Philharmonie Berlin: Ein Schostakowitsch für das Tournee-Reisegepäck

Berliner Philharmoniker, Gustavo Dudamel, Tamara Mumford,  Philharmonie Berlin

Foto: Monika Rittershaus (c)
Berliner Philharmoniker
Gustavo Dudamel Dirigent
Tamara Mumford Mezzosopran
Leonard Bernstein, Symphonie Nr. 1 Jeremiah für Mezzosopran und Orchester
Dmitri Schostakowitsch, Symphonie Nr. 5 d-Moll
op. 47

von Peter Sommeregger

Für sein zweites Berliner Konzertprogramm innerhalb einer Woche wählte Gustavo Dudamel zwei Werke, die trotz beinahe zeitgleicher Entstehung doch gänzlich unterschiedlichen Kulturkreisen zuzurechnen sind.

Im ersten Teil des Konzerts erklingt Leonard Bernsteins erste Symphonie „Jeremiah“. Das stark religiös geprägte Werk entstand zur Zeit des zweiten Weltkriegs und thematisiert den Kampf, der aus der Krise des Glaubens erwächst. Das dreisätzige Werk folgt nur rein äußerlich dem Schema einer klassischen Symphonie. In den ersten beiden Sätzen wird erst die Bitte des Propheten an sein Volk, danach die Beschreibung des Chaos, ausgelöst durch die heidnische Verderbtheit thematisiert.

Im dritten Satz, dem ein hebräisches Lied zugrunde liegt, das Bernstein bereits zwei Jahre vor der Symphonie komponierte überwiegt der klagende Ton. Stilistisch ist dieser letzte Satz ein totaler Bruch mit dem Vorangegangenen. Dramaturgisch ist das eher verhaltene Ausklingen des Werkes etwas befremdend, der Kontrast zu den teilweise furiosen ersten Sätzen krass. Gesangssolistin ist Tamara Mumford, eine international anerkannte Opern- und Konzertsängerin. Ihr voller Mezzosopran illustriert den hebräisch gesungenen Text farbenreich, nur in extremen Lagen wirkt die Stimme ein wenig scharf und schrill.

Insgesamt klingt das Werk für Hörer unseres Kulturkreises ein wenig spröde und ungewohnt. Der Symphoniker Bernstein, dessen 100. Geburtstag es dieses Jahr zu feiern gilt, hat hierzulande bis heute längst nicht die Popularität des Musical-Komponisten erreicht.

Bei Dmitri Schostakowitschs 5. Symphonie scheint Gustavo Dudamel noch mehr in seinem Element zu sein. Diese dirigiert er ohne Partitur, was für sich schon eine gewaltige Gedächtnisleistung darstellt. Nach der aus politischen Gründen zunächst zurückgezogenen vierten Symphonie war der Komponist bemüht, in seinem neuen Werk keine Angriffsfläche für ideologische Kritik zu bieten. Formal hält er sich streng an das Modell des Sozialistischen Realismus. Mit feiner Ironie karikiert er aber diese Vorgaben durch zahlreich eingestreute musikalische Zitate, teilweise volkstümliche Elemente.

Im letzten Satz zitiert er mehrfach Motive aus Mussorgskys „Boris Godunow“. Wenn sich der Komponist auch äußerlich angepasst gibt, kann man in dieser Musik aber auch immer eine zweite, rebellisch aufbegehrende Ebene ausmachen. Das ausladende, umfangreiche Werk ist für ein Spitzenorchester wie die Berliner Philharmoniker eine gute Gelegenheit, mit seinen Stärken zu prunken. An allen Schlüsselstellen sitzen Musiker mit erstklassigen solistischen Qualitäten und man kann Gustavo Dudamel die Freude am Musizieren mit diesem Klangkörper förmlich ansehen.

Mit den beiden hier erarbeiteten Programmen bestreitet das Orchester unter Dudamel eine umfangreiche Asien-Tournee, die Chemie zwischen Dirigent und Orchester scheint eine ausgezeichnete zu sein, einige herzliche Gesten beim tosenden Schlussapplaus machen dies deutlich.

Peter Sommeregger, Berlin, 6. November 2018, für
klassik-begeistert.de

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