Der Meister der Festspiele brilliert am Pfingstsonntag in Salzburg  

Daniel Barenboim, András Schiff, Staatskapelle Berlin,  Salzburger Pfingstfestspiele

Foto: © Peter Adamik
Salzburger Pfingstfestspiele
, Großes Festspielhaus, Salzburg, 12. Mai 2018
Gioacchino Rossini, Ouvertüre zum Melodramma tragico Semiramide
Edvard Grieg, Konzert für Klavier und Orchester a-Moll, op. 16
Peter Iljitsch Tschaikowski, Symphonie Nr. 1 g-Moll op. 13 – „Winterträume“
Daniel Barenboim, Musikalische Leitung
András Schiff
, Klavier
Staatskapelle Berlin

Von Raphael Eckardt

Daniel Barenboim und die Salzburger Festspiele – das ist eine innige Beziehung, die bereits seit einem halben Jahrhundert andauert und in erstaunlicher Regelmäßigkeit für geschichtsträchtige Konzerte der musikalischen Extraklasse steht. Ob als Dirigent oder Pianist – kaum ein Künstler steht in Salzburg so für außergewöhnliche Festspielmomente wie Barenboim. Da war es freilich wenig verwunderlich, dass viele alteingesessene Klassikfreunde am diesjährigen Pfingstsonntag auf Pfingstgottesdienste und Messen verzichteten, um ihren ganz persönlichen Messias auch diesmal wieder live am Dirigierpult erleben zu dürfen.

Mit Gioachino Rossinis Ouvertüre zum Melodramma tragico Semiramide, Edvard Griegs Klavierkonzert in a-Moll und Tschaikowskis 1. Symphonie „Winterträume“ standen diesmal drei Werke von kompositorischen Großmeistern auf dem Programm, die nicht nur Abwechslung und musikalische Vielfalt versprachen, sondern auch ein einzigartiges Konzerterlebnis. Denn als exzellenter Rossini- und Tschaikowski-Interpret hatte sich Barenboim in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten unzählige Male bewiesen.

Tschaikowskis oftmals mystisch anmutende 1. Symphonie, uraufgeführt 1868, spiegelt eine Kontroverse wider, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Oeuvre des russischen Komponisten zieht: Einerseits den Anspruch auf absolute Musik erhebend und andererseits mit dem assoziativen Untertitel „Winterträume“ versehen, sucht sie bis heute ihren Platz zwischen Mozartsinfonien und Berlioz’ Symphonie fantastique. Im selben Jahr ihrer Uraufführung entstand jenes Klavierkonzert von Edvard Grieg, das wohl zum ersten Mal Klänge aus der nordischen Volkstümlichkeit in die internationale Musikwelt einbrachte. Musik von Komponisten also, die sich immer wieder auf musikalische Entdeckungsreise begeben hatten, um neue Horizonte zu entdecken – ein Programm, wie geschaffen für Freigeist und Querdenker Barenboim und seine Staatskapelle Berlin.

Die Ouvertüre zur Opera seria Semirade von Gioacchino Rossini ist zweifelsohne ein präzises Meisterwerk von hoher rhythmischer Raffinesse und diffizil gearbeiteter agogischer Feinkomposition. Barenboims Paradedisziplin ist es seit jeher, auch in komplexer Literatur für Klarheit und Ordnung zu sorgen, und das sollte er an diesem Abend einmal mehr beweisen. Fein mit dem Taktstock wedelnd treibt er sein Orchester immer wieder zu Höchstleistungen an. Da ist ein reißender Strom zu spüren, der sich unaufhaltbar seinen Weg durch scharfkantige und verwilderte Berglandschaften bahnt. Immer wieder schäumt das Wasser zu bedrohlich wirkenden Strudeln zusammen. Anlaufende Motive in den Violinen schwingen sich mit furchteinflößender Geschwindigkeit in höhere Sphären auf. Nur, um dann abrupt im Nichts zu enden. Plötzlich ist da eine nahezu mystisch wirkende Ruhe zu spüren. Wer genau hinsieht, wird feststellen, dass am Himmel bereits der nächste Donnersturm herbeiweht. Mit beeindruckenden Fortissimi in den Celli läutet Barenboim den zweiten Teil des gefährlich Wilden ein. Von fehlender dynamischer Differenzierung, für die man Barenboim zuletzt immer wieder kritisiert hatte, war an diesem Abend nichts zu spüren. Mit beeindruckendem Nuancenreichtum und einer differenziert ausgearbeiteten Interpretation liefern Barenboim und die Berliner Staatskapelle das nächste geniale Rossinikapitel dieser Festspielzeit. Da bahnt sich ja ein regelrechter Rossinirausch im oft so brav wirkenden Salzburg an. Fantastisch!

Griegs Klavierkonzert in a-Moll steht dieser herausragenden Konzerteröffnung dann eigentlich in nichts nach. In einem kleinen Gartenhäuschen im dänischen Ort Søllerød komponiert, sollte es dem damals 25 Jahre alten Grieg schon bald zum kompositorischen Durchbruch verhelfen. An diesem Pfingstsonntag in Salzburg wird klar: Hätte Barenboim damals Griegs Uraufführung dirigiert und András Schiff das Pianoforte so feinfühlig und demütig behandelt wie an diesem Tag, wäre Grieg vielleicht von heute auf morgen zum unumstrittenen Star der Klassikszene aufgestiegen. Schiffs Klavierspiel scheint wahrhaftig von einem anderen Stern zu sein. Bereits im ersten Satz haut es den ein oder anderen da förmlich aus den Socken. Haargenau präzisierte, beinahe pingelig perfektionierte Sechzehntelketten im Allegrotempo verflechten sich zu eindrucksvollen komplexen Seilsträngen, die fortan farbenfroh durch den Konzertsaal schweben. Unendliche Fadenwellen scheinen sich da auszubreiten, um sich im nächsten Augenblick zu fein verknüpften Mustern zu verweben. Schiff gelingt das Kunststück, in einem hochkomplexen Werk jeder Note ihren ganz eigenen Charakter zu verleihen. Da werden wunderbar akzentuierte Staccatoakkorde von sanft dahingleitenden Legatopassagen abgelöst. Alles wirkt mikroskopisch genau ausgearbeitet, jedes Motiv hat seinen Höhepunkt, jede Note ihre Aufgabe im Gesamten.

Im zweiten Satz glänzt dann vor allem Barenboim. Mit vollends verinnerlichtem musikalischem Gestus führt er sein Orchester durch wunderbar träumerische musikalische Weiten. Sanfte Streicherteppiche verwaschen mit luftig leichten Holzbläsermotiven. Alles ist von einer ungreifbaren Schönheit durchzogen. Das ändert sich auch im furiosen dritten Satz nicht. Das kernige Hauptthema, das dem norwegischen Springtanz Halling nachempfunden ist, spielt Schiff mit wunderbarer Leichtigkeit und leichter Staccatoakzentuierung. In der zweigeteilten Klavierkadenz verarbeitet der Ungar dann einzelne Perlen aus den ersten beiden Sätzen zu einem sagenhaften musikalischen Schatz. Einen Grieg dieser Klasse kann man nur dann hören, wenn sich zwei erfahrene Altmeister von außergewöhnlichem Niveau treffen, um gemeinsam zu musizieren. Zauberhaft!

Tschaikowskys symphonischer Erstling von 1866 überzeugt dann vor allem durch Frische, Farbenreichtum und rhythmische Wildheit. In jedem einzelnen Satz dieser ersten Sinfonie gelingt es Barenboim, eine melodische Vielfalt zu entfalten, die ihresgleichen sucht. Wie ein Gärtner steht er da in einem farbenprächtigen Garten, die süßesten melodischen Früchte von üppig grünen Sträuchern pflückend. Im zweiten Satz wird ein beeindruckendes Klangmeer kreiert. Schwermütige Melodiepassagen verschwimmen zu einzigartigen Wassermassen. Plötzlich springt ein Schwarm Delfine durch die weite Wellenlandschaft. Verzückend leichte Flötenmotive durchkreuzen die trostlose Weite.

Dass die Baremboimsche Staatskapelle ein herausragendes Orchester für Interpretationen der russischen Romantik ist, glaube ich seit langem. Seit heute kann man aber sagen: Ergreifender kann Tschaikowskys Musik wahrscheinlich gar nicht erklingen. Wie sprechend abschließend die schmerzlich-intensive Steigerung aus einfachsten melodischen Motiven vonstatten geht, die zum feurig explodierenden Schlusstrubel führt, ist künstlerische Extraklasse. Wer dachte, Barenboim habe sein Pulver bereits in einer fulminanten Rossiniouvertüre verschossen, wird durch das bravouröse Finale dieses außergewöhnlichen Konzerts eines besseren belehrt. Barenboim wirkt frisch und jung wie eh und je. Dieser Mann scheint förmlich vom unaufhaltsamen Prozess des Älterwerdens befreit worden zu sein. Vielleicht von Gott selbst, vielleicht von der Kraft der Musik, der er sich seit mittlerweile gut 70 Jahren vollends hinzugeben scheint. Welch’ beeindruckende Darbietung!

Raphael Eckardt, 20. Mai 2018, für
klassik-begeistert.de

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