Leuchteten hier die Sterne (von morgen)?

Charles Gounod, Faust, Braunschweiger Staatstheater, 23. Oktober 2019

Foto: © Bettina Stoess
Charles Gounod, Faust, Braunschweiger Staatstheater, 23. Oktober 2019

von Ulrich Poser

Der WVP-Abhängige tut sich mit Musik, die nicht von Wagner, Verdi oder Puccini stammt schwer. Manchmal sehr schwer, Bach ausgenommen. Die Musik von Gounods Faust ist sicherlich nicht schlecht und man wird sie keinesfalls als welschen Tand bezeichnen können. Außer Wagner würde das ja auch keiner tun. Trotzdem: Die wvp-opioide Wirkung entfacht sie nicht.

Die Musik dieser Geschichte um die Liebesbeziehung zwischen Faust und Marguerite, die sitzen gelassen zur Kindsmörderin wird, hat sicherlich schöne Momente; genial, also wvp-opioid, ist die Musik nicht. Das stellte seinerzeit übrigens Tschaikowski ausdrücklich so fest.

Hier ein wenig Verdi, da ein gescheiterter Wagnerversuch in den Violinen. Wie dem auch sei: Die Musik ist auf jeden Fall interessant…

Das Staatsorchester Braunschweig bot eine sehr solide Leistung, die deutlich über dem Bewältigen lag. Insbesondere der feine dunkle Streicherklang vermochte beim Rezensenten Wohlgefallen zu erzeugen. Maestro Christopher Lichtenstein ist ein relativ junger Dirigent, der sein Orchester professionell im Griff hat und die Einsätze akribisch überwacht und den verschiedenen Orchestergruppen zuteilt. Man merkt, dass er schon seit 2010 im Hause arbeitet und im Graben kooperiert wird. Er ist ein Routinier.

© Bettina Stoess

Ad astra: Der Koreaner Kwonsoo Jeon, der durch die harte Sängerschule von Starsiegfried Jerusalem ging, überzeugte durchwegs. Dieser Tenor hat alles, was man in diesem Fach braucht, um – auch international – erfolgreich zu sein: Eine helle, klare und laut-saalfüllende Tenorstimme, die auch das hohe C in der Arie „Salut, demeure chaste e pure“ mühelos bewältigt. Sein großes Schauspieltalent und seine angenehme Erscheinung könnten dazu beitragen, dass wir es hier tatsächlich mit einem Star von morgen zu tun haben. Möge er sich die Reinheit seines Tenors und seine Stimmkraft (durch Schonung) noch lange bewahren und sich davor hüten, zu früh die falschen Partien zu singen. Mit Wagner kann man durchaus auch erst als Ü-50-Tenor anfangen.

Der Russe Valentin Anikin bringt – eigentlich – auch viele Voraussetzungen für einen Parade-Méphistophélés und eine große Karriere mit: Eine klare, kräftige Bassstimme, glänzendes Aussehen (er ist groß und schlank) und eine Menge schauspielerischen Talents. Ach, wäre da doch nicht seine eigenwillige Aussprache, die zu einer andauernden Textunverständlichkeit führt. Manchmal bildete sich der Rezensent ein, nur ein einziges Raunen und Röhren zu vernehmen. Diesem ebenfalls noch nicht alten Sänger sei dringend angeraten, in Sachen Artikulation, Aussprache und Textverständlichkeit sofort Unterricht zu nehmen. Der Rezensent gibt ihm noch eine Chance: In 2-3 Jahren höre ich Ihnen wieder zu: Einverstanden?

Eine rundum perfekte Leistung bot die wunderbare Ekaterina Kudryavtseva als kindesmordende Marguerite. Hier steht eine junge Frau mit schier unendlichen Stimmreserven auf der Bühne, die – wenn sie geschätzte 80 % ihrer Stimmreserven ausschöpft – das nicht gerade leise Orchester in Grund und Boden singen könnte. Der W-Nerd erahnt hier natürlich sofort eine zukünftige Isolde oder Brünnhilde. Bei dieser Ausnahmesopranistin überzeugt aber nicht nur die Stimmkraft, sondern auch die Klarheit ihres Klanges und die Kraft in der Mittellage, insbesondere bei den lyrischen Passagen. Die mädchenhafte Erscheinung und das professionelle Schauspiel könnten auch hier die Grundpfeiler für eine große internationale Karriere bilden. Einzig das gelegentlich anstoßende „S“ müsste ihr – vielleicht – noch liebevoll abtrainiert werden, um ihr dann jedoch sogleich und uneingeschränkt das Prädikat „makellos“ zu verleihen.

© Bettina Stoess

Die Nebenrollen waren mit Maximilian Krummen (Valentin) und Milda Tubelyté (Siébel) üppig und edel besetzt.

Die Inszenierung von Markus Bothe im Bühnenbild von Robert Schweer war: Ok! Man agierte, und das war angenehm, spartanisch. Eine Drehscheibe, drei Wände als Kulissen, ein riesiger Totenschädel: Aus die Maus. In Verbindung mit der sehr gelungenen Personenregie (natürliches, nicht übertriebenes, aber überzeugendes Schauspiel) führte dies zu einer kurzweiligen, gelungenen und insgesamt sehr unterhaltsamen Vorstellung.

Fazit: Es muss nicht immer nur Hamburg, Berlin oder München sein. Man kann ruhig auch einmal in Braunschweig in die Oper gehen und Musikgenuss auf hohem Niveau geboten bekommen.

Ulrich Poser, 24. Oktober 2019, für
klassik-begeistert.de

2 Gedanken zu „Charles Gounod, Faust, Braunschweiger Staatstheater, 23. Oktober 2019“

  1. Seit 2014 leitet Anna Mülter die Tanztage Berlin und ist mitverantwortlich fur das Tanzprogramm und die Themenfestivals der Sophiensäle. Der Berliner Produktions- und Spielort hat sich auf ihre Initiative hin auch zu einer Vorzeigeinstitution in Sachen Barrierefreiheit und Sichtbarkeit von Kunstler*innen mit Behinderung entwickelt. Von 2016 bis 2019 war Anna Mülter zudem Dramaturgin am Tanzhaus NRW.

    NN (eine Mann oder eine Frau aus der brasilianischen Amateurtanz-Szene)

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