Daniels Anti-Klassiker 18: Nikolay Rimsky-Korsakov – „Hummelflug“ aus „Das Märchen vom Zaren Saltan“ (1899/1900)

Daniels Anti-Klassiker 18: Nikolay Rimsky-Korsakov – „Hummelflug“ aus „Das Märchen vom Zaren Saltan“ (1899/1900)

Höchste Zeit, sich als Musikliebhaber neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen. Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der sogenannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese sarkastische und schonungslos ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Rimsky-Korsakov – einer der mächtigen russischen Vier – galt Zeit seines Lebens als einflussreicher Komponist und bereitete in der Tradition von Tschaikowski stehend einer breiten russischen Klassikkultur mit das Feld. Bekannt wurde er vor allem durch seine Orchesterwerke – und das, obwohl er sich als Komponist eher der Oper verschrieben hatte. Letztere wiederum werden jedoch selten, fast schon stiefmütterlich behandelt, was bis hin zur Zerstückwerkelung und Dekontextualisierung einzelner Passagen reicht. Ein Beispiel dafür ist Korsakovs berühmter Hummelflug.

Den Allerwenigsten dürfte der Ursprung dieser heiteren Komposition bekannt sein. Denn Korsakov hat den Hummelflug bei weitem nicht als einen programmmusikalischen Ausdruck entwickelt. Als Teil des dritten Aktes ist dieses Zwischenspiel eigentlich Hintergrundmusik zum Gesang eines magischen Schwans.

Bei der Frage nach dem Titel der Oper dürften aber wohl die meistens ins Stocken geraten. Denn seien wir ehrlich: Wem von uns ist „das Märchen vom Zaren Saltan“ ein Begriff? Wer hat diese äußerst selten aufgeführte Oper womöglich schon einmal live gesehen? Selbst auf weltbekannten Internetportalen ist diese Oper fast unauffindbar. Erst eine 1978 in Dresden aufgenommene (und heutzutage nicht mehr ganz ernsthaft wirkende) Aufnahme kann hier Abhilfe schaffen:

Der ursprüngliche Inhalt dieser Oper lässt sich durchaus mit den mächtigen Werken von Wagner oder Strauss vergleichen: Zar Saltan lässt seine Zarin Militrissa und ihren gemeinsamen Sohn Gwidon nach einer Verleumdung durch Militrissas Schwestern in einem Fass ins Meer werfen. Beide überleben die Tortur und landen auf der Insel Bujan, wo Gwidon eine zum Schwan verwunschene Königstochter rettet und zum Dank dafür Herrscher über die Stadt Ledenez wird. Als Gwidon sich jedoch nach seinem Vater sehnt, verzaubert die Schwanprinzessin ihn in eine Hummel, sodass er Zar Saltan begegnen und ihn zur gemeinsamen Hochzeit einladen kann. Die Oper endet in einer großen Familienzusammenführung, in der Zar Saltan mit seiner Militrissa wieder vereint wird und alle Beteiligten in freudiger Erwartung die Eheschließung von Gwidon und seiner Prinzessin begehen.

Eine solche von Intrigen, Magie und Drama geleitete Handlung hat durchaus Potenzial. Sowohl bildhaft, als auch inhaltlich ließe sich einiges daraus auf eine Bühne zaubern. Das einzige, was sich aber von diesem episch anmutenden Stoff heute im Konzertbetrieb dauerhaft erhalten hat, ist dieser gerade einmal 4 Minuten kurze Ausschnitt zum Hummelflug. Ein Drama in sich, wenn man so will!

In diesem Bruchstück finden wir regelrecht lautmalerisch den Flug dieses unbeholfenen Insekts präsentiert. Ein ziellos, chaotisch wirkendes Surren durch den Raum, planlos und instinktiv gesteuert – wie bei einer echten Hummel. Als solche Art der Programmmusik ist dieses Zwischenspiel auch wirksam – gerade dadurch beflügelt, dass der dazu ursprünglich vorgesehene Gesang selbst recht monoton gehalten ist und nicht viel zur musikalischen Raffinesse beiträgt.

Als Ausschnitt aus einer Oper fallen jedoch schnell Stellen auf, die im Konzertbetrieb absolut unwirtschaftlich sind. So sieht Korsakov für die gesamte Komposition beispielsweise ein gewaltiges Orchester vor: Unter anderem eine ausladend besetzte Blechbläser-Sektion und Schlagzeug, nur um sich am Ende dann fast ausschließlich auf Streicher, Holzbläser und Hörner zu beschränken. Aber welcher Musiker macht denn einmal „Trööt“, sitzt dann für den Rest der Musik stillschweigend da und hat daran auch noch Freude? Mal davon abgesehen, dass das alles Geld kostet! Hier einmal ein Ausschnitt, wie sich das Werk aus Perspektive der Bassposaune anfühlt:

Es ist also kein Wunder, dass dieses Stück sich vor allem in Bearbeitungen und Neuarrangements erhalten hat. Als solches kann man dem Eindruck erliegen, dass es inzwischen zu einer Art Pop-Klassiker herangewachsen ist. So finden sich Bearbeitungen für Soloinstrumente, Kammerorchester, Bigbands, Blaskapellen – sogar Rock und Metalbands bedienen sich dieser Komposition.

Dazu hat auch noch der unsägliche Trend eingesetzt, dieses Stück so schnell wie möglich aufführen zu wollen. Natürlich – beim ziellosen Flug einer Hummel bietet sich eine gewisse Hektik an. Aber warum muss man auf Teufel komm raus dieses Stück so sehr verhaspeln, dass es inzwischen sogar Einträge im Guinnes-Buch der Weltrekorde gibt? Amtierende offizielle Bestzeit 65,25 Sekunden, wobei ausgerechnet ein Tubist mit 53,82 Sekunden den inoffiziellen Rekord hält. Ob sich ein solches Gefiepe und Gehasche auf der Tuba noch gut anhört? Hier eine Kostprobe:

Was darüber hinaus komplett vergessen wird, ist der Kontext, in dem diese Musik einst stand. Dass die Oper heutzutage fast unbekannt und der Hummelflug eher als ein Relikt daran überliefert ist, ist irgendwo auch ein Verlust, genauso wie die Tatsache, dass die Oper von der Popularität dieses winzigen Ausschnittes überhaupt nicht profitieren konnte. Ob das ein Spiegel unserer Zeit ist, wo es ja auch immer mehr darum geht, in Hektik und knapp runtergebrochen alle Aufgaben möglichst gestern noch erledigt zu haben?

Dass die Oper selbst auch Schwächen hat und die Handlung nicht jedermanns Sache sein dürfte, sind Aspekte für eine andere Diskussion. Was den Hummelflug angeht, lassen sich die Prädikate „aus dem Kontext gegriffen“ und „überverwendet“ sehr gut anbringen. Die alleinige Vorführung dieses Ausschnittes als Zugabe oder Konzertadaption funktioniert als Ausdruck des Insektenflugs zwar recht gut. Dass der ursprünglich völlig andere Zusammenhang jedoch gänzlich in den Hintergrund rückt, ist schade und in Anbetracht der Instrumentation auch eine immense Verschwendung. Es bleibt jedenfalls zu wünschen, dieses Werk auch einmal wieder in seinem ursprünglichen Kontext genießen zu dürfen. Vielleicht lässt sich ja mal ein europäisches Opernhaus auf das Experiment ein? Wir dürfen gespannt sein.

Daniel Janz, 25. Juni 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Daniel Janz, Jahrgang 1987, Autor, Musikkritiker und Komponist, studiert Musikwissenschaft im Master. Klassische Musik war schon früh wichtig für den Sohn eines Berliner Organisten und einer niederländischen Pianistin. Trotz Klavierunterricht inklusive Eigenkompositionen entschied er sich gegen eine Musikerkarriere und begann ein Studium der Nanotechnologie, später Chemie, bis es ihn schließlich zur Musikwissenschaft zog. Begleitet von privatem Kompositionsunterricht schrieb er 2020 seinen Bachelor über Heldenfiguren bei Richard Strauss. Seitdem forscht er zum Thema Musik und Emotionen und setzt sich als Studienganggutachter aktiv für Lehrangebot und -qualität ein. Seine erste Musikkritik verfasste er 2017 für Klassik-begeistert. Mit Fokus auf Köln kann er inzwischen auch auf musikjournalistische Arbeit in Österreich, Russland und den Niederlanden sowie Studienarbeiten und Orchesteraufenthalte in Belgien zurückblicken. Seinen Vorbildern Strauss und Mahler folgend fragt er am liebsten, wann Musik ihre angestrebte Wirkung und einen klaren Ausdruck erzielt.

Daniels Anti-Klassiker 17: John Cage – 4’33’’ (1952)

Ein Gedanke zu „Daniels Anti-Klassiker 18: Nikolay Rimsky-Korsakov – „Hummelflug“ aus „Das Märchen vom Zaren Saltan“ (1899/1900)“

  1. Wenn einem Regisseur eine schlüssige Interpretation gelingt, ist „Das Märchen vom Zaren Saltan“ eine attraktive Oper. Ich habe vor wenigen Jahren in einem Portal eine Version gesehen, in der das Märchen als Phantasie eines autistischen Jungen dargestellt war, den seine Mutter mit großem Einsatz ins wahre Leben holen will (und am Ende scheitert). Von Svetlana Aksenova und Bogdan Volkov war das großartig dargestellt. Der Hummelflug ist eine kurze Episode, die im Gesamtgefüge Sinn macht, aber den ganzen Hype darum nicht rechtfertigt.

    Lorenz Kerscher

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