Foto: Common Ground: Cacti, Carollina Bastos und Osiel Gouneo © Nicholas MacKay
Drei Konzepte. Das erste: der beschränkte kleinste Raum. Welch Dynamik! Das zweite: ein Raum, den sich die Tänzerinnen und Tänzer mit immer mehr hinzukommenden teilen müssen. Welch entstehende Freiheit! Das dritte: der Schein muss gewahrt bleiben. Oder wird dieser durchbrochen durch das sensible Band der Tänzerinnen und Tänzer mit den Zuschauerinnen und Zuschauern? Ich jedenfalls fühle dieses Band an diesem Abend. In allen drei Teilen.
Common Ground – dreiteiliger Ballettabend PREMIERE
„Cacti“ (UA 2010, Nederlands Dans Theater)
Choreographie Alexander Ekman
Musik Ludwig van Beethoven, Joseph Haydn, Franz Schubert (Arr. Andy Stein)
Bayerisches Staatsballett
Streichquartett So-Young Kim, Matjaž Bogataj, Tilo Widenmeyer, Benedikt Don Strohmeier
„IMPASSE“ (UA 2020, Nederlands Dans Theater)
Choreographie Johan Inger
Musik Ibrahim Maalouf, Amos Ben-Tal
Bayerisches Staatsballett
Bella Figura (1995, Nederlands Dans Theater)
Choreographie Jiří Kylián
Musik Lukas Foss, Alessandro Marcello, Giovanni Battista Pergolesi, Giuseppe Torelli, Antonio Vivaldi
Bayerisches Staatsballett
Nationaltheater, München, 28. März 2026
von Frank Heublein
An diesem Abend eröffnet das Bayerische Staatsballett mit seiner zweiten Premiere der Spielzeit „Common Ground“ die Ballettwoche 2026 auf der Bühne des Münchner Nationaltheaters. Der Abend vereint drei Stücke, die allesamt am Nederlands Dans Theater in Den Haag uraufgeführt wurden.
Kritiker und Rezensentinnen triggerten Alexander Ekman, Cacti zu choreografieren. Bedauerlicherweise höre ich die Texte zum überwiegenden Teil nicht in den Höhen der Galerie. Im Programmbüchlein werden sie abgedruckt. Das macht was aus, denn das Textgeblubber der ersten Texte ahmt die Monstrosität mancher Kritiken nach. Alexander, you have triggered me.

Spitzenidee! Bewegung auf ein Quaderformat 1,5 Meter auf 1,5 Meter zu fokussieren. Zuerst steht das Streichquartett hinter den Quadern, die jeweils einem Tänzer oder einer Tänzerin „gehören“. Denn sie tanzen nicht nur darauf und darum herum. Nein! Sie atmen, stöhnen, schreien, klopfen, stampfen. Das ist mal die Fortsetzung der Musik, mal der Gegensatz, mal das grobe Reingrätschen. Krasse Dynamik. Dann verschieben sie die Quader nach hinten in den ganzen Bühnenraum. Stellen die Quader in die Senkrechte. Effekt: Tänzer und Tänzerinnen lugen über den Quadern hervor und schwupps sind sie verschwunden. Cool. Das Licht fokussiert mal einen Quader, mal Reihen, mal einzelne Seiten. Ganz besonders reizvoll: die Laufszene in den unterschiedlichen Lichtausschnitten. Mega. Und Achtung. Auftritt der Cacti. Empfinde ich eher ironisch, denn so richtig integriert werden die (künstlichen?) Stechpalmchen nicht. Die Quader werden ins Chaos sortiert – für den Pas des Deux. Hier wäre die Unterhaltung zu verstehen wertvoll gewesen. Denn eigentlich wohne ich einem Training bei (was ich wüsste, wenn ich denn den Text verstehen würde). Ein weiterer ironischer Bruch: die staubige Katzenattrappe, die vom Bühnenhimmel fällt. Sie schließt unter Publikumslachen den Pas de Deux ab. Tänzer und Tänzerinnen, die ihre ganzen Körper auf äußerst beschränktem Platz ausagieren. Eine eindrucksvolle Wucht. Gefällt mir! Sehr.

Johan Inger erprobt mit seiner wörtlich zu verstehenden Impasse (Engstelle) die tänzerische Ausprägung zunehmender Enge. Hier: immer mehr Tänzerinnen und Tänzer füllen denselben Raum. Erst eine, dann ein Paar, dann drei. Wieder öffnet sich die Tür. Es entströmen ihr weitere sechs in schwarz gekleidete Tänzerinnen und Tänzern. Danach werden clownest farbige weitere sechs Menschen Teil der Enge. Das Farbkonzept finde ich eher beliebig. Doch das ist Nebensache. Denn egal wie die Truppe wächst. Es ist ein entspanntes neugieriges aufeinander Einlassen. Stets finden sich neue Figuren, neue Dynamik. In der zunehmenden Enge entwickelt sich grenzenlose Körpersprachenfreiheit. Dazu kommt ein sich langsam senkender Vorhang, auf dem ich sporenmäßige sich bewegendes Zisel erkenne. Winkelmäßig ist für mich früh nur noch sich bewegender Schatten zu sehen. Durchaus reizvoll. Viele versuchen die Flucht vor den Vorhang. Am Ende schaffen es nur drei, sich vor den Vorhang zu kämpfen. Doch der Raum, der ist weg. Aus die Maus. Die Klammer dieser Choreografie ist die schwebende Musik des wunderbaren Trompeters Ibrahim Maalouf. Den mag ich sehr. Genieße ich entsprechend als Gesamtpaket.

Jiří Kylián prägte das Nederlands Dans Theater mit fünfundsiebzig Choreografien. Eine davon ist Bella Figura, manche sagen, es sei seine schönste für dieses Theater. Thema: egal was ist, eine gute Figur machen auf den künstlerischen Punkt. So fängt es an. Eine Tänzerin wird nicht losgelassen von dem sie umfassenden Vorhang. Die Vorstellung lässt alles unwichtig werden – außer der Bewegung, außer der Figur. Zu barocken Klängen. Die Figur. Die muss sitzen. Selbst wenn sie gebrochen oder verbogen ist. Eindrucksvoll. Zugleich gebrochen durch den Anfang: sind diese strengen zugleich eleganten Figuren nur gespielte Pose – Bella Figura? oder ist das entscheidende Quäntchen Lebensenergie, das entscheidende Quäntchen Lebensschmerz drinnen, den die Tänzerinnen und Tänzern dazutun, um sich mit dem Publikum zu verbinden? Liebes Bayerische Staatsballett, ich glaube am heutigen Abend Euch, ich fühle Euch!
Frank Heublein, 29. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Minutemade Act One, Uraufführung, Teil I Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 5. März 2026
Minutemade Act Two, Uraufführung, Teil II Staatstheater am Gärtnerplatzt, München, 12. März 2026
Minutemade Act Three, Uraufführung, Teil III Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 19. März 2026