Daniels Anti-Klassiker 19: Luigi Boccherini – Minuetto (1771)

Daniels Anti-Klassiker 19: Luigi Boccherini – Minuetto (1771)

Höchste Zeit, sich als Musikliebhaber neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen. Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der sogenannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese sarkastische und schonungslos ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Hand aufs Herz – wer kennt den Namen Boccherini? Ähnlich wie Pachelbel handelt es sich bei dem vorklassischen Komponisten um einen jener Namen, die wohl den Wenigsten bekannt sein dürften, obwohl sie hinter einer Musik stehen, die als Ohrwurm schon seit Jahrhunderten in unser kulturelles Gedächtnis eingegangen ist. Zeit also, sich auch diesem nur noch durch seine Melodien in Erinnerung gebliebenen, ansonsten aber nahezu vergessenen Meister zu widmen.

Die Rede ist im Speziellen von seinem Minuetto aus dem Streichquintett op. 11 Nr. 5, G. 275. Solche Zahlen lassen bereits aufhorchen. In der Katalogisierung von Yves Gérard sind sogar über 540 Werke verzeichnet. So viele Kompositionen zu hinterlassen bedarf entweder durchgehender Arbeit oder einer klaren Spezialisierung. Tatsächlich wird man bei der Sichtung von Boccherinis Vermächtnis feststellen, dass er sich zumeist auf Kammermusik beschränkte. So ist auch zu erklären, dass er diese schier endlos erscheinende Menge ähnlich klingender Arrangements produzierte.

Bis auf wenige Ausnahmen ist Boccherinis Vermächtnis aber heutzutage nahezu vergessen. Und das verwundert beim Blick auf seine bekannteste Komposition nicht. Beim Anhören dieser Musik fällt zunächst eine sehr stringente Form auf. In typisch klassischer Manier wiederholt sich das Eingangsthema mehrmals und nahezu unvariiert, sodass es sich schnell festigt. Dem gegenüber stehen einige durchführende und überleitende Passagen, die mit harmonischen Kniffen gewürzt eine gewisse Abwechslung aufkommen lassen.

In solch einer phrasenbedingten Erdung liegt einerseits die Stärke, Musik mit hohem Wiedererkennungswert zu schaffen. Genau das ist auch das Prinzip, dem sich die heutige Popmusik kommerziell äußerst erfolgreich bedient. Der Nachteil daran ist aber, dass es schnell langweilig wird – ein und dieselbe Wiederholung kann man nun einmal nur in einer bestimmten Anzahl ertragen, ohne ihrer überdrüssig zu werden. Auch deshalb beschränken sich die meisten Popsongs heutzutage auf eine Länge von maximal 3 Minuten.

Boccherini beschränkt sich zeitlich aber nicht auf diese imaginäre Grenze: Zwar endet auch sein Menuett nach knapp 3 Minuten, insgesamt ist es aber nur ein Ausschnitt aus einer über 20 Minuten langen Gesamtkomposition. Dass er sich dabei dem Kammerorchester bediente, mag dem Kontext seiner Zeit geschuldet sein, war dies im achtzehnten Jahrhundert doch eine sehr häufig anzutreffende Gattung. Dazu konnte der reiseerfahrene Sohn einer Toskaner Künstlerfamilie musikalische Erfahrungen in ganz Mitteleuropa sammeln: Er wird also auch gewusst haben, was Zeitgenossen wie Mozart, Salieri und sogar der frühe Beethoven vollbrachten. So gesehen ist seine hauptsächlich produzierte Musik eine Musik, die damals mit das Kunstfertigste war, was es gab. Man könnte meinen, das damalige Äquivalent zur Popmusik.

Die Problematik an Kammermusik ist aber immer, dass sie aufgrund der reduzierten Instrumentenauswahl nur einen begrenzten Spielraum für unterschiedliche Klangkombinationen gibt. Ihr fehlen die Möglichkeiten moderner Synthesizer und elektronisch erzeugter Klänge, die sich fast beliebig variieren lassen. Das kann für eine kurze Zeit unterhaltend sein, wirkt auf Dauer aber eintönig und in der Konsequenz langweilig. Auch deshalb wird solche Musik heutzutage als antiquiert wahrgenommen. Wenn sie dann auch noch durch ständiges Wiederholen einseitig bleibt, wie es bei Menuetten fast immer der Fall ist, verlieren solche Werke schnell ihren Reiz.

Darüber hinaus verweigert Boccherini sich starker harmonischer Wendungen oder gar Dissonanzen. Als dürfte es nicht zu spannend oder gar aufwühlend werden. Das ist Wohlfühlmusik, die bei jedem Aufkommen von harmonischen oder thematischen Strapazen abebbt und zurück ins Hauptmotiv in der Haupttonart findet. Dass sich dadurch keine epische Dramaturgie erzeugen lässt, ist selbsterklärend und ein Nachteil, an dem Boccherinis Menuett wie viele andere Menuette krankt.

Man muss ihm deshalb dankbar sein, dass er diesen Satz – im Gegensatz zu Mozart – bereits nach 3 Minuten enden lässt. Den Bogen überspannt zwar auch er, aber seine Musik ist harmonisch immerhin spannungsreich genug, um nicht in pure Langeweile auszuarten, sondern nur im Gefühl der Gewöhnung an Altbekanntes zu müden.

Es spricht Bände, dass dieses Menuett als bekanntestes seiner Stücke ausgerechnet eines ist, das für seinen Stil nicht zwangsläufig repräsentativ ist. Im Vergleich zu seinen anderen Kompositionen wirkt diese Musik locker und unverbindlich. Dazu fehlt der – gerade für den späteren Boccherini typische – spanische Einfluss.

Es ist ferner festzuhalten, dass diese Musik schon damals größtenteils nur einem erlauchten Kreis wohlhabender, vom Volk abgeschotteter Adeliger zugänglich war. Boccherini wurde nicht vom gewöhnlichen Toskaner, Wiener oder Pariser Bürger gehört. Viel eher erscheint die Vorstellung angemessen, seine Kompositionen als Begleitmusik in teuren Salons, zu höfischen Festen oder Banketten oder ausnahmsweise auch einmal in einer Kirche zu spielen.

Ihre Einfachheit und Eingängigkeit in Kombination mit standesgemäßer Abgehobenheit hat aus dieser Kammermusik über die Jahrhunderte entsprechend eines der Klischeewerke werden lassen, die in Film und Fernsehen als Ausdruck aristokratischer Kultur und versnobter, abgehobener Elite herhalten müssen. Ich wage deshalb auch die These, dass nur wenige Menschen sich bewusst eine Aufnahme von Boccherinis Musik raussuchen und in ihrer Anlage oder über Spotify ablaufen lassen werden. Diese Musik ist kulturell und auch kommerziell zu sehr dem eigentlichen Leben enthoben, was ihr den Ausdruck eines Relikts aus längst vergessener Zeit oder bewusster Abschottung und damit Arroganz verleiht.

Diese Hintergründe erklären, weshalb Boccherinis Vermächtnis heutzutage weitestgehend vergessen ist. Obwohl diese Musik zweifelsohne ihre Existenzberechtigung hat, haftet ihr in Zeiten einer aufgeklärten Gesellschaft der Makel von Rückständigkeit und Avantgardismus an: Dinge, mit denen sich die meisten Zuhörer wohl nicht recht identifizieren mögen. Dabei wäre ein Blick unter anderem auf Boccherinis Sinfonien oder auch Vokalwerke sicher lohnenswert. Aber damit das auch in unserer heutigen Zeit gelingt, bedarf es einer breiten Umdeutung und Neuinterpretation, möglicherweise sogar Neubearbeitung des musikalischen Materials. Ansonsten bleibt seine Musik ähnlich wie bei seinen Zeitgenossen eine Kunst, die sich selbst erschöpft und ihren Reiz verloren hat.

Daniel Janz, 2. Juli 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Daniel Janz, Jahrgang 1987, Autor, Musikkritiker und Komponist, studiert Musikwissenschaft im Master. Klassische Musik war schon früh wichtig für den Sohn eines Berliner Organisten und einer niederländischen Pianistin. Trotz Klavierunterricht inklusive Eigenkompositionen entschied er sich gegen eine Musikerkarriere und begann ein Studium der Nanotechnologie, später Chemie, bis es ihn schließlich zur Musikwissenschaft zog. Begleitet von privatem Kompositionsunterricht schrieb er 2020 seinen Bachelor über Heldenfiguren bei Richard Strauss. Seitdem forscht er zum Thema Musik und Emotionen und setzt sich als Studienganggutachter aktiv für Lehrangebot und -qualität ein. Seine erste Musikkritik verfasste er 2017 für Klassik-begeistert. Mit Fokus auf Köln kann er inzwischen auch auf musikjournalistische Arbeit in Österreich, Russland und den Niederlanden sowie Studienarbeiten und Orchesteraufenthalte in Belgien zurückblicken. Seinen Vorbildern Strauss und Mahler folgend fragt er am liebsten, wann Musik ihre angestrebte Wirkung und einen klaren Ausdruck erzielt.

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