Geniestreich eines Unvollendeten

CD-Rezension: Hans Rott, Orchestral Works Vol. 2, Gürzenich Orchester Köln, Christopher Ward

CD-Rezension: Hans Rott, Orchestral Works Vol. 2
Capriccio C 5414

Gürzenich Orchester Köln
Christopher Ward

Das Gürzenich Orchester Köln unter Christopher Ward setzt mit dieser zweiten den Werken Hans Rotts gewidmeten CD ein Projekt fort, das dem unglücklichen, im Alter von 25 Jahren in geistiger Umnachtung gestorbenen Komponisten hoffentlich zu weiterer Aufmerksamkeit verhilft.

von Peter Sommeregger

Man will gar nicht glauben, dass ein Werk wie die hier eingespielte Symphonie Nr.1 in E-Dur erst im Jahr 1989, mehr als hundert Jahre nach Rotts Tod, uraufgeführt wurde. Dabei hatte Gustav Mahler, ein Studienkollege und Freund Hans Rotts, sich mehrfach sehr lobend über den Komponisten und diese Symphonie geäußert.

Bis heute hat das Werk schon beinahe so etwas wie Popularität erreicht, es liegen bereits etwa ein halbes Dutzend Einspielungen vor. Die Symphonie, die einen majestätisch-hymnischen Ausdruck, manchmal fast an Richard Wagner erinnernd, hat, folgt der klassischen viersätzigen Form. Nach dem hymnischen ersten Satz folgt das sehr langsame, romantisch aussingende Adagio des zweiten Satzes, der in deutlichem zeitlichen Abstand zum ersten komponiert wurde. Zeitlich ist der Satz knapp bemessen, deutlich kürzer als das nachfolgende Scherzo. Dieses hat einen fröhlichen, stellenweise derben Charakter. Parallelen zu Gustav Mahlers erst deutlich später entstandenen ersten Symphonie sind vielleicht nicht zufällig.

Das ausladende Finale ist der deutlich längste Satz der Symphonie. Er beginnt langsam, neben neuen Themen werden auch Motive aus den ersten drei Sätzen übernommen . Es folgt eine grandiose Steigerung, die in eine Fuge mündet. Im Finale erklingt noch einmal das Hauptthema des ersten Satzes, ehe die Musik leise verklingt. Die Reife der Komposition eines kaum über Zwanzigjährigen fasziniert und wird diesem Werk wohl einen bleibenden Platz im Konzertrepertoire sichern.

In großem Gegensatz dazu steht die Symphonie für Streichorchester in As-Dur, entstanden zwischen 1874 und 1875. Hans Rott war zu diesem Zeitpunkt erst 16 Jahre alt. Das in traditionellem Stil komponierte Werk ist reich an melodischen Einfällen, die auch handwerklich souverän verarbeitet werden. Stilistisch ist die Komposition den Streichquartetten Franz Schuberts nicht unähnlich. Die dreisätzige Form, die mit einem Scherzo schließt, legt den Verdacht nahe, Rott hätte einen Finalsatz geplant, der nicht mehr zur Ausführung kam oder aber verschollen ist.

Als letztes Werk enthält die CD als Welt-Ersteinspielung den Sinfoniesatz E-Dur von 1878, der wohl die erste, später verworfene Version der großen E-Dur-Symphonie darstellt. Der gesamte kompositorische Nachlass Hans Rotts befindet sich in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Es ist zu hoffen, dass dieses Projekt weitergeführt wird und noch weitere, bisher unveröffentlichte Kompositionen Hans Rotts endlich das Licht der Öffentlichkeit erblicken.

Peter Sommeregger, 4. Februar 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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