Die Zeit läuft Amok, solang das Schicksal es so will – "Der Rosenkavalier" im Nationaltheater

Der Rosenkavalier von Richard Strauss  Bayerische Staatsoper, München, um 90 Minuten zeitversetzter Live-Stream, 21. März 2021

Bayerische Staatsoper, München, um 90 Minuten zeitversetzter Live-Stream, 21. März 2021

Rezension des Videostreams: Der Rosenkavalier von Richard Strauss

DER ROSENKAVALIER: MARLIS PETERSEN (FELDMARSCHALLIN), Foto: W. Hösl

von Frank Heublein

Der Rosenkavalier ist unterschrieben als Komödie für Musik in drei Aufzügen. Dramatische Handlungswirren werden in guten Komödien unausweichlich mit der Lebensweisheit garniert, dass alles einen Preis hat, auch das Glück. Und das Schicksal, egal wie schlimm es mittendrin zuschlägt, am Ende einer Komödie ist es hell und häufig überglücklich.

Regisseur Barrie Kosky materialisiert das Schicksal in dieser Inszenierung. Es ist stets mittendrin, scheint aber nur zu beobachten. Oh nein! Überall hat es seine Finger im Spiel! Mal mit schwarzen Flügeln, Unheil bringend. Mal mit weißen, Seligkeit ankündigend.

Der Schicksalsengel ist ein wie ich finde schlauer Regieeinfall. Alt, tiefgebeugt, ausgehärmt, mager, halbnackt, schlohweißes Haar, zerfurchtes Gesicht – das Schicksal zeichnet nicht nur, es ist selbst schlimm gezeichnet. Wie es beim Schicksal so ist, der Herr mit stiller, aber tragender und entscheidender Rolle bleibt im Programm namenlos. Gerade so wie auffällig unauffällig sich dieser halbnackte Lumpenmann in die sonst so üppig schönen kostümierten Bühnenpersonen einzupassen vermag, als Diener, als Kutschführer, als Ober oder als Einflüsterer im Souffleurkasten im dritten Akt, da gefällt er mir am allerbesten!

Zur Ouvertüre sehe ich eine übergroße Standuhr auf der Bühne stehen. Die Uhrzeiger fangen sich an zu bewegen. Immer schneller drehen sie sich, einander entgegen gesetzt. Die Zeit läuft Amok. Vladimir Jurowski setzt den Ton differenziert, fein und zugleich opulent.

Während der Ouvertüre entsteigt die Feldmarschallin der Standuhr. Im dünnen Negligé. Ein dritter Arm umschlingt ihren Körper von hinten voller Lust. Kopfkino: eine unersättliche Nacht haben die „drei Arme“ da gehabt. Die Feldmarschallin, gesungen und gespielt von Marlis Petersen und Samantha Hankeys Octavian. Für Octavian soll es gar nicht Morgen werden, so verliebt in und gleichzeitig unersättlich gierig ist er auf die Feldmarschallin. Das spielen die beiden so deutlich wie sie es singen, sich lustvoll in- und aufeinander werfend.

Der erste Akt spielt fast ausschließlich im halbdunklen Blau-Schwarz-Grau-Silber. Die Bäume der Orangerie sind matt silbern, das Sofa grau, das Bühnenbild schwarz-gräulich. Feldmarschallin und Octavian jagen sich neckend durch die Orangerie.

Das Leben ist ein Silbertablett, auf welchem der Schicksalsengel soeben das Frühstück hereinträgt. Ich stutze einen Moment, ist es das Licht? Nein, dieser Engel hat schmutzig grauschwarze Flügel.

Aufregung. Die Feldmarschallin hört es rumoren. Ist es etwa ihr Ehegatte, der da kommt? Schnell muss Octavian verschwinden, aber wohin? Entwarnung, es ist nur Besuch, der Verwandte Baron Ochs auf Lerchenau. Siedend heiß fällt der Feldmarschallin ein, dass er ihr einen Brief übergeben ließ, den sie ignoriert hat, sich ganz der heißen Liaison mit Octavian hingebend.

Octavian hat sich verkleidet als Zofe Mariandel. Feldmarschallin und Octavian-Mariandel können kaum die Finger voneinander lassen, wenn der Baron schwadroniert und unaufmerksam ist. Wenn er das nicht ist, nutzt er jede sich bietende Gelegenheit, sich der Zofe aufzudrängen. Geschmacklose Stielaugen, anzügliche Sprache, ebensolche Nähe. Ekelhaft! Sehr gut singt und spielt den Lerchenau Christof Fischesser. Er spielt ihn im ersten Akt fulminant, kraftvoll dynamisch, als einen überheblich ignorant egozentrischen geilen Sack. Widerlich und also komödiantisch exzellent.

Sowohl Octavian als auch die Feldmarschallin genießen dieses Spiel. Octavian spielt Mariandel flach verführerisch, etwa Po wackelnd aufstehend und extra lasziv den Rock glattstreichend. Doch so platt das Spiel ist, der Baron Ochs auf Lerchenau ist platter. Seine Wahrnehmungsscheuklappen gleichen einer egozentrischen Stichflamme, die außer Geld und Geilheit alles andere in Rauch aufgehen lässt. Exempel ist die Notarszene, in der er Recht – die Morgengabe – beugen will, um an maximal viel Geld des Herrn von Faninal zu gelangen.

In der folgenden Audienzszene ist für mich mit der Arie eine Fantasiesequenz der Feldmarschallin eingebaut. Gestresst und gelangweilt von Menschen, die alle etwas wollen, entflieht sie in ihre Vorstellung. So verstehe die Änderung des Lichtspektrums von Blau-Grau-Schwarz zu Gelb-Orange, wenn der Sänger auftritt. Kurzzeitig durchbricht die Wirklichkeit den Traum, die Feldmarschallin versucht ihn – der Sänger und Heldentenor tritt erneut auf – ein letztes Mal festzuhalten.

Im Nichtgelingen beendet sie die Audienz in Melancholie verfallend. Prägnant formuliert singt Marlis Petersen brillant über „das“ Thema dieser Inszenierung: die Zeit, die Amok läuft.
„Aber wie kann das wirklich sein, dass ich die kleine Resi war und dass ich auch einmal die alte Frau sein werd? Die alte Frau, die alte Marschallin! »Siegst es, da geht die alte Fürstin Resi!« Wie kann denn das geschehn? Wie macht denn das der liebe Gott? Wo ich doch immer die gleiche bin. Und wenn er’s schon so machen muss, warum lasst er mich zuschaun dabei mit gar so klarem Sinn! Warum versteckt er’s nicht vor mir? Das alles ist geheim, so viel geheim. Und man ist dazu da, dass man’s ertragt. Und in dem »Wie« da liegt der ganze Unterschied.“

Sie spielt und singt diesen Schmerz höchst eindringlich. Grandios einfühlsam vom Jurowskis bayerischem Staatsorchester getragen, hier im zarten Piano der Oboe und Flöte.

Die folgende letzte Szene des ersten Aktes zeigt, wie sehr die Feldmarschallin die Zeit als Amokfahrt begreift. Dies arbeitet die Inszenierung deutlich heraus.

Der hereinstürmende Octavian möchte sie trösten. Er glaubt fehl, indem er in seiner egoistischen überzeugten Liebesblindheit glaubt, seine Person an sich könne die Stimmung der Feldmarschallin aufhellen. Ein zweiter Fehlglaube ist, ihre Traurigkeit hänge allein an der Sorge um ihn als Mariandel, die vom Lerchenau kompromittiert wird.

Sie singt „Mir ist zumut, dass ich die Schwäche von allem Zeitlichen recht spüren muss, bis in mein Herz hinein, wie man nichts halten soll, wie man nichts packen kann, wie alles zerläuft zwischen den Fingern, wie alles sich auflöst, wonach wir greifen, alles zergeht wie Dunst und Traum.“

Ergreifende Musik gepaart mit intensiven Spiel von Marlis Petersen und Samantha Hankey. Ich begreife mit jeder Faser meines Körpers in dieser langen Duettszene, das gerade etwas deutlich anders wird zwischen den beiden. Das „Was“ kündigt sich unmittelbar an.

Sie hat vergessen, Octavian die silberne Rose mitzugeben. Der Diener und Bote Mohammed ist eine Figur des Librettos, die heutzutage als politisch nicht korrekt bis inakzeptabel empfunden werden kann. Das wird elegant und klug gelöst, in diesem Fall übernimmt der Schicksalsengel den Job.

Die Feldmarschallin wendet sich zur Standuhr vom Anfang zu. Sie setzt sich aufs Pendel zu den Schlusstakten des Orchesters. Sie reitet auf der Zeit, die Amok läuft, versucht ihr Frau zu werden.

Der Raum des zweiten Akts ist einer mit hunderttausend Augen, die mich und alle Beteiligten anblicken aus den mit Portraitbildern überbordenden Saal. Vielsagende Dekoration, denn dem Herrn von Faninal ist nichts wichtig außer seiner Reputation. Seine Tochter Sophie muss sich unter allen diesen Augen beweisen. Diese Prüfung will sie mutig angehen. Singt sich in einen Rausch mit kurzer Ohnmacht. Eine Stimme erweckt sie, die sie magisch magnetisch anzieht, das sehe ich ihrem Gesicht an.

Dieser zweite Akt mischt die Welten durcheinander. Octavian tritt auf in einer Aschenputtel-Cinderella anmutenden vollständig von Glitzer übersäten mindestens absolutistischen Kutsche auf. Gesteuert, mich wundert es nicht, vom Schicksalsengel.

Die Rosenübergabe gerät zum „Coup de foudre“. Ich spüre im Spiel und im Gesang von Samantha Hankey und Katharina Konradi als Sophie: hier springt die Liebe über. Die beiden sind sich sofort spürbar nah. Unverblümt singt sie, dass er ihr gefalle. Ihr Anbandeln wird rüde unterbrochen.

Baron Ochs auf Lerchenau findet sich ein, um seine Braut zu begutachten wie ein Stück Vieh. Wieder empfinde ich Christof Fischesser als Lerchenau Charakter äußerst glaubhaft. Sophie beschwert sich, doch trifft bei der Jungfer Marianne auf taube Ohren, denn sie bekommt eine gute Partie ab, mit öffentlichem Auge betrachtet. Der Herr von Faninal des Johannes Martin Kränzle spielt und singt blind vor Stolz ob des adeligen Aufstiegs und dem Gewinn an öffentlicher Reputation.

Sophie sträubt sich weiter. Lerchenau bittet Octavian, Sophie weichzukochen für ihn. Und wie er das tut, Sophie und Octavian küssen sich heftig. Das Liebesduett wirkt hier wie zwei ineinander verschlungene Arien.

Valzacchi und Annina in den Diensten von Lerchenau erwischen die beiden. Hinein geht es in die antike mythologische Sagenwelt. Mit ihren Hörnern auf dem Kopf erinnern die Figuren – alle außer Octavian, Sophie und Lerchenau – samt des Lerchenau’schen Gefolges an dionysische Helfer. Diese zusätzliche Parallelwelt kommt plötzlich, funktioniert zwar. Ist für mich jedoch das schwächste Glied in der Inszenierung.

Die Lage eskaliert. Der Vater droht die Tochter zu enterben. Octavian macht ernst und fordert Lerchenau zum Duell. Der pikst sich schnell und leicht, um große Pose aus minimaler Verletzung zu entwickeln. Vater Herr von Faninal ist ebenso wie der Baron Ochs auf Lerchenau mit Wahrnehmungsscheuklappen ausgestattet. In seinem Fall zählt nur sein öffentlicher Ruf. Alles andere, auch das Glück seiner Tochter, ist egal. Das wird, da eben nicht sein eignes Ding, dem Lerchenau zu viel.

Unterdessen bleibt Octavian nicht untätig, besticht Annina. Diese übermittelt dem Lerchenau einen Brief vom Mariandel. Im Weinrausch trinkt sich Lerchenau seinen Kavaliersstatus schön. Christof Fischesser spielt und singt einmal mehr eine sehr gut ausdifferenzierte Figur Lerchenau, der selbstbezogen vom anstehenden Rendezvous träumt und seine Lakaiin Annina ignoriert.

Im dritten Akt wird die Bühne zu einem kleinen Vorstadttheater. Es erinnert mich in der Anlage und Anmutung an den großen Saal der Musikhochschule hier in München. Im Vorspiel ergehen sich die von Octavian eingekauften Valzacchi und Annina als Organisatoren des folgenden Schmierentheaters.

Als „Zuschauer“ ist das Schicksal mittendrin dabei. Der Vorhang vor den Zuschauerreihen schließt sich. Dem Lerchenau wird es als blindes Fenster verkauft. Der nimmt es hin, hat er doch mit Mariandel nur ein Zielobjekt im totalen Fokus. Toll spielen hier Samantha Hankey und Christof Fischesser. Ihr hätte ich die ordinäre Lache nicht zugetraut. Lerchenau macht sich zum liebestollen Deppen, der doch stets glaubt, die Fäden in der Hand zu halten.

Das eingefädelte Panoptikum nimmt seinen Lauf: Frau und Kinder? Woher kommen die? fragt sich der weinbetäubte Lerchenau. Plötzlich sind alle Bediensteten angezogen wie er selbst. Er ist verwirrt. Es ist ihm zu viel. Er ruft die Polizei.

Doch der Kommissar treibt ihn im Verhör weiter in die Enge. Das Orchester schaukelt sich hoch, auch musikalisch fühle ich den Alptraum Lerchenaus. Wir sind im Theater, also gibt es eine Dea ex machina. Vorhang auf, Feldmarschallin da und sie rettet Lerchenau. Witziges Detail: der Schicksalsengel souffliert aus eben diesem Kasten.

Die Feldmarschallin sagt einen Satz, um den Kommissar zu beruhigen: „Das Ganze war halt eine Farce und weiter nichts“. Eine gefühlt unglaublich lange Generalpause schaue ich ins entsetzte Gesicht der anwesenden Sophie. Dieser Satz trifft sie wie ein Stromschlag, denn ihr wird im Wiederholen des Satzes klar: sie, ihr Leben, ihre Zukunftsperspektive ist nur ein belangloser Spielball eines Intrigenspiels! Das schmerzt und trifft sie tief, ich höre und sehe es ihr an.

Leicht lässt die Feldmarschallin den Lerchenau nicht von der Angel. Sie löst das Eheversprechen. Muss peinlich überdeutlich deutlich werden, wie schlecht seine Sache steht. Als Lerchenau sich verdünnisieren will, geht der Vorhang erneut auf und alle seine von ihm misshandelten Angestellten bewerfen ihn mit allem Möglichen. Zu schwungvollsten Wiener Walzer Klängen. Das Schicksal wird mich Mores lehren, so schadenfroh vergnügt bin ich in dieser Szene.

Es fehlt das Happy End. Die Feldmarschallin lädt Vater von Faninal in ihren Wagen ein. Dieser Reputationsgewinn „rekreiert“ ihn. Kleines Häkchen. Octavian nähert sich Sophie. Sie lässt ihn zappeln. Sie – und auch die Feldmarschallin – zwingen ihn zur klaren Entscheidung für Sophie und gegen die Feldmarschallin. Die folgenden drei ineinander verschlungenen Arien der Feldmarschallin, Octavians und Sophie. Das ist der große Haken am Happy End. Fulminant singt das Trio, große Oper!

So gut verständlich alle drei singen, so schwierig empfinde ich das Verstehen insbesondere bei diesen drei sich überlagernden Arien. Ich meine, im Opernsaal könnte ich die Stimmen besser auseinander dividieren und verstehen können wie aus den Boxen heraus. Da stößt zumindest meine Technik an die Grenzen.

Die Konversation von Faninal „Sind halt aso, die jungen Leut’!“ und der Feldmarschallin Antwort „Ja, ja.“ verdiente einen ausführlichen Vergleich von Inszenierungen, wie unterschiedlich das Wesen der Feldmarschallin durch dieses „Ja, ja.“ ausgestellt werden kann. Hier und heute ist es ein wissendes und zugleich souveränes „auch ich spiele groß auf, nicht nur die jungen Leut’“.

Da es in dieser Inszenierung um die Amok laufende Zeit geht, wird diese Klammer im Schlussduett geschlossen. Die Standuhr erscheint. Obenauf der Schicksalsengel. Was macht er? Er bricht der Uhr den großen Zeiger ab. Mit der Zeiten Amok ist jetzt Schluss. Das Liebespaar Sophie und Octavian fliegt über die Bühnenbreite. Ihre letzten Worte: „für alle Zeit und Ewigkeit!“ Das Schicksal hat entschieden!

Die Besetzung ist in seiner ganzen Tiefe hervorragend. Herauszustellen sind die großartigen Hauptfiguren, die allesamt stimmlich brillieren. Sie überzeugen schauspielerisch. Zugleich werden sie dank der hervorragenden Regie zu sehr pointierten Figuren stilisiert. Wunderbar.

Die Feldmarschallin Marlis Petersen als hellsichtige Frau, die sehr gut weiß, wie schnell junge Lover weiterziehen. Diese Feldmarschallin verharrt jedoch nicht in der Melancholie, ihr Zug sei abgefahren. Bei ihr und ihrem „Ja, ja.“ am Ende des dritten Aktes bin ich sicher, dass schon übermorgen der nächste Verehrer in ihrem Bett ihr an den Lippen klebt und ihr zur Füßen liegt. Beides zugleich ver-suchend. Die Hellsichtigkeit, ihre melancholische Ader und das Bewusstsein ihrer Macht, all das zeigt Marlis Petersen mit absoluter stimmlicher Präsenz und ebenso schauspielerisch. Sie ist eine Wucht.

Der Baron Ochs auf Lerchenau mimt Christof Fischesser als opulent präsentes lust- und geldgieriges hochnäsiges egozentrisches Ekel, das am Ende sein Fett abbekommt. Er hat stets starke Widerparts. Im ersten Akt das verliebte Paar. Im zweiten das sich verliebende Paar. Im dritten den Kommissar und die ihre Macht stimmlich wie spielerisch eindrucksvoll beweisende Feldmarschallin.

Es gibt Aufführungen, da überstrahlt der Ochs die anderen Rollen. Hier ist das nicht so, denn die Rolle ist eingepasst in die Opernhandlung. Am Ast des Warmluft blasenden Hochnäsigen wird schauspielerisch wie sängerisch permanent gesägt. Im ersten Akt der forsche Kavalier, zieht er sich im zweiten in die Rolle des Verletzten zurück, um im dritten vollends die Handlungskontrolle zu verlieren, prägnant dargestellt im Verlust seines Toupets. Diese Aktivitätenverschiebung verspüre ich in Christof Fischessers Rolleninterpretation prägnant. Seine Stimme bringt er gemäß der angelegten Rollenveränderung toll und sehr differenziert ein.

Samantha Hankey als Octavian spielt und materialisiert die Zeit, die im Vorspiel bildlich Amok läuft. Die drei Akte verstehe ich als drei Entwicklungsschritte Octavians. Barrie Koskys Inszenierung macht sie deutlich: im ersten der vor Liebe blinde „Bub“. Er ist ein Liebesspielzeug, ganz in der Hand der Feldmarschallin. Sein mehrfach vorgetragener Besitzanspruch ist männliche Plattitüde, die in keinem Moment der Autorität der Feldmarschallin standhält. Im zweiten emanzipiert er sich. Handelt aktiv. Nach eigenem moralischen und emotionalen Kompass. Intelligent und schlau dazu, schmiert er doch Lerchenaus Vertraute Valzacchi und Annina, um Lerchenau in die Falle eines Rendezvous mit Mariandel zu locken und so die Heirat mit Sophie zu verhindern. Im dritten Akt muss er sich entscheiden zwischen zwei Frauen. Eine Entscheidung hat meist und umfassend mit Verlust zu tun. Sophie bringt das in den drei parallel gesungenen Arien der drei Figuren Feldmarschallin, Octavian und Sophie gegen Ende des dritten Aktes in ihrem Part auf den Punkt:
„Ich möcht’ mich niederknien dort vor der Frau und möcht’ ihr was antun, denn ich spür’, sie gibt mir ihn und nimmt mir was von ihm zugleich. Weiss gar nicht, wie mir ist! Möcht’ alles verstehen und möcht’ auch nichts verstehen. Möcht’ fragen und nicht fragen, wird mir heiss und kalt. Und spür’ nur dich und weiss nur eins: dich hab’ ich lieb.“

So fies ist das Schicksal, auch mit den weißen Flügeln. Aber nur kurz, denn es ist eine Komödie, die gut ausgeht: „Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein, dass wir zwei beieinander sein, beieinand’ für alle Zeit und Ewigkeit!“

Samantha Hankey überzeugt mich stimmlich in jedem Ton. Besonders gut gefällt sie mir im zweiten Akt, wenn sie der Liebe anheimfallend zu Sophie singt.

Die Sophie Katharina Konradis ist nicht grün hinter den Ohren, vielmehr wach, alert, intelligent, empathisch und realistisch. Diese alerte Wachheit zeigt sie in Spiel und Stimme. Sie weiß, nur durch einen Mann wird sie „etwas“. Ein Mann dagegen ist allein schon was. Doch gegen die Unsäglichkeit der Partie Lerchenau stemmt sie sich entgegen mit allem was sie hat. Sie findet in Octavian nicht nur den Geliebten, sondern auch einen streitbaren Retter, dessen Herz sie im Sturm erobert. Mein ganzes Herz und Ohr erzwingt sie sich stimmlich im Liebesduett mit Octavian im zweiten Akt.

Vladimir Jurowski leitet souverän das Bayerische Staatsorchester. Er präsentiert die Singstimmen wunderbar, die Musik trägt die Stimmen zu mir. Sein Dirigat empfinde ich als differenziert und feinfühlig. Wegen Corona wird die Fassung für kleineres Orchester von Eberhard Kloke genutzt. Gern möchte ich diese Fassung vor Ort im Nationaltheater hören! Und wäre ganz gespannt und erpicht auf die Gegenprobe, wie der zukünftige musikalische Opernhauschef mit großem Orchester agiert. Ich hoffe, es wird bald so weit sein.

Diese Inszenierung ist eine sehr gute Komödie. Sie vergnügt und unterhält mich. An manchen Stellen und gerade am Ende lässt sie mich die Abgründe spüren, die nur einen Handbreit weit neben Heiterkeit und Glück stehen. Gerade so wenig weit weg, dass ich die gewonnene Glückseligkeit dieser Aufführung im Augenblick hoch schätze. Eine Aufführung, die mich in allem, den Sängern und Sängerinnen, dem Chor, dem Orchester und seines Dirigenten und der Inszenierung und Regie überzeugt.

Der erste Akt ist für mich überwältigend. Die Pause kommt für mich zur Unzeit. Denn ich wickele mich selbst in Euphorie. Die ich verwandele in unverschämte Erwartung an die kommenden Akte. Sie werden erfüllt! Mein emotionales Problem dabei: sie werden nur erfüllt, nicht übertroffen. Rational ist mir klar: wie denn auch? Doch diesen Wunsch eines alles erfüllenden Strauss’schen Opernhimmels kann ich nicht zähmen in mir.

Eine spannende für mich nachvollziehbare Überlegung bringt ein Freund von mir ins Spiel: diese Inszenierung offenbart, dass diese Oper selbst aus der Zeit gefallen ist. Musikalisch wird Strauss wieder tonaler, zuckt zurück vor der in seinem musikalischem Schaffen Raum greifenden Atonalität. Die Handlung ist widersprüchliche Reminiszenz zwischen burleskem Wiener Walzer, absolutistischer Cinderella-Glitzerkutschen-Märchenwelt, antiker mythologischer Sagenwelt und psychologisierender Feldmarschallin.

Lieber Herr Schicksalsengel, gib mir heute Nacht einen Traum: wie ich diese Inszenierung im dunklen Zuschauerhalbrund mit 1999 Mitzuschauern und Mitzuschauerinnen im Nationaltheater in München intensiv erlebe und genieße. Bravi tutti.

Frank Heublein, 22. März 2021, für
klassik-begeistert.de oder klassik-begeistert.at

Programm

Richard Strauss, Der Rosenkavalier

 

Besetzung

 

Die Feldmarschallin Marlis Petersen

Der Baron Ochs auf Lerchenau Christof Fischesser

Octavian Samantha Hankey

Herr von Faninal Johannes Martin Kränzle

Sophie Katharina Konradi

Jungfer Marianne Leitmetzerin Daniela Köhler

Valzacchi Wolfgang Ablinger-Sperrhacke

Annina Ursula Hesse von den Steinen

Ein Polizeikommissar Martin Snell

Der Haushofmeister bei der Feldmarschallin Manuel Günther

Der Haushofmeister bei Faninal Caspar Singh

Ein Notar Christian Rieger

Ein Wirt Manuel Günther

Ein Sänger Galeano Salas

Adelige Waise Juliana Zara

Adelige Waise Sarah Gilford

Adelige Waise Daria Proszek

Eine Modistin Eliza Boom

Ein Tierhändler George Vîrban

Kinder Eliza Boom, Sarah Gilford, Daria Proszek, Juliana Zara, George Vîrban

Bayerisches Staatsorchester

Chor der Bayerischen Staatsoper

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