Pathys Stehplatz (4): Rückenwind für die „Stehplatzler" der Wiener Staatsoper

Der Stehplatz (4), Wiener Staatsoper  klassik-begeistert.de

Foto: © Michael Pöhn

Gute Nachrichten für alle Besucher der Wiener Staatsoper. Ganz besondere allerdings für das Herz der Oper, wie Ensemblemitglied Clemens Unterreiner diese Spezies bezeichnet: die sogenannten „Stehplatzler“. Seit Freitag steht es nämlich fest: Ab dem 10. Juni dürfen statt bisher nur rund 1000 Personen wieder maximal 1500 Zuschauer auf zugewiesenen Plätzen ins Haus. Für den Stehplatz, der derzeit geprägt ist von Tristesse, ein Lichtblick.

von Jürgen Pathy

Die letzten Tage seit der Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper nach dem Lockdown waren zwar eine große Erleichterung. Endlich wieder Oper und großen Zauber genießen. Live. Vor Publikum. Inmitten anderer Personen, die für wenige Stunden gemeinsam durch dick und dünn gehen. Jubeln, Bravo rufen oder sich den Frust von der Seele buhen. Wermutstropfen allerdings: Aufgrund der Obergrenze von 1000 Personen im Saal, blieb der Stehplatz beinahe verwaist. Ein trauriger Anblick. Zählt diese Institution innerhalb der Institution doch zum festen Bestandteil des Hauses. Nur wenige Glücksritter, die den Moment beim Schopf packen können, werden mit Karten belohnt. Je nach Vorstellung um die zehn bis zwanzig Stück. Insgesamt wohlgemerkt. Sollte die Vorstellung ausverkauft sein, wie bei „Macbeth“ mit Anna Netrebko, bleiben für den Stehplatz gar keine Karten übrig. Ein Zustand, der so nicht tragbar ist.

Immerhin hat Staatsoperndirektor Bogdan Roščić, der seit Beginn der Saison 2020/21 das Ruder im „ersten Haus am Ring“ übernommen hat, den Slogan ausgerufen: Das Haus müsse für alle offen sein. Aufgrund der neuen Regelung scheint dieses Ziel nun wieder eher in Sicht. Am Freitag haben Bundeskanzler Sebastian Kurz und Vizekanzler Werner Kogler weitere Öffnungsschritte angekündigt. Ab 10. Juni wird es für Klassikbegeisterte in Österreich noch weiter bergauf gehen.

Foto: Im Stehplatzparterre der Wiener Staatsoper dürfen sich hoffentlich bald wieder vermehrt Zuschauer drängen © Michael Michaelis

Es ist zwar nachvollziehbar, dass die günstigen Stehplatzkarten, die es zum regulären Preis um 10 Euro zu ergattern gibt, den teureren Karten seit 19. Mai zum Opfer fielen. Immerhin war die Wiener Staatsoper immer ein Haus, das mit einem Eigendeckungsgrad von rund 40 bis 50 Prozent ordentlich dastand. Zumindest im Vergleich zu einigen anderen Häusern in Österreich. Dennoch wurde die Wiener Staatsoper zu rund 50 bis 60 Prozent subventioniert. Wie die Zahlen aktuell aussehen, ist nicht ganz klar. In der Saison 2019/20, die vom ersten Lockdown geprägt gewesen ist, fiel der Eigendeckungsgrad auf 31, 9 Prozent (Quelle: Geschäftsbericht der Bundestheater Holding).

Somit sollten auch wirklich alle Zugang haben zu Österreichs kulturellem Aushängeschild – nicht nur die Hautevolee und das gut zahlende Volk. Das ist man in Wien, wo Mozart, Schubert und Beethoven lebten, allen schuldig. Der Stehplatz ist die erste und beste Anlaufstelle, um gesellschaftliche Barrieren zu überwinden und erste Erfahrungen mit der Oper zu sammeln.

Der Stehplatz: ein fixer Bestandteil der Wiener Staatsoper

Grundsätzlich bietet die Wiener Staatsoper 567 Besuchern die Möglichkeit, um auf Stehplätzen die größten Sänger und Sängerinnen, die besten Dirigenten und das beste Opernorchester der Welt live zu erleben. Ein Novum auf dieser Welt. Kein anderes Opernhaus, zumindest nicht von gleichem Rang und Namen, bietet verhältnismäßig ähnlich viele Stehplatzkarten. Bei einem Fassungsvermögen von 2276 Besuchern sind das in der Wiener Staatsoper nämlich rund 25 Prozent aller verfügbaren Plätze. Einsamer Rekord.

An der Bayerischen Staatsoper sind es rund 15 Prozent (321 Stehplätze). An der riesigen Met in New York, die insgesamt 4065 Besucher fasst, sind es gerade mal 7 Prozent (265 Stehplätze). Und am Royal Opera House in London gibt es eigentlich gar keine Stehplatzkarten – dort gibt es nur sogenannte „puristische“ Sitzplätze auf der Galerie. Die Mailänder Scala, mit ihren berüchtigten „Loggionisti“, die selbst mit Stars nicht zimperlich umgehen, ist überhaupt ein eigenes Thema.

Kunst und Kultur müssen Vorrang haben in Wien

Wien ist und war schon immer anders. Zu Recht. Eine Stadt, die sich als Kulturhauptstadt dieser Welt behaupten will, muss den Zugang zu Kunst und Kultur allen ermöglichen. Das muss sich eine Kulturnation wie Österreich leisten. Ohne Wenn und Aber. Vor allem, wenn die Wahrscheinlichkeiten gesundheitlicher Risiken auf ein Minimum reduziert werden.

Es kann mir niemand ernsthaft erzählen, es sei in Zeiten der „3 G“ Regelung nicht möglich, mit FFP2-Masken zwei bis drei Stunden nebeneinander zu stehen. Vor allem, wenn man an die Vernunft der Besucher appelliert, in den Pausen weiterhin die FFP2-Masken zu tragen. In den öffentlichen Verkehrsmitteln scheint es auch zu funktionieren. Warum also nicht an der Wiener Staatsoper, wo im Gegensatz zu den „Öffis“, sowieso keiner das Haus betreten darf, ohne getestet, genesen oder geimpft zu sein?

Anständig durch die Pandemie gelotst

Generell ist man als „Stehplatzler“ Bogdan Roščić dennoch zu Dank verpflichtet. Ihm ist es zu verdanken, dass der Zugang zum Stehplatz in Zeiten der Pandemie überhaupt ermöglicht wurde. Er hat den Stehplatz, der seit der Corona-Pandemie genau genommen eigentlich gar keiner ist, mit Stühlen versehen. Warum? Um den Beschränkungen entgegen, überhaupt die Möglichkeit zu bieten, um 10 Euro das bedeutendste Opernhaus der Welt zu besuchen.

183 bestuhlte Stehplätze sind es insgesamt – nicht alle dürfen aufgrund der Beschränkungen besetzt werden. Wenn jedoch alles abläuft wie zu Beginn der Saison, dann dürften ab dem 10. Juni wieder rund 100 Plätze zur Verfügung stehen. Ein Schritt in die richtige Richtung. Langfristig kann und darf das aber nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Ziel muss es sein, alle 567 Stehplätze in ihrer ursprünglichen Form wieder zugänglich zu machen!

Natürlich kann Roščić das nicht im Alleingang entscheiden. Damit im Sommer nicht nur wieder alle beim Lieblingswirten die Fußball-WM verfolgen können, wie Vizekanzler Kogler bei der Pressekonferenz am Freitag sagte, müssen alle an einem Strang ziehen: Kunst und Politik. Vielleicht schon ab der Saison 2021/22. Immerhin sollen ab 1. Juli weitere Beschränkungen fallen…

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 30. Mai 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Jürgen Pathy, Baujahr: 1976, lebt in Wien. Von dort möchte der gebürtige Burgenländer auch nicht so schnell weg. Der Grund: die kulturelle Vielfalt, die in dieser Stadt geboten wird. Seit 2017 bloggt und schreibt der Wiener für Klassik-begeistert. Sein musikalisches Interesse ist breit gefächert: Von Bach über Pink Floyd, Nick Cave und AC/DC bis zu Miles Davis und Richard Wagner findet man fast alles in seinem imaginären CD-Schrank. Zur „klassischen Musik“, wie man sie landläufig nennt, ist der Rotwein-Liebhaber und Fitness-Enthusiast gekommen, wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind: durch Zufall – aber auch relativ spät. Ein Umstand, weswegen ihn ein Freund wie folgt charakterisiert: „Du gehörst zu derjenigen ideellen Art der Zuhörer, die ich am meisten bewundere. Du verbindest Interesse, Leidenschaft und intelligente Intuition, ohne von irgend einer musikalischen Ausbildung ‚vorbelastet‘ zu sein.“

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