Ladas Klassikwelt 73: Der Rosmarin – für deutsche und polnische Romantiker das Symbol der Liebe und des Todes  

Ladas Klassikwelt 73, Der Rosmarin

Jolanta Łada-Zielke

Diese Pflanze ist sehr verbreitet, vor allem in der Küche als Gewürz. Aufgrund seines angenehmen Geruchs verwendet man sie auch häufig als Bestandteil zur Herstellung von Seife. In der europäischen Kultur, schon seit antiken Zeiten, hatte der Rosmarin eine sehr umfangreiche Symbolik, sowohl mit Liebe als auch mit Tod verbunden.

Mädchen machten daraus Hochzeitskränze und Sträuße, die sie am Trauungstag dem Bräutigam überreichten. Die Beispiele hierfür finden sich in der Literatur, im Schaffen der Troubadoure, oder in Shakespeares „Hamlet“, wobei Ophelia dem Titelhelden einen Rosmarinkranz als Zeichen ihrer Treue band. Schon in der Antike legte man die Rosmarinzweige in die Hände der Verstorbenen während der Beerdigung. Man glaubte, dass auf diese Weise ihre Reise in das Land des ewigen Glücks angenehmer sein würde.

Der Rosmarin war eine wichtige Zutat des ersten Parfüms, das 1370 auf dem Hof der ungarischen Königin Elisabeth erfunden wurde. Dank dieser Zauberflüssigkeit sollte die Königin ihre Schönheit bis zum Tod bewahren. Das Rezept für dieses L‘Eau de la Reine d’Hongrie fand man in einem Ratgeberbuch für Brenner und Brauer von Piątkowski. Man solltedrei Pfund Rosmarinblätter, 1/2 Pfund Lavendelblüte, und ein Viertel Pfund Thymiankraut mit 4 Liter Spiritus gegossen und dann 3,5 Liter davon destillieren.

Auch in der Musik und Poesie hat der Rosmarin seinen Platz gefunden. Als mein Chor ein Konzertprogramm mit Brahms-A-Capella-Liedern vorbereitete, habe ich mit entzücktem Erstaunen unter ihnen sein Stück über Rosmarin entdeckt (Sieben Lieder, Op. 62). Seine Stimmung ähnelt sehr einem polnischen Lied „O mój rozmarynie“, komponiert von Zygmunt  Pomarański, der auch Soldat, Verleger und Buchhändler war.

Beide Stücke sind in der Moll-Tonart, das deutsche in g-Moll und das polnische in e-Moll. Das deutsche Lied ist künstlerisch, lyrisch, von einem der größten romantischen Komponisten im Dreiertakt geschafft. Sein Tempo wird als „gehend“ und andante bezeichnet, es hängt jedoch von dem Dirigenten ab. Das polnische Lied ist zwar im Marsch-Rhythmus geschrieben, verfügt aber auch über traurig-lyrische Stimmung und man muss es nicht unbedingt „militärisch“ aufführen. Es wurde 1916, also während des Ersten Weltkrieges entstanden. Die Autoren der Texte beider Lieder sind unbekannt.

In diesen zwei Stücken erscheint der Rosmarin als Symbol der Liebe, und ebenso als Vermutung des Todes. In dem Brahms-Lied findet eine junge Frau im Garten den Rosmarin anstatt Rosen, von denen sie einen Hochzeitkranz fertigen wollte. Das soll heißen, ihr Bräutigam lebe nicht mehr und sie könne ihm jetzt einen Totenkranz aus dem Rosmarin flechten. Nach dem Zeitpunkt zu urteilen, an dem dieses Lied geschrieben wurde (wahrscheinlich 1874), hätte dieser junge Mann im Deutsch-Französischen Krieg fallen können.

Das polnische Lied beginnt mit dem Aufruf „O mój rozmarynie, rozwijaj się!“ (O mein Rosmarin, entwickle dich!). So singt ein junger Mann, bevor er zu seiner Freundin geht, und wenn sie ihn ablehnt, wird er sich der Armee anschließen. In den folgenden Strophen listet er die ganze militärischen Ausrüstung auf, die er als Soldat erhalten wird. Und das sind: ein Kastanienpferd, ein Säbel, ein Wassersack, die Schuhe mit Sporen und eine graue Uniform. All diese Dinge sollen ihn dazu bringen, weder sein Zuhause noch seine Geliebte zu vermissen. In der letzten Strophe gibt es eine Vorahnung des Todes: „Man wird uns aus den Gräben zu den Bajonetten führen, ein Bajonett wird mich erstechen, der Tod wird mich küssen, aber nicht du.“

In anderen polnischen Volksliedern ist Rosmarin ein Symbol der Jungfraulichkeit. „O mój rozmarynie“ ist aber das einzige Klagelied, wo die Liebe und der Tod zusammenhängen.

Eine Freundin von mir, der beide Stücke kennt, sagte, dass man sie miteinander nicht vergleichen kann. Es ist, als hätte man nach den Gemeinsamkeiten von Apfel und Birne gesucht. Beide sind Früchte, sehen aber unterschiedlich aus und schmecken auch anders. Trotzdem habe ich mich inspiriert gefühlt, die zwei Stücke und ihre Symbolik zusammenzustellen. Was wäre, wenn beide Lieder während eines Chorkonzerts zusammen gesungen würden? Vielleicht wird jemand mich jetzt auslachen, denn was Gemeinsames hat das polnische, patriotische Soldatenlied mit dem deutschen lyrisch-romantischen Stück? Ob ich hier nach einer Art Verwandtschaft suchen muss? Andererseits warum nicht, wenn der Grundgedanke eines solchen Konzerts die Durchdringung der Kulturen und Symbolen im Zeitalter der Romantik in der Musik wäre? Ich lade Euch, liebe Leser ein, beide Lieder zu hören und selbst herausfinden, ob da noch mehr als Rosmarin dahintersteckt.

Brahms „Rosmarin“:
https://www.youtube.com/watch?v=XNgnYmp5Pto

Pomarański „O mój rozmarynie” vom Chor der Politechnika Gdańsk aufgeführt:
https://www.youtube.com/watch?v=vVMPfsIrDcE

Jolanta Łada-Zielke, 31. Mai 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

[1] Nach dem Tod von Hedwig Courths-Mahler (1950), hat das Haus des Lübbe Verlags die Rechte an dem gesamten Werk von Courths-Mahler gekauft und ihre Romane in einer gekürzten Fassung veröffentlicht, um sie günstig verkaufen zu können.

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Jolanta Łada-Zielke, Jahrgang 1971, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie der Liebe wegen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de.

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