CD-Rezension: Wiederentdeckung eines Stimmfaches

CD Rezension: Michael Spyres, Baritenor,  klassik-begeistert.de

Ein heißer Anwärter auf den Titel CD des Jahres!

Michael Spyres
Baritenor

Erato 0190295156664

von Peter Sommeregger

Die neue CD von Michael Spyres ist nicht weniger als eine Sensation! Man konnte von diesem Künstler, der schon mehrfach seine Fähigkeiten zur Fachüberschreitung demonstriert hatte, ein interessantes Album erwarten. Was Spyres aber hier in über 84 Minuten abliefert, übersteigt alles Vorstellbare. Allein der Wechsel zwischen Tenor- und Baritonarien ist atemberaubend, was der Sänger dann aber noch innerhalb der einzelnen Stücke an Registerwechseln, Ausschmückungen und Variationen seinen Stimmbändern entlockt, ist beispiellos. Ebenso die scheinbare Leichtigkeit, mit der Spyres zwischen hohen und tiefen Registern wechselt. In der Arie des Figaro von Rossini scheint er gar mit mindestens zehn verschiedenen Stimmen zu agieren – nicht nur ein Kabinettstück, sondern auch Demonstration fulminanter Stimmtechnik.

Schon ein Blick auf die 18 Titel, die diese randvolle CD enthält, ist beeindruckend. Da steht neben Idomeneos großer Arie jene des Figaro-Grafen, das bezaubernde Postillion-Lied von Adam neben der Arie des Grafen Luna aus Verdis Troubadour, ja sogar das „Da geh ich ins Maxim“ aus Lehárs Lustiger Witwe fehlt nicht, den Reigen beschließt der Ohrwurm aus Korngolds Toter Stadt „Glück, das mir verblieb“. Spyres’ Lust am Singen und Interpretieren ist in jedem Augenblick spürbar, man könnte diese CD auch als wirksames Antidepressivum bewerben.

Über seine, jeden Rahmen sprengende stimmliche Eloquenz hinaus leistet Spyres auch noch einen wertvollen Textbeitrag zum Phänomen und der Geschichte des Baritenors, der unter Sängern früherer Generationen gar nicht so selten war. Prominentestes Beispiel ist der legendäre Sänger und Gesangslehrer Manuel García, der im 19. Jahrhundert als Tenor auftrat, aber auch in den Baritonpartien des Don Giovanni und des Figaro-Grafen Triumphe feierte. Spyres’ Ausführungen sind hoch interessant, sie bilden den historischen Unterbau dieser CD, der Sänger hat tatsächlich umfangreiche Quellenforschung betrieben.

Was zusätzlich erfreut, ist die bemerkenswerte Sorgfalt, die das Label Erato für diese Produktion aufgewendet hat. Das Orchestre philharmonique de Strasbourg unter Marko Letonja bewegt sich sicher durch die doch sehr unterschiedlichen Stücke, der Choeur de l’Opéra national du Rhin ist eine idiomatisch stilsichere Ergänzung in den einzelnen Gesangsnummern. Sehr ansprechend auch Booklet und Gesamtausstattung. Man ist versucht, nach dem ersten Durchhören sofort die Wiederholungstaste zu drücken, und das immer wieder!

Ein heißer Anwärter auf den Titel CD des Jahres!

Peter Sommeregger, 3. September 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

 

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