"Die Nase" in Hamburg: artiger Applaus für eine mittelmäßige Komposition eines Jahrtausendkomponisten – kein einziges Bravo zum Saisonauftakt, nur ein Buh

Dmitri Schostakowitsch, Die Nase,  Staatsoper Hamburg, 7. September 2019 (Saisoneröffnung)

Foto: Bo Skovhus, Levente Páll © Arno Declair
Staatsoper Hamburg
, 7. September 2019 (Saisoneröffnung)
Dmitri Schostakowitsch, Die Nase

von Andreas Schmidt

Die ersten Kritiken über Dmitri Schostakowitschs Oper „Die Nase“ an der Staatsoper Hamburg sind positiv. Deswegen wird klassik-begeistert.de eine davon veröffentlichen. Ich empfand ich die Saisoneröffnung im Haus an der Dammtorstraße hingegen als mittelmäßig.

Die Komposition „Die Nase“ (1930) ist vielleicht die schwächste von einem der größten Komponisten, der je gelebt hat. Sie hat ein paar interessante und sehr kreative Ausbrüche nach oben – etwa das Schlagzeugsolo zwischen dem 2. und 3. Bild, das Oktett der Hausknechte, den zehnstimmigen Chor der Polizisten –, ist aber ansonsten recht bemüht und Lichtjahre entfernt von den Jahrtausendsinfonien des großartigen Russen aus St. Petersburg. Wer etwa die „Leningrader Sinfonie“ in der Elbphilharmonie hören durfte, dem kommt „Die Nase“ wie ein Gesellenstück vor. Sie reicht musikalisch auch nicht annähernd an die Oper „Lady Macbeth von Mzenskvon 1934 heran.

„Die Nase“ ist sicher interessant, manchmal auch packend und aufwühlend. Aber sie ist nicht der große Wurf wie etwa die erste Oper von Erich Wolfgang Korngold: „Die tote Stadt“. Schostakowitsch war 23 Jahre alt bei der Uraufführung. Korngold ebenso.

Eine rapide an Auflage und Bedeutung verlierende Tageszeitung in Hamburg schrieb nach der Premiere online: „Das Premierenpublikum bedankte sich mit einhelligem Jubel für einen brillanten Theaterabend.“

Das ist grotesk und zeugt von Weltferne. Wenn der Verfasser jener Zeilen öfter in anderen Opern- und Konzerthäusern verkehren würde, wäre ihm sicher aufgefallen, dass es sich verglichen mit dem Maßstab europäischer Spitzenhäuser schlicht und ergreifend um positiven, freundlichen Beifall handelte. Er dauerte exakt 7 Minuten. Es gab kein einziges Bravo (!!!)  und einen Buh-Rufer für die Inszenierung. „Jubel“ sieht bei europäischen Spitzenproduktionen – gerade zur Saisoneröffnung mit einer Premiere – wahrlich anders aus. Da wird hundertfach Bravo gerufen und mit den Füßen getrampelt. Da ist Stimmung in der Bude. Da sind die Leute aus dem Häuschen.

Nichts davon an diesem Opernabend in Hamburg. Der „einhellige Jubel“ hat schlicht und ergreifend im Kopf des Autoren stattgefunden.

Verglichen etwa mit den HH-Premieren von „Les Troyens“ und „Parsifal“ war das eine müde Applaus-Nummer in HH. „Die Zauberflöte“ war eh eine Katastrophe und Lachnummer, die selbst der Generalmusikdirektor nicht ernst nimmt. Viele Repertoire-Aufführungen bekommen in HH mehr Applaus als diese Premiere zum Saison-Auftakt.

Positiv hervorzuheben ist: Der dänische Bariton Bo Skovhus bot als engagierter, energetischer, facettenreicher Platon Kusmitsch Kowaljow eine Weltklasseleistung! Bravo! Entschuldigung, dass ich nicht Bravo an diesem komplett bravolosen Abend für Dich gerufen habe, lieber Bo! Ich liebe Deine Gesangskunst und liebe Dein wunderschönes Königreich. Danmark!

Ansonsten waren fast alle Gesangsleistungen ordentlich, aber kaum glanzvoll. Für Sänger der Extraklasse schien die Staatsoper kein Geld ausgeben zu wollen. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg spielte unter Generalmusikdirektor Kent Nagano über dem Durchschnitt – Individualfehler im größeren zweistelligen Bereich gehören bei diesem Klangkörper zur Tagesordnung, so auch an diesem Abend.

Karin Beier hat in HH als Intendantin des Deutschen Schauspielhauses Hamburg Kultstatus. Sie hat fabelhafte Inszenierungen auf die Bretter gelegt, sie ist eine wunderbare weibliche Säule im Hamburger Kulturleben. Ihre Inszenierung der „Nase“ ist hochwertig, intelligent, facettenreich – aber alles andere als ein Geniestreich. Wer in Europa öfter in die Oper  und ins Theater geht, hat fast alles schon gesehen: Die Diktatoren, den Spiegel mit den Videoprojektionen, das Baugerüst, die geschlechtslosen Michelin-Kostüme… „Nic nowego“, wie der Pole sagt, „nichts Neues“. Die großartige Karin Beier hat ihre ganz eigene Handschrift schon nachhaltiger unter Beweis gestellt.

Mir fehlt die Phantasie, dass diese Oper mittel- bis langfristig ein Erfolg in der zweitgrößten deutschen Stadt werden könnte. Dafür gibt es für diese überwiegend mittelmäßige Musik des großen Schostakowitschs zu wenig Fans in der Metropolregion Hamburg. Prognose: Schon bald dürfte die „Nase“-Bude in HH nur gut halb voll sein – wie des öfteren im Haus an der Dammtorstraße. Für die kommenden Aufführungen gibt es noch reichlich Tickets – in München und Wien wären solche spektakulären Produktionen sofort ausverkauft.

Aber hören wir, wie am Sonntag andere Kritiker „Die Nase“ in HH sehen. Hören wir, wie Elisabeth Richter und Patricia Seeger von NDR KULTUR den Abend erlebt haben:

„Ein Leben ohne Nase ist möglich, aber sinnlos. So hätte es Loriot formuliert. Und dass die Welt aus den Fugen geraten kann, wenn etwas Entscheidendes fehlt, zeigt die bissig-komische Groteske „Die Nase“ von Nikolai Gogol von 1836. Dmitri Schostakowitsch treibt sie mit seiner Oper von 1930 noch auf die Spitze. In der Hamburgischen Staatsoper stand sie jetzt zum ersten Mal auf dem Spielplan – in einer Inszenierung von Karin Beier, seit 2013 Intendantin des Hamburger Schauspielhauses. Bei der Eröffnungspremiere der neuen Saison der Staatsoper stand Generalmusikdirektor Kent Nagano am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters.

 

Mit der Oper „Die Nase“ von Schostakowitsch ist die Hamburgische Staatsoper in die neue Saison gestartet. Regisseurin Karin Beier stellt in abstrakten Setting viele Bezüge zur Entstehungszeit her.

In der grotesken Novelle von Gogol wacht „Kollegienassesor“ Kowaljow eines Morgens ohne Nase auf. Er trifft sie in der Uniform des Staatsrates. Schließlich wird die Nase an der Flucht gehindert und verprügelt. Sie schrumpft auf ihre natürliche Größe, aber im Gesicht von Kowaljow hält sie nicht mehr. Er vermutet die Intrige einer Witwe, die ihre Tochter mit ihm verheiraten will. Wie durch ein Wunder kehrt die Nase aber am Ende in Kowaljows Gesicht zurück, er kann wieder flanieren und mit den Mädchen flirten.

Abstraktes Setting mit historischen Bezügen

Regisseurin Beier stellt in ihrem abstrakten Setting viele Bezüge zur Entstehungszeit her: Stalins Überwachungsstaat spiegelt sich in Stéphane Laimés mehrstöckiger, gerüstartiger Drehbühne. Die vielen verschiedenen Räume und Szenen wechseln blitzschnell.

Stalin, Hitler und der Hamburger Rathausmarkt

Ockergelb, hellbraun uniformierte Polizisten sind ständig präsent und verweisen auf Hitlers „Nazi-Braunhemden“. Stalins Konterfei wird ab und zu in einem riesigen Spiegel sichtbar und auf verschiedenen Bildschirmen, über die auch andere Filmaufnahmen aus der Stummfilmzeit ständig flimmern. Eine dazu erfundene Szene erinnert an Charlie Chaplins Hitler-Karikatur in „Der große Diktator“. Wenn einmal auf einer roten Leinwand auch der Hamburger Rathausmarkt zu sehen ist, fällt das ein bisschen aus dem gesetzten Rahmen. Einen doppelten Boden müsste man subtiler inszenieren.

Virtuoses Spiel

Beier zeigt die Hysterie aller Beteiligten in einem virtuosen, turbulent grotesken Spiel. Sie karikiert die militärischen Figuren und Grüppchen. Sie lässt sie sich choreographisch zu Schostakowitschs ungeheuer rhythmisch-tänzerischer Musik bewegen.

Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier inszeniert erstmals an der Staatsoper. Am Wochenende feiert sie zum Saisonauftakt Premiere mit der Oper „Die Nase“ von Dmitri Schostakowitsch.

Nasen in dekadent-korrupter Gesellschaft

Die Nase von Kowaljow ist allgegenwärtig. Sie wird menschengroß, unter ihr sieht man nur die Beine eines Balletttänzers. Aber auch kleiner rollt sie durch die Szene. Die Bäuche der dekadent-korrupten verfetteten Gesellschaft sind: Nasen! Und der schlanke, eitle Kowaljow, der psychisch ohne Nase völlig panisch wird, ist am Ende – als die Nase endlich wieder an seinem Gesicht hält – genauso fett wie die anderen geworden.

Auch musikalisch grandios

Schostakowitschs sehr schwere Partitur mit ihrer pulsierenden und komplexen Rhythmik, mit den Anklängen an Folklore, Filmmusik, aber auch an Strawinsky oder Alban Berg präsentierten Dirigent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester souverän und ebenso virtuos wie die Szene. Kompliment! Die Hauptpartie des Kowaljow war mit dem dänischen Bariton-Star Bo Skovhus darstellerisch und sängerisch grandios besetzt. Ein unterhaltsamer Abend und ein gelungener Auftakt in die neue Spielzeit für die Hamburgische Staatsoper.“

Andreas Schmidt, 8. September 2019, für
klassik-begeistert.de

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