Ein sanftes Lächeln unter Tränen: Das Belcea Quartet verzaubert mit Mozart im Wiener Konzerthaus

Belcea Quartet, Michael Collins,  Wiener Konzerthaus, 20. November 2019

Foto: Belcea Quartet © Marco Borggreve

Wiener Konzerthaus, Mozart Saal
20. November 2019

Belcea Quartet
Corina Belcea,
 Violine
Axel Schacher, Violine
Krzysztof Chorzelski, Viola
Antoine Lederlin, Violoncello

Michael Collins, Klarinette

von Jürgen Pathy

Als Wolfgang Amadeus Mozart im Sommer 1784 das Wiener Burgtheater verlässt, hat er Tränen in den Augen. Niemals zuvor hat ihn der Klang einer Klarinette derart berührt, wie an diesem Abend. Der Herr an der Klarinette, mit dem roten, pickeligen Gesicht und den großen Händen, der Mozarts Herz derart erwärmt hat, ist Anton Stadler. Hofklarinettist, Komponist und Freimaurer. Seit jenem Abend im Burgtheater bringt Wolfgang Amadeus Mozart dem etwas älteren Anton Stadler eine lebenslange, unerschütterliche Freundschaft entgegen. Egal wie sehr er auch lügt, stiehlt oder die Zuneigung des großen Komponisten ausnutzt. Für Mozart bleibt er sein geliebter Logenbruder und Freund Anton Stadler, das „Ribisel-Gesicht“, dem er neben dem Kegelstatt-Trio und dem Klarinettenkonzert, das Klarinettenquintett KV 581 auf den Leib schneidert.

Ein Werk der Freundschaft. Fünf Stimmen eng ineinander verbunden, führen ein intimes Gespräch, ergänzen sich und reiben sich. Erzählen vom Leben, das so viele Überraschungen parat hält, von Harmonie aber auch von Reibungen, wie im ersten Trio des Menuetts, das mit seinen Dissonanzen die Zuhörer 1789 mit Sicherheit vor den Kopf gestoßen haben mag. Doch die meiste Zeit verschmelzen die fünf Stimmen in Mozarts spätem Werk zu einem großen Ganzen, wie das Belcea Quartet und der britische Klarinettist Michael Collins im Wiener Konzerthaus eindrucksvoll beweisen.

Wie fünf Freunde, die seit jeher gemeinsam musizieren würden, wirken der Brite und das 1994 von Corina Belcea gegründete Kammermusikensemble.  Die regelmäßige Zusammenarbeit des Belcea Quartets mit Collins ist eindeutig zu spüren. Mit seinem weichen, runden, aber dennoch stets präsenten Klarinettenklang, der etwas Meditatives vermittelt, wirkt der gefragte Kammermusiker wie ein Ruhepol. Harsche, teils zu energische Töne, die sich zuvor während des C-Dur Streichquartetts noch eingeschlichen haben, sind nun im Klarinettenquintett wie verflogen. Ein unglaublich süßer, herzergreifender Ton, der sich wie Honig um die Ohren schmiegt, ist nun allgegenwärtig.

Unter der Aura des Briten und den fürsorglichen Blicken von Krzysztof Chorzelski, der mit seiner Viola nicht nur im Zentrum sitzt, sondern wie ein imaginärer Puppenspieler die Fäden des Ensembles zu ziehen scheint, verzaubern die Musiker zur Gänze. Mit welcher Andacht und Grazie sie Mozarts melodischen Zauber zum Leben erwecken, ist einfach nur zum Träumen schön. Mit welcher Empathie sie die ganze Skala des menschlichen Empfindens auszudrücken imstande sind, ist in Worte kaum zu fassen. Und mit welcher Liebe und Sorgfalt sie die weichsten Piani aus ihren Instrumenten zu kitzeln vermögen, drückt einem regelrecht die Tränen in die Augen. So muss sich der große Mozart gefühlt haben, als er des Abends im Burgtheater die Augen geschlossen, den Moment genossen und Musik im Herzen getragen hat.

Keiner im Saal bewegt sich. Kein Geräusch stört den Frieden. Eingebettet in die unvergleichbare Akustik und Atmosphäre des Mozart-Saals, der mit seinen hell-blauen Wänden eine große Ruhe und Andacht vermittelt, genießen alle einfach nur den Moment. Die Séance, die bereits zuvor mit Brittens meditativem Streichquartett seinen Lauf genommen hat, setzt sich mit der abgeklärten Schönheit des Mozart‘ schen Klarinettenquintetts fort. Beinahe wirkt es, als würde der große Meister seine Schwingen ausbreiten, alle sanft betten und aus dem Jenseits aufmunternd flüstern: „Kopf hoch, meine Lieben – egal, wie dunkel und verzwickt die Lage im Augenblick erscheinen mag,  letztendlich ist alles halb so wild“. Denn trotz der subtilen Melancholie, die im Gestus des Klarinettenquintetts ständig mitschwingt, trägt des Meisters Musik immer ein sanftes Lächeln im Gesicht.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 23. November 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Wolfgang Amadeus Mozart
Streichquartett C-Dur K 465 »Dissonanzen-Quartett« (1785)

Benjamin Britten
Streichquartett Nr. 3 op. 94 (1975)
***
Wolfgang Amadeus Mozart
Klarinettenquintett A-Dur K 581 »Stadler-Quintett« (1789)

Zugabe:
Heinrich Joseph Baermann
Adagio für Klarinette und Streicher (Streichquintett op. 23)

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