CD/Blu-ray Besprechung:
Fromental Halévy
La Juive
Ambur Braid
John Osborn
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Henrik Nánási
Naxos NBDO 190V
von Peter Sommeregger
Diese fünfaktige Oper Halévys wurde zum größten Erfolg des Komponisten, und ist der Gattung der Grand Opéra zuzurechnen, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Blütezeit erlebte. Im Zentrum der Handlung steht der jüdische Goldschmied Eléazar und seine vermeintliche Tochter Rachel. Beide geraten während des Konstanzer Konzils in den Strudel antisemitischer Hetze, der sie schließlich zum Opfer fallen.
Die dramatische Handlung, die reichlich Anlass für große Arien, Duette, Terzette, und vor allem Chorszenen bietet, ist von ihrem Stoff her ein sensibles Stück. Viel ist von jüdischem und christlichem Glauben die Rede, vor allem von deren angeblicher Unvereinbarkeit. Das hat den Erfolg und die zeitweilige Popularität des Werkes nicht beeinträchtigt, auch im deutschsprachigen Raum wurde die Oper häufig gespielt, die großen Arien daraus gehörten zum Repertoire vieler Gesangstars. Dies änderte sich in der Zeit des Nationalsozialismus, aber nach dessen Ende kann man die Oper auch hierzulande wieder auf den Spielplänen finden.
Das Frankfurter Opernhaus brachte 2024 eine Neuinszenierung heraus, deren Aufzeichnung nun auf Blu-ray-Disc erschienen ist. Mit der Inszenierung wurde die Regisseurin Tatjana Gürbaca betraut, als Deutsche mit türkisch-italienischen Wurzeln selbst von multikultureller Identität schien sie gute Voraussetzungen für den anspruchsvollen Stoff mitzubringen.
Die unselige Affäre Rachels mit dem ehebrecherischen Prinzen Leopold, dessen Ehefrau Eudoxie, der Kardinal Brogni und schließlich Eléazar selbst sind in ein dichtes Handlungsgeflecht verwickelt. In einem hauptsächlich aus einer Treppe bestehenden Einheitsbühnenbild gelingt Gürbaca eine klare und logische Personenregie. Problematischer ist ihre Behandlung der umfangreichen Chorszenen, die teilweise plakativ oberflächlich geraten, und geschmacklich gewöhnungsbedürftig sind.
Das Ärgernis der Aufführung stellen die Kostüme von Silke Willrett dar. Parallel ist der Chor historisch, aber auch in aktueller Alltagskleidung gewandet, was stilistisch deutlich unvereinbar ist. Ähnlich sind sie sich lediglich in ihrer weitgehenden Geschmacklosigkeit. Den Vogel schießt dabei das Kostüm ab, dass die unglückliche Rachel ab dem dritten Akt tragen muss. Hotpants mit Herzchen, Netzstrümpfe und eine knallrote Jacke machen sie beinahe zur lächerlichen Figur. Wie die Regisseurin das goutieren konnte, wird wohl ihr Geheimnis bleiben, es zieht aber die Inszenierung insgesamt deutlich abwärts. Eléazar hätte man für seine große Arie gegen Ende auch ein kleidsameres Kostüm als ein Feinripp-Unterhemd gewünscht.
Eindeutig auf der Habenseite der Aufführung stehen die Gesangsleistungen. John Osborn gibt des Goldschmiedes ganze Verzweiflung eines Vaters und eines gedemütigten Juden mit seinem kräftigen, wandlungsfähigen Tenor Ausdruck und Format. Ambur Braid als Jüdin, die in Wahrheit keine ist, ist ihm mit ihrem großen, ausdrucksstarken Sopran ebenbürtig, tapfer singt und spielt sie gegen ihr schauderhaftes Kostüm an.
Die Prinzessin Eudoxie wird von Monika Buczkowska mit hellem, schön gebildetem Koloratursopran gesungen. Dafür, dass die Regie sie zu einer Bling-Bling-Zicke macht, kann sie nichts. Ihr verlogener Ehemann, Prinz Leopold, findet in Gerard Schneider einen gut spielenden und ebenso singenden Interpreten, dessen Tenor sich gut gegen jenen Osborns behaupten kann. Lediglich Simon Lims Bass kann sich als Kardinal Brogni nur bedingt gegen die Hauptdarsteller behaupten. Henrik Nánási leitet das Frankfurter Opern-und Museumsorchester mit Umsicht und guter Koordination zwischen Graben und Bühne.
Schade, dass Tatjana Gürbaca an der sensiblen Thematik dieser Oper am Ende doch gescheitert ist.
Peter Sommeregger, 13. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Fromental Halévy (1799-1862) LA JUIVE (DIE JÜDIN) Oper Frankfurt, 20. Juni 2024
Jacques Fromental Halévy, La Juive Grand Théâtre Genf, 15. September 2022
Mir hat die Aufführung sehr gut gefallen, auch Bühnenbild und Regie absolut schlüssig.
DI Waltraud Becker
Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Aber es hätte mich gewundert, wenn Sie sich nicht zu Wort gemeldet hätten!
Wie wäre es mit einem eigenen Blog?
Peter Sommeregger