„Siegfried“ Unter den Linden: Wagnerianer müssen jetzt sehr tapfer sein

Stephan Rügamer (Mime), Andreas Schager (Siegfried), dahinter: Michael Volle (Der Wanderer) © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden, 6. Oktober 2022 Premiere

Richard Wagner, Siegfried

Christian Thielemann, Dirigent
Staatskapelle Berlin

Dmitri Tcherniakov, Regie und Bühnenbild 

von Peter Sommeregger

 Beim neuen Ring an der Berliner Staatsoper ist nun der dritte Teil, „Siegfried“, über die Bühne gegangen. Dieser Teil des Rings wird oft als das Scherzo der Tetralogie bezeichnet, enthält er doch Passagen von scheinbarer Unbeschwertheit, die im gesamten Werk selten sind.

Dmitri Tcherniakovs Regie bleibt konsequent illusionslos nüchtern. Kein Weg führt aus den Räumen des Forschungsunternehmens E.S.C.H.E. heraus, alle Protagonisten bleiben in dem Labyrinth von Geschäftsräumen, Fluren und Labors gefangen. Das wirkt streckenweise optisch ermüdend, es gibt keinen Wald, keinen Waldvogel, Siegfried muss kein Feuer durchbrechen um zu Brünnhilde im Schlaflabor zu gelangen. „Richard Wagner, Siegfried
Staatsoper Unter den Linden, 6. Oktober 2022 Premiere“
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Berliner Staatsoper will klassik-begeistert das Wort "Tierquälerei" verbieten... und führt Kaninchen in gleißendem Licht vor... in Wagners RING

Foto: © Monika Rittershaus, offizielles Pressefoto !!! der Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Liebe Leserinnen und Leser,

entscheiden Sie bitte selbst: Ist es „Tierquälerei“ im ethischen Sinne, wenn Kaninchen bei gleißendem Licht gut 30 Minuten und teilweise sehr lauter Musik Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ in Käfigen miterleben müssen?

Die Leiterin des Pressebüros der Staatsoper Unter den Linden macht klassik-begeistert.de auf den rechtlichen Begriff der „Tierquälerei“ aufmerksam. Der rechtliche Begriff sei unangemessen.

Tierhaltung in Deutschland ist in weitesten Feldern eine beschämende gottverdammte Schande. Spätestens in 20 Jahren werden die Menschen über die Zustände im Jahr 2022 den Kopf schütteln.

Wir verwenden den Begriff „Tierquälerei“ im ethischen Sinne.

Ja, in der Staatsoper Unter den Linden wurden Tiere „gequält“ – im ethischen Sinne.

Hier die Email der Pressesprecherin Victoria Dietrich an die Autorin des Beitrags über „Das Rheingold“ und „Die Walküre“ in der Staatsoper Unter den Linden, im Herzen der deutschen Hauptstadt Berlin. Die Autorin Kirsten Liese ist eine anerkannte Kulturjournalistin in Deutschland.

Von: Dietrich, Victoria
Gesendet: Mittwoch, 5. Oktober 2022 18:01
An: Kirsten Liese
Betreff: Bitte um Korrektur ihres heutigen Artikels auf klassik-begeistert.de

„Liebe Frau Liese,

am Pressetisch von Walküre habe ich Ihnen bestätigt, dass echte Tiere zum Einsatz kommen. Etwas erschrocken habe ich heute Ihren Artikel gelesen. Hätte ich gewusst, dass es hier um eine Veröffentlichung geht, hätte ich Ihnen gerne mehr zum Hintergrund und den Rahmenbedingungen erzählt und ich denke auch, dass das bei einem solchen Artikel angemessen gewesen wäre, sich dazu noch mal detaillierter und faktenbasiert auszutauschen. Eine offizielle Anfrage und Bitte um Stellungnahme wäre seriös gewesen.

Die Frage „muss das sein“ steht Ihnen selbstverständlich zu und darf diskutiert werden, da möchten wir Ihnen nicht reinreden. Aber bitte achten Sie darauf, dass Sie bei den Formulierungen ebenfalls im korrekten Rahmen bleiben.

Es findet keine Tierquälerei statt. Im deutschen Recht wird Tierquälerei als Straftat eingestuft. Die Wahl dieses Ausdrucks ist falsch und suggeriert, dass wir uns außerhalb des rechtlichen Rahmens bewegen – was nicht der Fall ist. Daher bitte ich Sie diese Wortwahl asap umzuformulieren und zu unterlassen.

(Anmerkung des Herausgebers: Wir suggerieren nicht, dass die Staatsoper Unter den Linden sich „außerhalb des rechtlichen Rahmens“ bewegt – leider ist der „rechtliche“ Rahmen in Deutschland so. Die Lindenoper bewegt sich indes außerhalb des ethischen und moralischen Rahmens. Die Tierschutzorganisation PETA – People for the Ethical Treatment of Animals – hat sich des Falles angenommen und will dafür kämpfen, dass die Kaninchen nicht mehr in Wagners RING auftreten müssen. klassik-begeistert.de wird berichten.)

Der Einsatz der Tiere erfolgte nach Einschätzung und Prüfung von Expert:innen: Nachdem aus künstlerischen Gründen der Wunsch bestand, mit echten Tieren auf der Bühne zu arbeiten (Anmerkung des Herausgebers: Bitte lassen Sie sich diese Formulierung auf der Zunge zergehen!), wurde das Konzept der zuständigen amtlichen Tierärztin vorgestellt, die den Prozess begleitet und auch vor Ort inspiziert hat.

Die Tiere wurden über EKKIFANT, die Agentur für Tiere mit Sitz in Berlin, vermittelt, die für die Einhaltung der geltenden Tierschutzbestimmungen garantieren und für eine artgerechte Betreuung des Tieres vor Ort am Einsatzort sorgen.  Den vermittelten Trainer:innen liegt der Sachkundenachweis nach §11 des Tierschutzgesetzes, für das jeweils zutreffende Tier, vor. Falls Aufträge oder Einsatzwünsche in diesem Sinne nicht umsetzbar sind, wird zum Wohl des Tieres um Anpassung gebeten. Die Tiere, die zum Einsatz kommen, kennen sich und werden gemeinsam in einem Außengehege gehalten. Im Rahmen ihres Einsatzes, teilen sich die Herdentiere den Käfig immer mit mindestens einem weiteren Artgenossen; mit genug Platz und es werden selbstverständlich nur miteinander verträgliche Tiere zusammengesetzt. Die Käfige sind mit frischem Heu als Futter sowie mit ausreichend Stroh ausgestattet, sodass sich die Tiere ggf. verstecken und zurückziehen können (Anmerkung des Herausgebers: Bitte, liebe Leserinnen und Leser, betrachten Sie das offizielle Foto der Staatsoper Unter den Linden! Wo bitte soll sich da ein Kaninchen „verstecken und zurückziehen“?). Die Tiere werden mindestens zu zweit transportiert – in Transportkäfigen, die eine ausreichende Größe haben. Die Tiere können sich umdrehen, aufrichten und hinlegen. Die Tiere treten in zwei Inszenierungen jeweils für ca. 30 Minuten (Anmerkung des Herausgebers: SIC, SIC, SIC !!!!!) auf. Hinsichtlich der Lautstärke hat die Tierärztin keine Bedenken geäußert.

(Anmerkung des Herausgebers: Wo hat die Tierärztin studiert, was war ihr Studienschwerpunkt, hat sie selbst Tiere, hat sie ein Herz für Tiere? Was befähigt sie dazu, festzustellen, die Tiere akzeptierten die Lautstärke?)

Trotz dieser Einschätzung der Expert:innen hat Matthias Schulz (Anmerkung: der Intendant, er studierte Klavier und Volkswirtschaft) bereits am 30. September ein Gespräch mit einem PETA-Beauftragten angeboten, um auch hier in den Austausch zu gehen – zu dem es heute auch kam. Die Frage  Wo bleibt die Verantwortung des Intendanten?“ hätte ich Ihnen daher bei Nachfrage beantworten können. Herr Schulz nimmt das Thema ernst und sowohl intern als auch mit PETA gab es gute Gespräche, die  zu einer weiteren Sensibilisierung geführt haben. Worüber man – das war u.a. auch Thema des heutigen Gespräches – gesellschaftlich diskutieren muss, ist wie man den rechtlichen Rahmen entsprechend anpasst  – sei es im Zoo, im Sport, in der Haustierhaltung oder eben auf der Bühne.

Beste Grüße, Victoria Dietrich“

Um 18:46 Uhr schreibt Frau Dietrich u.a.:

„An dem Artikel selbst üben wir keine Kritik – es geht um die beiden Stellen in den (Unter-)Überschriften, die sachlich nicht korrekt sind.“

Anmerkung des Herausgebers: Also die Berliner Staatsoper – über die klassik-begeistert.de immer wieder BEGEISTERT ob ihrer großen Schaffenskraft berichtet – sträubt sich gegen den Ausdruck „Tierquälerei“…

Wie gesagt, wir sehen ihn rein ethisch und erlauben uns als Journalisten diese Meinungsfreiheit kundzutun.

++++

Kirsten Liese hatte am 4. Oktober 2022 geschrieben:

Halbzeit: Rheingold und Walküre unter Christian Thielemann in der Berliner Staatsoper.

Man hat sich mittlerweile fast daran gewöhnt, dass sich auf der Bühne abstruse Dinge ereignen, die mit Wagners Ring wenig zu tun haben. Aber auf das, was mir nun an der Berliner Staatsoper präsentiert werden würde, war ich nicht gewappnet: Ich wollte zuerst meinen Augen gar nicht trauen, befanden sich in den Käfigen, die Dmitri Tcherniakov in seine Inszenierung an der Berliner Staatsoper einbezieht, allen Ernstes echte Kaninchen? Mich hat dieses beklemmende Szenarium schon im Rheingold so stark beunruhigt, dass ich mich auf die Musik kaum noch konzentrieren konnte. Noch hoffte ich, dass es sich um computergesteuerte Attrappen handeln könnte. Aber leider bestätigte meine Anfrage bei der Pressesprecherin der Staatsoper Unter den Linden, Victoria Dietrich, meine Befürchtungen, dass hier doch echte Tiere ohne Not einem Wahnsinnsstress ausgesetzt werden.

Wie kann es angehen, dass solche Form von „Tierquälerei“ – im ethischen Sinne, nicht im Sinne des deutschen Rechts – an einer deutschen Bühne Erlaubnis findet? Wo bleibt die Verantwortung des Intendanten? Wo bleibt die Empathie in der Kunst?

+++

Als Herausgeber bitte ich Herrn Schulz ferner, folgende Fragen schriftlich zu beantworten:

Wie konnte der Intendant dem Wunsch des Regisseurs nach lebenden Kaninchen auf der Bühne entsprechen – in Zeiten von Animation, Videos und anderen Möglichkeiten, Attrappen herzustellen?

Ist dem Intendanten bekannt, dass einige Zuschauer aus Protest gegen diese „Tierquälerei“ im ethischen Sinne die Vorstellung verlassen haben?

Ist dem Intendanten nicht bekannt, dass wir in diesen Zeiten nicht Tiere mit Lärm und Hitze quälen?

War dem Intendanten nicht bewusst, dass viele Deutsche sich gegen diese Form der „Tierpräsentation“ – 30 Minuten bei Lärm, Licht und Hitze – wenden?

Waren diese Tiere nicht wieder einmal das Hilfsmittel, einem eitlen Regisseur für (noch mehr) Publicity zu sorgen?

Würden Sie, werter Herr Schulz, ein Kaninchen so in Ihrem Hause halten wie jene in Ihrem Opernhaus?

Aus immer mehr Zirkussen verschwinden Tiere – warum nicht im Hauptstadtopernhaus?

Was hätte der große Daniel Barenboim zu dieser im ethischen Sinne „Tierquälerei“ gesagt?

Herzlich wünscht Ihnen mehr Herz für Tiere,

Andreas Schmidt, Herausgeber, 5. Oktober 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

 

Halbzeit: Rheingold und Walküre unter Christian Thielemann an der Berliner Staatsoper Staatsoper Unter den Linden, Premieren 2. und 3. Oktober 2022

  

 

Alpträume im Stress-Labor: "Tierquälerei" im ethischen Sinne mit Kaninchen in der Staatsoper Unter den Linden – muss das sein im neuen Berliner RING?

Robert Watson (Siegmund), Vida Miknevičiūtė (Sieglinde) ©  Monika Rittershaus

Halbzeit: Rheingold und Walküre unter Christian Thielemann in der Berliner Staatsoper.

Staatsoper Unter den Linden, Premieren, 2. und 3. Oktober 2022

von Kirsten Liese

Man hat sich mittlerweile fast daran gewöhnt, dass sich auf der Bühne abstruse Dinge ereignen, die mit Wagners Ring wenig zu tun haben. Aber auf das, was mir nun an der Berliner Staatsoper präsentiert werden würde, war ich nicht gewappnet: Ich wollte zuerst meinen Augen gar nicht trauen, befanden sich in den Käfigen, die Dmitri Tcherniakov in seine Inszenierung an der Berliner Staatsoper einbezieht, allen Ernstes echte Kaninchen? Mich hat dieses beklemmende Szenarium schon im Rheingold so stark beunruhigt, dass ich mich auf die Musik kaum noch konzentrieren konnte. Noch hoffte ich, dass es sich um computergesteuerte Attrappen handeln könnte. Aber leider bestätigte meine Anfrage bei der Pressesprecherin der Staatsoper Unter den Linden, Victoria Dietrich, meine Befürchtungen, dass hier doch echte Tiere ohne Not einem Wahnsinnsstress ausgesetzt werden.

Wie kann es angehen, dass solche Form von „Tierquälerei“ – im ethischen Sinne, nicht im Sinne des deutschen Rechts – an einer deutschen Bühne Erlaubnis findet? Wo bleibt die Verantwortung des Intendanten? Wo bleibt die Empathie in der Kunst? „Halbzeit: Rheingold und Walküre unter Christian Thielemann an der Berliner Staatsoper
Staatsoper Unter den Linden, Premieren 2. und 3. Oktober 2022“
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„Die Walküre“ Unter den Linden: Die Wälsungen werden einer Vivisektion unterzogen

Foto: Anja Kampe (Brünnhilde), Michael Volle (Wotan), © Monika Rittershaus

Am Ende wieder jubelnder Applaus für alle, nur der Tenor Robert Watson (Siegmund) erhält lautstarke Buhs, die nur bedingt gerechtfertigt waren. Die Spannung und Erwartungshaltung für die ausstehenden Teile des Ringes steigt!

Richard Wagner Text und Musik
Die Walküre

Christian Thielemann, Dirigent
Staatskapelle Berlin

Dmitri Tcherniakov, Regie und Bühnenbild  

Staatsoper Unter den Linden, 3. Oktober 2022 Premiere

von Peter Sommeregger

Am zweiten Abend dieses Ring-Zyklus wird das Konzept des Regisseurs Dmitri Tcherniakov allmählich klarer: es ist ein gnadenloser, kalter Blick auf die handelnden Personen, die bei ihm Versuchsobjekte im Forschungslabor sind, oder als deren Beobachter agieren. Hundings Hütte im ersten Akt ist eine völlig transparente Kleinwohnung mit Kühlschrank, Waschmaschine, etc. Durch eine nur in einer Richtung transparente Glasscheibe kann der Institutsleiter Wotan jede Bewegung der Personen beobachten. „Richard Wagner, Die Walküre
Staatsoper Unter den Linden, 3. Oktober 2022 Premiere“
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„Rheingold“ Unter den Linden: Es gibt Ärger im Stresslabor

Foto: Monika Rittershaus

Erste Zwischenbilanz für den neuen Ring: großartige musikalische Umsetzung, schwache, einfallslose Regie. Am Ende tosender Beifall.

Richard Wagner
Das Rheingold

Christian Thielemann, Dirigent
Staatskapelle Berlin

Dmitri Tcherniakov, Regie und Bühnenbild

Staatsoper Unter den Linden, Premiere am 2. Oktober 2022

 von Peter Sommeregger

Den mit Spannung erwartete neuen „Ring“ Unter den Linden siedelt der Regisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov in einem Forschungsinstitut an. Von Rhein und Gold keine Spur, Alberich ist in einem Stresslabor an Drähte angeschlossen, die Rheintöchter sind technische Assistentinnen, die den Probanden durch ihren Gesang provozieren, der sich am Ende der Szene losreißt und mit wichtigen (?) Unterlagen flieht. Nibelheim und seine Labore liegen eine Etage tiefer, werden mit dem Lift angesteuert, auch ein Chefbüro und ein Konferenzzimmer des Instituts E.S.C.H.E. bekommt man zu sehen. Esche? Eine solche begrünt auch ein weiteres Bühnenbild, das offenbar schon auf „Die Walküre“ hinweist. „Richard Wagner, Das Rheingold
Staatsoper Unter den Linden, Premiere am 2. Oktober 2022“
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René Pape – Selbstzerstörung eines Weltstars

Foto: Staatsoper-Berlin.de

von Peter Sommeregger

Drum singe, wem Gesang gegeben“- so sagt ein altes Sprichwort. Es ist Sängern, selbst solchen der ersten Garnitur, nicht gleichzeitig die Gabe der klugen Rede gegeben. Das muss man leider immer wieder feststellen, aktuell blamiert sich gerade der Superstar Anna N. mit widersprüchlichen Aussagen zum Krieg in der Ukraine und zu Putin, dessen Schoßhündchen sie seit Beginn ihrer Karriere war.

Noch grotesker mutet die aktuelle Aufregung um den Bassisten René Pape an, der ohne Not bei facebook seinen Rückzug von der New Yorker Met bekannt gibt, weil er deren Würdigung der LGTB-Community* nicht akzeptieren kann. Diese fragwürdige Aussage verbindet er noch mit abfälligen Bemerkungen über queere Menschen. Pape scheint nicht bewusst zu sein, dass gerade die von ihm deutlich beleidigten Menschen mit die glühendsten Fans und treuesten Besucher der Oper sind. Pape ist mit seinen Äußerungen völlig aus der Zeit gefallen, erstaunlich genug für einen Mann von erst 57 Jahren, der in der ganzen Welt zuhause ist. „René Pape: Selbstzerstörung eines Weltstars
klassik-begeistert.de 7. Juli 2022“
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Berliner Staatskapelle: Eine neue Beziehung kündigt sich vielversprechend an!

Christian Thielemann: © Matthias Creutziger

Staatsoper Unter den Linden, 28. Juni 2022

Richard Wagner: Vorspiel und Liebestod aus „Tristan und Isolde“

Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 7 E-Dur

Berliner Staatskapelle
Christian Thielemann, Dirigent

Christian Thielemann übernahm für Herbert Blomstedt

von Kirsten Liese

Dieses Konzert wird Geschichte schreiben. Vielleicht als dasjenige, mit dem der Grundstein für eine neue Partnerschaft gelegt wurde, die man sich nie hätte träumen lassen.

Aber der Reihe nach. Herbert Blomstedt, der die letzten Abonnementkonzerte dieser Saison mit der Berliner Staatskapelle leiten sollte, stürzte am Tag vor der Generalprobe unglücklich, so dass er ins Krankenhaus kam. Für ihn übernahm – und hier wird es pikant – Christian Thielemann. Die beiden Abende waren seine ersten mit diesem Orchester überhaupt.

Auch wenn öffentlich nicht ein schlechtes Wort gefallen ist, eine gewisse Rivalität existierte zwischen Barenboim und Thielemann natürlich  über viele Jahre, zumal beide Giganten dieselben Repertoire-Vorlieben teilen. 2004 verließ Thielemann bekanntlich die Deutsche Oper Berlin,  weil er  nicht hinnehmen wollte, dass sein Orchester tarifvertraglich schlechter gestellt wurde als Barenboims Staatskapelle. Das hätte jeder andere Spitzendirigent wohl genauso gemacht. Aber das sind alte Kamellen, so dass es Zeit wurde, darunter mal einen Schlussstrich zu ziehen. Jedenfalls dirigierte Thielemann jetzt  sozusagen das  „Konkurrenz“-Orchester. Und das ließ sich mit nur einer Probe so phänomenal gut an, dass man meinen könnte, da sei schon über lange Zeiträume etwas zusammengewachsen, was zusammengehört. „Berliner Staatskapelle Christian Thielemann, Dirigent
Staatsoper Unter den Linden, 28. Juni 2022“
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Elektra in der Lindenoper: So singt man die Hamburger Konkurrenz in Grund und Boden!

Foto: Vida Miknevičiūtė © Marius Vepsta design

Ein furchterregendes Agamemnon-Motiv, schon beginnt der fesselnde Strudel des Richard Strauss-Krimis. Keine einzige Rolle war unterbesetzt, bei Strauss eine wahre Herausforderung. Aus dem Graben kamen ordentlich krachende Klänge, die Aufführung war ein Sog von Anfang bis Ende!  

Staatsoper Unter den Linden, 19. Juni 2022

Elektra
Musik von Richard Strauss
Libretto von Hugo von Hofmannsthal

von Johannes Karl Fischer

An dieser Sängerin sollte sich alle Strauss-Sopranistinnen ein Beispiel nehmen. Vida Miknevičiūtė (Chrysothemis) war die unangefochtene Siegerin dieses Sängerkampfes, den Strauss zu Noten gebracht hat! Ihr bissiger Sopran schlug sich durch jeden noch so überwältigen Orchester-Klang durch, das konnte selbst Asmik Grigorian in Salzburg letztes Jahr nicht überbieten.

Das alles, nachdem (Elektra) in ihrem ersten Monolog „Allein! Weh, ganz allein“ mit ihrer ebenfalls kraftvollen, wenn auch etwas runderen Stimme die Ohren im Saal wie ein Orkan auf die Bühne gesaugt hat. Eine Mammut-Aufgabe, das zu toppen, sie stand auf der Bühne und war der unangefochtene Star dieser Szene. Besser könnte man die beiden Schwestern wohl kaum besetzen.  Am Ende die Morde, danach nochmal Chrysothemis’ „Orest! Orest!“, genauso furchterregend wie die fortissimo Pauken und Blechbläser am Anfang. Wie Elektra eben sein muss.

Ricarda Merbeth © Mirko Jörg Kellner

Waltraud Meier war für die Mutter der beiden Töchter mehr als eine Idealbesetzung. 1983 hat sie in Bayreuth als Kundry debütiert, auch ihre Isolde war legendär. Die stimmezerstörenden Wagner-Partien hat sie zum richtigen Zeitpunkt hinter sich gelassen und sich nun als Königin der Klytämnestras gekrönt. Dass sie im tiefen Register stark geglänzt hat, gab der Rolle der bösartigen Mutter eine passende, dämonische Färbung.

Foto: Waltraud Meier, © Monika Rittershaus

René Pape sang den Orest wie ein Göttervater. Seinen mächtigen Bass mit glasklarer Textverständlichkeit macht ihm im Moment keiner nach. Donnernd begann er die erste Zeile „Ich muss hier warten“ – man wusste kaum, ob das ein Gott oder ein Mensch sein sollte. Erst, als er sich seiner wahren Identität entpuppt „Die Hunde auf dem Hof erkennen mich“ wird klar, wen er eigentlich spielen soll. Dieser Sänger wäre die Idealbesetzung für den Wotan! Nur Schauspielern scheint nicht seine Stärke zu sein; über weite Strecken hätte man denken können, er sänge konzertant im Kostüm.  „Richard Strauss, Elektra,
Staatsoper Unter den Linden, 19. Juni 2022“
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„Turandot“ unter den Linden: Zubin Mehta bringt das Haus zum Kochen

Foto: Yusif Eyvazov (Calaf) und der Staatsopernchor, © Matthias Baus

Staatsoper Unter den Linden, Berlin
Premiere am 18. Juni 2022

Giacomo Puccini
Turandot

Staatskapelle Berlin
Zubin Mehta, Dirigent

von Peter Sommeregger

Diese Premiere fiel auf den bisher heißesten Tag des Jahres 2022. Dass die gefühlte Temperatur in dem gut klimatisierten Opernhaus ebenfalls Rekordwerte erreichte, lag aber am  Dirigenten, dem Altmeister Zubin Mehta. Vom ersten Takt an stellte er seine Kompetenz in Sachen Puccini, und speziell Turandot, unter Beweis und führte Chor, Orchester und Solisten mit sicherer Hand durch diese komplizierte Partitur.

Turandot ist eine ausgesprochene Chor-Oper, was diesem den ganzen Abend abverlangt wird, gelingt dem Staatsopernchor aber souverän und trägt damit wesentlich zum Gelingen dieser Aufführung bei. Auch die Staatskapelle zeigt sich unter Mehta in Bestform. Zeitweise wird es zwar sehr laut, aber das ist in dem Werk so angelegt. „Giacomo Puccini,Turandot
Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 18. Juni 2022 PREMIERE“
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John Cranko schuf mit seiner Onegin-Choreographie ein wohl unsterbliches Ballett

Das Ensemble tanzte erstklassig, einschließlich der berühmten diagonalen Grand jetés der Damen, geführt an den Händen der Herren des Balletts. Die beiden großen Pas de deux im zweiten und im letzten Bild wurden dank Polina Semionova, die von Alexei Orlenco gut gepartnert wurde, zum Höhepunkt der Aufführung.

Das Onegin Ensemble beim Schlussbeifall: Yevgeniy Khissamutdinov (Gremin), Polina Semionova (Tatjana), Alexei Orlenco (Onegin), Alizée Sicre (Olga), Alexander Bird (Lenski) (Foto: RW)

Staatsoper Unter den Linden, 20. Mai 2022

Peter I. Tschaikowsky
ONEGIN

Ballett von John Cranko nach dem Versroman von Alexander S. Puschkin
Musik von Peter I. Tschaikowsky (eingerichtet und arrangiert von Kurt-Heinz Stolze)

 

Staatsballett Berlin
Staatskapelle Berlin
Ido Arad, Dirigent

von Dr. Ralf Wegner

John Cranko schuf mit seiner Onegin-Choreographie auf Puschkins Versroman ein wohl unsterbliches Ballett, in dem sich ein junges Mädchen vom Lande unglücklich in einen Nachbarn verliebt. Bei diesem Nachbarn handelt es sich um den dandyhaft auftretenden, des Lebens offenbar bereits überdrüssigen, reichen Eugen Onegin, der vor kurzem sein Landerbe angetreten hat. Der Dorfklatsch verkuppelt ihn mit der stillen Tatjana Larina, deren Schwester Olga bereits mit Onegins Gutsnachbarn Lenski anbandelte. Der erst 18jährige Wladimir Lenski schwärmt nicht nur für Olga, sondern auch für den lebenserfahreneren Onegin (Als hübscher Bursch mit viel Vermögen kam Lenski als ein Freiersmann den Landfamilien sehr entgegen…Doch Lenski schien aus guten Gründen solch zarte Fesseln noch zu scheun und wünschte, statt sich schon zu binden, vorerst Onegins Freund zu sein).

Onegin kennt Tatjana kaum, hat ihr gegen­über auch nicht andeutungsweise eine über das Förmliche hinausgehende Zu­neigung geäußert; und er reagiert auf den verliebten Jungmädchenbrief Tatjanas hochanständig, nutzt die Situation nicht aus. Auch Tatjanas Gefühle für Onegin entwickelten sich eher allmählich und nicht im Sinne einer Liebe auf den ersten Blick, wie Crankos Ballett es nahe legt. Erst der Dorftratsch ermuntert Tatjana, sich in eine Jungmädchenliebe hineinzusteigern (Tatjana ärgerten die Lügen. Dann, nach und nach, ganz insgeheim, empfand sie dabei doch Vergnügen. Unmerklich wuchs der Neigung Keim; bis endlich, was den Blick noch trüb­te, der klaren Sonne wich: Sie liebte). „Peter I. Tschaikowsky, ONEGIN, Ballett
Staatsoper Unter den Linden, 20. Mai 2022“
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