Das Phantom der Festspiele tritt ins Licht

Die doppelte Frau – ein Krimi rund um die Salzburger Festspiele Folge 4 – 6   ORF, im TV und als Stream ab 22. Oktober 2022 verfügbar

Foto: Die Kunsthistorikerin Lisa Ortner-Kreil in der „Doppelten Frau“ mit einem heiklen Album © orf.at

Ich finde Beate Thalbergs „Die doppelte Frau“ als unterhaltsame informative Dokufiction höchst sehenswert.

ORF, im TV und als Stream, ab Oktober 2022 verfügbar.

Die doppelte Frau – ein Krimi rund um die Salzburger Festspiele

Folgen vier bis sechs

von Frank Heublein

Letztes Jahr wurden die drei ersten Webisoden veröffentlicht. Meine Eindrücke dazu habe ich auf klassik-begeistert notiert. Im Herbst 2022 gibt es drei weitere Folgen, die die Geschichte zum Abschluss bringen.

Der Technikmix, den Beate Thalberg einsetzt, funktioniert so exzellent wie in den ersten drei Folgen. Die grundsätzlich vorherrschende 1950er-Jahre-Atmosphäre wird kombiniert mit dokumentarischem Filmmaterial, historischen Fotos und einem geheimnisvollen Fotoalbum. Diesmal werden nicht nur Schauspieler und Schauspielerinnen einmontiert, sondern es kommt zu einem Zusammenfluss der Zeiten. Dokumentarische Spezialisten meiner Zeit werden Teil der filmischen Handlung. Sie werden von der Hauptperson interviewt. Eine der Interviewten ist eine wichtige Zeitzeugin: die Enkelin der Betty Steinhart. Beate Thalberg hält das visuell spektakuläre Flair der drei ersten Webisoden aufrecht.

Es wird die Geschichte der Betty Steinhart weitererzählt. Die Frau hinter dem Fotostudio Carl Ellinger, unter dessen Namen Jahrzehnte der fotografischen Dokumentation der Salzburger Festspiele archiviert sind. Die Nazis akkreditieren Betty nach ihrer Machtergreifung nicht für die Festspiele. Im dokumentarischen Fotomaterial dieser Jahre erkennen die Fachleute eine Verschlechterung. Der „gestellte“ Zufall geht verloren. Der entsteht nur bei guter Beziehung zwischen Fotografierenden und Fotografierten und macht das Besondere der Aufnahme aus.

Es kommt schlimmer, Betty Steinhart und ihr Mann werden 1944 verhaftet und vor Gericht gestellt. Die Nazis sehen einen für die Propaganda verwertbaren Schauprozess darin und schicken Roland Freisler nach Salzburg. Dieser Prozess geht für Betty mit einem Freispruch gut und für Ihren Mann mit fünf Jahren Haft für den Anlass glimpflich aus. Währenddessen übernimmt Tochter Ruth das Fotostudio. Sie bricht dafür ihre Meisterlehre ab.

So geht der Stern der Steinharts nach dem Krieg wieder auf. Inwieweit ein unveröffentlichtes Fotoalbum dabei eine Rolle spielt bleibt im Dunkeln. Es enthält Aufnahmen mit all den Salzburgern, die Nazis zujubelten. Die Steinharts dokumentieren die Festspiele über fünfzig Jahre fotografisch. Das und die wahre Schöpferin sollen museal festgehalten werden, so kündigt die Präsidentin der Festspiele bis 2021 Dr. Helga Rabl-Stadler es in einer Vernissage an, in der alle filmischen und dokumentarischen handelnden Personen anwesend sind.

Wer sind die filmischen Hauptpersonen, die schöne Unbekannte und ihr Detektiv? Die Schöne ist die durch die Zeiten wandelnde Betty Steinhart, die selbst dafür sorgt, sich ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Ihr filmischer Detektiv, so legt die Semidokumentation nahe, ist ein Kollege des Fotostudios, der Betty ihren Erfolg neidet und sie an einigen Stellen diskreditiert, um ihr zu schaden. Eine Schlange am Busen.

1979 wird das Fotoatelier geschlossen, bald darauf stirbt Betty Steinhart mit 87 Jahren. Ihr Leben ist womöglich das mit den Salzburger Festspielen eng verknüpfteste. Im erweiterten Abspann der letzten Folge sehe ich private Filmaufnahmen, die die drei Steinhart-Generationen zeigen. Eine frohe Familie, ein reiches und erfülltes Leben einer Frau. Sie muss jetzt jeder kennen, der oder die sich für die Festspiele tiefer interessiert. Im Fotoarchiv der Salzburger Festspiele ist eine Namensänderung vonnöten.

Ich finde Beate Thalbergs „Die doppelte Frau“ als unterhaltsame informative Dokufiction höchst sehenswert.

Frank Heublein, 21. August 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Programm
„Die doppelte Frau“ von Beate Thalberg,
Folgen vier bis sechs sind ab Oktober 2022 im ORF TV und als Stream verfügbar

Interview Beate Thalberg, DAS GROSSE WELTTHEATER – Salzburg und seine Festspiele Salzburger Festspiele

Die doppelte Frau – ein Krimi rund um die Salzburger Festspiele ORF, im TV und als Stream, ab 17. Juli 2021 verfügbar

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