatsoper, 9. November 2025

Tobias Kratzer © Robert Haas

Azim Karimov ist seit 2023 musikalischer Assistent von Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski an der Bayerischen Staatsoper. Gestern war Karimov  die Leitung einer Premiere anvertraut. Indes nicht in München, sondern an der Hamburgischen Staatsoper. Das macht neugierig.

Michail Glinka / Ruslan und Ljudmila PREMIERE

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Azim Karimov / Dirigent

Hamburgische Staatsoper, 9. November 2025

 von Jörn Schmidt 

Gegeben wurde „Ruslan und Ljudmila“ von Michail Glinka. Die Ouvertüre ist bei sinfonischen Konzerten sehr beliebt als Zugabe oder launiger Einstieg in das Programm. Das ganze Werk hört man indes selten.

Auch die zweite Premiere der ersten Spielzeit von Tobias Kratzer setzt also nicht auf die großen Zugpferde des Repertoires. Die Botschaft dahinter hat der Intendant der Hamburgischen Staatsoper in einem Interview verraten:

Nicht der Name zählt, um es in den Spielplan zu schaffen. Hauptsache, es ist wunderbare Musik, die jeder lieben wird. Lesen Sie dazu bitte das gesamte Interview hier bei klassik-begeistert.

Interview: kb im Gespräch mit Tobias Kratzer, Teil III Hamburgische Staatsoper, 6. Juli 2025

Was auf Robert Schumann, „Das Paradies und die Peri“, gemünzt war, gilt sicher auch für Glinkas bekannteste Oper.

Bei der Auswahl des Premieren-Dirigenten war dem Anschein nach die gleiche Ratio im Spiel. Kein großer Name sollte es sein. Sondern einfach ein wunderbarer Dirigent. Um die Entscheidung einzuordnen, habe ich mir Stellenbeschreibungen musikalischer Assistenten angesehen.

Anfang des Jahres hat das Gürzenich-Orchester Köln einen musikalischen Assistenten (w/m/d) für Andrés Orozco-Estrada gesucht, den neunen Gürzenich-Kapellmeister. Die Stelleanzeige ist noch online zu finden, als Aufgaben ist dort beschrieben:

  • musikalische Assistenz des Gürzenich-Kapellmeisters
  • musikalische Assistenz der Gastdirigent*innen
  • Dirigate von Gruppenproben
  • gegebenenfalls Übernahme von Orchesterproben
  • Dirigate von Education Projekten

Kurzum, der Assistent unterstützt den Dirigenten bei seinen Aufgaben, wozu auch gehören die  Vorbereitung von Werken, Betreuung der Musiker und Korrepetition. Die Position ist geeignet als Sprungbrett zu einer eigenen Dirigentenkarriere.

Azim Karimov © Emil Matveev

Azim Karimov debütierte 2024 als Musikalischer Leiter am Pult des Bayerischen Staatsorchesters. In der laufenden Münchner Spielzeit übernimmt er die Musikalische Leitung einer Vorstellungsserie von John Neumeiers Nussknacker.

Ob Karimov alsbald auch in München eine Premiere anvertraut wird? Mich würde das überraschen. Noch fehlt dem jungen Esten ein Quäntchen Altersweisheit, eigene Akzente zu setzen. Dabei bietet Glinkas Märchenoper Gelegenheit, Klangzauber zu entfalten.

Allein, mit straffen, wenig differenzierten Tempi die Handlung voranzutreiben – das beschwört weder Ungeheuer noch listige Zwerge hinauf.  Wie der Held sich in einer nebelverhangenen Wüste behaupten muss, das hätte geheimnisvoller Klangfarben bedurft.

Dann die Verschmelzung west- und osteuropäischer Musik in Glinkas Partitur, die Einflüsse russischer Volksmusik und Vincenzo Bellinis Belcanto: Viel Potential, Premierenglanz zu versprühen, blieb ungenutzt.

Jörn Schmidt, 10. November 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Michail Glinka, Ruslan und Ljudmila Hamburgische Staatsoper, 9. November 2025, PREMIERE

Klein beleuchtet kurz 65: Glinkas „Ruslan und Ljudmila“ Hamburgische Staatsoper, 9. November 2025 PREMIERE

Michail Glinka, Ruslan und Ljudmila Hamburgische Staatsoper, 9. November 2025 PREMIERE

5 Gedanken zu „Auf den Punkt 75: Tobias Kratzer als Talentscout
Hamburgische Staatsoper, 9. November 2025“

  1. Das ist eine Schande! Ihr habt ein wunderschönes Märchen kaputtgemacht. Wenn ihr etwas Neues schaffen wollt, dann macht etwas Eigenes. Kein Wunder, dass die Hamburger Oper nur eine Auslastung von weniger als sechzig Prozent hat. Zum Glück kann man die Metropolitan Opera im Kino anschauen, das ist richtige Kunst.

    Alexander Renge

  2. HH hat ein großes Talent darin, immer noch schlechtere Intendanten und Regisseure zu bestellen.
    Die anfängliche unbegründete Begeisterung für Herrn Kratzer dürfte schon bald in große Ernüchterung umschlagen.
    Was ich hier so lese, hat auf mich einen großen Abschreckungsfaktor. Da kriegt mich niemand rein. Also auch wieder nur Wokes, gelobt von Kritikern. Erbärmlich!!
    Das hätte man ahnen können. Schon der parodierte Tannhäuser von diesem Anti- Künstler in Bayreuth war unter aller Kanone.

    Marisa S.

  3. Oha, differenzierte Rezension sieht anders aus. Anti woke Empörungsprosa? Wie soll es denn aussehen auf der Bühne und wie darf es sich anhören? Ich war heute in der zweiten Vorstellung. Azim Karimov hat mir gefallen. Großartiges Spiel, immer die Sänger und den Chor im Blick. Präzise, klangschön, großer Ton, Eleganz, Rhythmische Präzision bei den Tänzen wie ein Uhrwerk, durchwegs sehr gute Sänger. Ich verweise mal auf die „bösen, woken“ Kritiker vom DLF und Süddeutsche Zeitung.

    Wer etwas anderes mag und möchte, kann sich eine alte Inszenierung aus dem Bolschoi auf YouTube ansehen, an der sich seit Stalins Zeiten nichts Grundlegendes geändert hat.

    Musikalisch hoch befriedigend, die Inszenierung schlüssig, ja, auch ein bisschen LGBTQ, aber die Aufregung darüber lohnt nicht.

    Lupus W.(Fake-Name, Anmerkung des Herausgebers)

    1. Vorsicht! Die Bolschoi-Inszenierung aus dem Jahr 2011 ist nur 40 Minuten lang bunter Kitsch – danach sieht man gut, dass Dmitri Tcherniakov am Werk war. Auch nichts für Traditionalisten.

      Maximilian Doppelbauer

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