„Le Nozze di Figaro“ Unter den Linden: Erschlagen von der Disco-Kugel

Wolfgang Amadeus Mozart, Le Nozze di Figaro  Staatsoper Unter den Linden, Berlin, Livestream, 1. April 2021

Staatsoper Unter den Linden, Berlin, Livestream, 1. April 2021
Wolfgang Amadeus Mozart, Le Nozze di Figaro

Foto: Gyula Orendt (Graf Almaviva) und Nadine Sierra (Susanna)
Credits: Matthias Baus

von Peter Sommeregger

Eine Begleiterscheinung der aktuellen Theaterästhetik ist es, dass das Verfalldatum von Inszenierungen immer kürzer wird. Die häufig doch sehr speziellen Interpretationen von Repertoirestücken sind authentisch eigentlich nur von der Premierenbesetzung umzusetzen, die steht in einem Opernbetrieb aber nicht dauerhaft zur Verfügung.

Mit Mozart-Inszenierungen, speziell mit solchen der drei Da Ponte-Opern, hat man Unter den Linden kein Glück. Thomas Langhoff war 1999/2000 mit der Regie aller drei Werke betraut worden, nach einem völlig missglückten Don Giovanni löste man seinen Vertrag für Così fan tutte. Nun wurde erneut ein Regisseur für alle drei Opern verpflichtet, nach diesem neuen Figaro hält sich die Vorfreude auf die nächsten Inszenierungen aber in Grenzen.

Der Franzose Vincent Huguet betreut seit dem Tod von Patrice Chéreau als dessen ursprünglicher Assistent  Chéreaus weiterhin gespielte Inszenierungen. Viel Eigenständiges war von ihm noch nicht zu sehen, also durfte man gespannt sein. Huguet siedelt die Handlung des Figaro gut zweihundert Jahre nach der authentischen Zeit, also in den 1980er Jahren an. Warum er ausgerechnet diese, unter ästhetischen Gesichtspunkten eher abschreckende Zeit gewählt hat, bleibt sein Geheimnis, das optische Resultat ist jedenfalls sehr ernüchternd. Die Geschichte von der aufmüpfigen Dienerschaft und dem Grafen der Feudalzeit kann so eigentlich gar nicht aufgehen. Huguet verliert sich im Banalen, seine Versuche, eigene Narrative einzuführen, bleiben zu blass. So kann man anhand von Plakaten und gerahmten goldenen Schallplatten erahnen, dass die Gräfin Almaviva wohl ein Popstar war, für tiefere Aussagen über diesen Charakter taugen solche Andeutungen aber nicht. Dass diese Frau offenbar Kettenraucherin ist und ein Alkoholproblem hat, wird so dezent angedeutet, dass man es auch leicht übersehen kann.

Die Szene ist zumeist quietschbunt möbliert, die Kostüme lassen schlimme Erinnerungen an die  1980er aufkommen. Dass bei Figaros und Susannas Hochzeit schließlich auch die verspiegelte Disco-Kugel unseligen Andenkens zu Einsatz kommt, erschlägt dann jeden subtilen Ansatz. Das Verwirrspiel des Gartenaktes fällt auch eher plump aus, vom erotischen Zauber dieses Versteckspiels bleibt nichts übrig.

Riccardo Fassi (Figaro) und Nadine Sierra (Susanna). Credits: Matthias Baus

Die Musik und die Sänger haben es in einer solchen Inszenierung schwer. Daniel Barenboim am Pult findet endlich wieder einmal zu seiner alten Mozart-Kompetenz und steckt einen passablen Rahmen für die Sänger ab.

Gesungen wird weitgehend auf sehr hohem Niveau. Der auch stimmlich schlanke und jugendliche Riccardo Fassi stellt einen spielfreudigen, mit geschmeidigem Bassbariton singenden Figaro auf die Bretter. Ähnlich handfest seine Susanna, die ausgesprochen brillante Nadine Sierra, die der Musik nichts, dem Tiefgang der Rolle aber doch einiges schuldig bleibt. Einen Volltreffer als androgyner Cherubino landet Emily D’Angelo. Ihr gelingt es perfekt, mit höchst agilem Mezzosopran der Rolle die nötigen Farben zu verleihen.

Der Graf von Gyula Orendt kehrt die sexistische Seite dieses Feudalherrn stark heraus, ist konzentriert im Spiel, sein Bariton verfügt über ein schönes Timbre mit dem er seinen Kammerdiener übertrumpfen kann. Der Gräfin von Elsa Dreisig gebührt die Palme des Abends. Ihr schlanker, klarer Sopran durchschifft die zahlreichen Tücken dieser anspruchsvollen Partie souverän. Ein heller, silberner Klang kennzeichnet diese Stimme. Man darf auf weitere Auftritte dieser Sängerin gespannt sein.

Auch die kleinsten Rollen sind befriedigend besetzt, ein origineller Einfall ist es, den über 80-jährigen einstigen Heldentenor Siegfried Jerusalem als Don Curzio zu besetzen.

Dass trotz der sehr guten gesanglichen Leistungen die Aufführung insgesamt sehr kalt lässt, liegt wohl an der nüchternen, anachronistischen Inszenierung. Durch sie verliert das Werk viel von seinem Charme und Tiefgang. Aber vielleicht wird ja auch diese Inszenierung bald wieder aussortiert.

Peter Sommeregger, 1. April 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Musikalische Leitung

Daniel Barenboim

Inszenierung

Vincent Huguet

Bühnenbild

Aurélie Maestre

Kostüme

Clémence Pernoud

Graf Almaviva

Gyula Orendt

Gräfin Almaviva

Elsa Dreisig

Susanna

Nadine Sierra

Figaro

Riccardo Fassi

Cherubino

Emily D’Angelo

Marcellina

Katharina Kammerloher

Don Basilio

Stephan Rügamer

Don Curzio

Siegfried Jerusalem

Bartolo

Maurizio Muraro

Antonio

David Oštrek

Barbarina

Liubov Medvedeva

 

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