"Wißt ihr, was daraus wird?"

Bayreuther Festspiele 2022 – Ein ganz persönlicher Rückblick (Teil 2)  klassik-begeistert.de 31. August 2022

Foto: Chor der Bayreuther Festspiele, Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

„Wißt ihr, was daraus wird?“

Bayreuther Festspiele 2022 – Ein ganz persönlicher Rückblick (Teil 2)

von Patrik Klein

Musikalisch hörte man nicht nur bei der Tetralogie hingegen viel Positives, auf das ich mich hier im zweiten Teil meines Artikels konzentrieren möchte. Das Orchester der Bayreuther Festspiele unter Cornelius Meister, der für den zunächst geplanten Pietari Inkinen kurzfristig einspringen musste, klang im dritten Zyklus im Vergleich zu den öffentlichen Übertragungen in TV und Radio deutlich transparenter, dynamischer, eleganter, für den ein oder anderen etwas zu zart, aber frischer und damit auch „bayreuthwürdiger“. In der abschließenden Götterdämmerung steigerte der Dirigent die Qualität des Klanges sogar noch einmal auf stärkstes Festspielniveau.

Auf Facebook postete ich noch ganz emotional angefasst nach Das Rheingold: „Wir sind alle wie Wotan“. Das und noch einiges mehr musste man erst mal schlucken, wenn man die Grundidee von Valentin Schwarz akzeptierte und keine Sehnsucht hatte nach Götterwelt, Menschen und Nibelungen. Wenn man den Ring, Tarnhelm, Schwert und Speer nicht vermisste, dann war das durchaus plausibel und erst recht sehr spannend.  Es gab Momente, wo es so richtig funkte im Graben und auch auf der Bühne. Ich wusste schon, warum ich den dritten Ring buchte. Musikalisch gab es nahezu nichts zu kritisieren. Dem wirklich eingespielten SängerInnenensemble gelang eine geschlossen gute musikalische Darstellung. Die Krone des Gesangs gebührte an diesem Abend Okka von der Damerau als Erda. Da war für einige Momente Gänsehautfeeling aufgrund ihrer saalfüllenden dunkelst timbrierten und Respekt einflößenden Mezzosopranstimme. Sie bekam zu recht auch den stärksten Applaus. Am Ende gab es viel Zuspruch und nur einige verhaltene Buhs.

Schlussapplaus nach der Götterdämmerung am 30.8.2022; Foto Patrik Klein

Nachdem die beiden ersten Aufzüge noch bejubelt wurden, folgte ein Sturm der Entrüstung nach der Walküre im dritten Ringzyklus. Fricka trauerte am Sarg der an den Folgen der Entführung verstorbenen Freia. Siegmund und Sieglinde begingen keinen Inzest? Oder war es sogar doppelter Inzest? Wir wissen es nicht so genau. Stattdessen wurde Sieglinde von Wotan geschwängert und hochschwanger noch einmal vergewaltigt. Der Todestrieb stand im Dienst des Wachstums. Das Verhalten Wotans ging einher mit der Erkenntnis der Vergeblichkeit seines Handelns. Der Hoffnungsträger Brünnhilde wurde bestraft. Fricka richtete am Ende ihren Gatten noch einmal auf. Schon beim Walkürenritt, der die acht Damen als frisch operierte Schönheitswachteln beim Chirurgen skizzierte (ich hätte fast meinen Feinripp eingenässt), murrte es in den Reihen um mich herum. War das Publikum überfordert? Beschäftigte man sich etwas intensiver mit der Thematik und Sichtweise des Regisseurs, so war vieles musikwissenschaftlich erklärbar, aber auch auf der Bühne erkennbar? – nachvollziehbar? – Offenbar nicht. Musikalisch ging mir das Orchester und das Dirigat von Cornelius Meister sehr unter die Haut. Doch auch er wurde, zu Unrecht,  ausgebuht. Bei den SängerInnen viel Licht und Schatten. Überzeugt hatte mich die Fricka von Christa Mayer. Etwas Ratlosigkeit blieb auch bei mir an diesem Abend.

Am Folgetag gab es zur Besinnung den bereits im letzten Jahr besuchten „Der fliegende Holländer“ in der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov und der ersten weiblichen Dirigentin am Pult der Festspiele. Oksana Lyniv musizierte im zweiten Jahr auf dem Grünen Hügel. Die Hauptpartien waren zum Teil neu besetzt mit Elisabeth Teige als Senta und Thomas J. Mayer als Holländer. Die Inszenierung hatte ich bereits im letzten Jahr bei meinem damaligen Blog ausführlich beschrieben. Musikalisch war es heuer deutlich besser, nicht zuletzt wegen der Titelpartieumbesetzung und dem wieder live agierenden Chor der Bayreuther Festspiele. Für mich ein reiner Musikgenussabend.

Das Drama Siegfried nahm dann wieder richtig Fahrt auf. Valentin Schwarz’ Interpretation war alles, aber gewiss nicht langweilig. Starke Bilder, die für immer im Gedächtnis bleiben: Der rotzfreche Bengel, Wotans Sohn aus dem Rheingold, mutierte zum jungen Hagen und verbrüderte sich mit Siegfried. Wie er dem sterbenden Fafner die Hand reichte, aber vor allen Augen doch verrecken ließ, blieb haften. Alle Beteiligten gafften nur und machten nichts. Die Kränkung Hagens durch Siegfrieds Liebe zu Brünnhilde wurde schlüssig als Vorbereitung zur Götterdämmerung präsentiert. Tableauartig wurden in dieser Weise viele Szenen aneinandergereiht. Manchmal fehlte der Fluss und die Übergänge wurden unscharf. Aus dem mystischen Abgrund erklang ein bestens aufgelegtes Orchester, welches am Ende Riesenapplaus erntete. Das geschlossen gute Ensemble wurde bejubelt. Buhs und Bravos hielten sich in etwa die Waage. Wozu die Buhs? Es war kein Regisseur da. Musikalisch klangen für mich heute die Garde der Tenöre am stärksten. Da war einerseits der Titelheld Andreas Schager, der nicht nur im Dauervollgas unterwegs war, sondern fein gestaltete und Pianos formte, die ich so weniger von ihm hörte. Auch wenn er am Ende an sein Kräftelimit stieß, war es eine grandiose Leistung. Andererseits war da der Charaktertenor des Mime von Arnold Bezuyen, der in ungemein aufregender Manier zwischen elegantem Gesang und kernigem Ziehvatergehabe changierte. Das waren wieder einige Sternstunden auf dem Grünen Hügel an diesem sonnen durchfluteten Tag.

Siegfried und Brünnhildes Ehe steckte in einer Krise. Es brauchte weder Vergessens- noch Zaubertrank, denn Siegfried, zu neuen Taten bereit, wollte nur weg und da kam ihm Gutrune gerade recht. So nahm das Unheil seinen Lauf bis zur finalen Katastrophe. Beinahe erwartungsgemäß gab es nach dem Absenken des Vorhangs nach dem dritten Aufzug der Götterdämmerung auch im dritten Ringzyklus einen etwas kleineren Sturm der Entrüstung als im Premierenzyklus, der durchsetzt war mit vielen Jubelrufen. Es war doch für viele Besucher offensichtlich zu viel, dass der „Ring“ einmal ein rotzfrecher Lümmel, einmal der junge Hagen und später das Kind von Siegfried und Brünnhilde gewesen ist. In vielen Gesprächen auf dem Grünen Hügel, die ich führte und mitverfolgte, waren die Besucher bereit, sich mit diesem Ring auseinanderzusetzen und ihn zu deuten. Vielleicht war es auch die Enttäuschung darüber, dass die aufgestauten Fragen nicht hinreichend beantwortet wurden. Stieg man jedoch tiefer in die Dramaturgie ein, so wurde eigentlich vieles verständlich und schlüssig. Man wird sehen, ob der Ring in den nächsten Jahren Kult wird oder im Archiv der Festspiele verschwindet.

Bejubelt wurden dagegen vor allem der Chor und das Orchester. Besonders das Orchester hatte sich in der Götterdämmerung noch einmal deutlich hörbar gesteigert.

Die Krone des Gesangs und der Darstellung bekam heute von mir unangefochten Gunter. Die an sich oft farblos wirkende Figur war mit Michael Kupfer-Radecky mehr als großartig besetzt: ein reicher Widerling par excellence, changierend zwischen einer Art Loge, Fabelgestalt aus Herr der Ringe und billigem Soapdarsteller von RTL II; mit einer Bariton-Stimme zum Niederknien – eine Idealbesetzung – atemberaubend!

Bayreuth bedeutet neben dem reinen Genuss von Vorstellungen auch, dass man gleichgesinnte Menschen trifft. Wagnerfreunde, Opernbesucher, Touristen, aber auch die Künstler selbst, die ja unweigerlich temporär in der Kleinstadt leben. So traf ich auch einen griechischen Bass-Bariton, der seine Stimme in letzter Zeit vom italienischen Belcanto zum deutsch-hochdramatischen Fach entwickelt. Aris Argiris ist für mich der derzeit beste Wotan, den ich auf Bühnen live erleben durfte. In Chemnitz und in Hamburg überzeugte er mich mit seiner tiefschwarzen, metallisch-kräftigen Stimme, die keine Höhe scheut (locker bis zum hohen b) und die mit italienischer Verve Wagners Figuren beeindruckend formt. Zwischen der Titelpartie Nabucco im österreichischen „Oper im Steinbruch“ und dem fränkischen Bayreuth pendelte er als Wotan Cover und Neuling auf dem Grünen Hügel. In der Kinderoper Lohengrin hatte er bereits zwei Auftritte als Telramund. Im anliegenden Interview gibt er einen kleinen Eindruck von seinem aufregenden Künstlerleben.

(TALK21) Aris Argiris | Nabucco | Zwischen Oper im Steinbruch und Bayreuth :: TV21 Austria

Im Jahr 2026 feiern die Bayreuther Festspiele das 150jährige Bestehen und man wird wohl einen neuen Ring produzieren.  „Wißt ihr, wie das wird?“ oder besser: Einen Wotan auf dem stimmlichen Zenit mit Bayreutherfahrung hätten wir dann schon mal.

mit Aris Argiris (rechts) am Festspielhaus; Foto Patrik Klein

Seit nunmehr 5 Jahren treffe ich mich auch mit der Festspielleiterin und Urenkelin Richard Wagners, Katharina Wagner, in ihrem Büro zu einem gemeinsamen Plausch bei einer Tasse Kaffee. Kein offizielles Interview, sondern ein legeres Treffen mit Talk über die Dinge, die sich auf dem Grünen Hügel abspielten oder künftig abspielen werden. Über die konkreten Inhalte hatten wir immer Stillschweigen vereinbart.  So viel darf ich jedoch sagen, dass ich ihr uneingeschränkt ein großartiges Engagement bescheinigen kann: Sie geht mit viel Energie und Detailverliebtheit ans Werk und hat immer nur Bestes im Sinn. Es geht ihr um hohe musikalische Qualität und aufregende Inszenierungen. Dass das im Ergebnis nicht immer gelingt, versteht sich von selbst und war nie anders an diesem einmaligen Ort. Ich wünschte mir, so mancher Intendant eines bedeutenden Opernhauses würde sich so intensiv kümmern und derart für seine Arbeit brennen.

Seit der Pandemie, mit den vielen damit verbundenen Tücken, gibt es die Festspielzeit überlappende Abschlusskonzerte in konzertanter Form mit MusikerInnen auf der Bühne und nicht im Orchestergraben. Andris Nelsons gab zweimal eine Auswahl an Stücken aus „Der fliegende Holländer“: Ouvertüre und Senta-Ballade, „Tannhäuser“: Ouvertüre, Rom-Erzählung und Duett Elisabeth-Tannhäuser sowie aus „Tristan und Isolde“: Vorspiel I. Aufzug, Duett II. Aufzug, Vorspiel III. Aufzug und Liebestod. Catherine Foster und Klaus Florian Vogt waren die SolistInnen. Das Publikum konnte bei dieser Gelegenheit noch einmal ohne szenische Herausforderungen puren Musikgenuss inhalieren. Auch dieses Format ist Frau Wagner zu verdanken.

Bayreuth ist Magie, reine Magie. Ich erwähnte es bereits. Faszinierend, hilfreich, aufregend, kontrovers und lehrreich sind die Begegnungen auf dem Grünen Hügel, in den Hotels oder Restaurants und die damit verbundenen neuen Erkenntnisse, die man gewinnt, obwohl man meint, dass man schon alles oder vieles weiß über das Werk Richard Wagners. Wie in einen Strudel kann man sich ziehen lassen und wacht dann am Ende, wenn auf dem Festspielhügel die Fahne eingezogen wird, wie aus einem Traum auf.

Wie sagen die Nornen in der Götterdämmerung: „Wißt ihr, was daraus wird?“ Das 150te Jubiläum der Festspiele wird 2026 zu feiern sein. Es werden gewiss noch aufregende Jahre bis dahin. Mit neuen Produktionen und auch neuen zeitgemäßen Merkmalen und veränderten Seh- und Hörgewohnheiten? Wird es bei den KünstlerInnen zu einem Generationswechsel kommen oder werden große, bekannte Namen bis an die Grenze des menschlich erträglichen viel zu häufig eingesetzt? Ermüdungserscheinungen hört das Ohr des interessierten Zuhörers sehr genau. Gibt man vielleicht kleineren Agenturen den Vorzug, weil sie junge, noch unverbrauchte Stimmen im Angebot haben? Eine Mischung könnte es und sollte es sein, denn dann ist Bayreuth noch eine Spur überraschender und vielleicht auch künstlerisch noch wertvoller.

Patrik Klein, 31. August 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Bayreuther Festspiele 2022 – Ein ganz persönlicher Rückblick (Teil 1) Klassik-begeistert.de

4 Gedanken zu „Bayreuther Festspiele 2022 – Ein ganz persönlicher Rückblick (Teil 2)
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    1. Mein erster Ring in Bayreuth war 1979 der Chereau-Ring, und danach war ich insgesamt 13 mal in Bayreuth, aber nach dem für mich allzu langweiligen Tankred Dorst-Ring hatte ich keine Lust mehr und bin Bayreuth jahrelang ferngeblieben. Nach all den teilweise nur polemischen Verrissen in der Presse war ich von der Fernsehübertragung der Götterdämmerung sehr positiv angetan und hatte spontan erwogen, nächstes Jahr diesen Ring live anzuschauen. Ihre sachliche, wirklich gute Analyse, hat mich in diesem Vorsatz eindeutig bestärkt. Danke dafür, dass Sie sich erstmal auf das Gesehene eingelassen haben und versuchen zu verstehen, statt einfach abzublocken.

      Raimund Schmitz

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