Elīna Garanča versetzt das Publikum in einen Zustand der tiefen Ergriffenheit

Elīna Garanča, Rafayel Payare, Wiener Philharmoniker,  Wiener Konzerthaus

Foto: Paul Schirnhofer/DG
Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 
17. Juni 2018
Elīna Garanča, Mezzosopran
Rafael Payare, Dirigent
Wiener Philharmoniker, Orchester

von Jürgen Pathy

Schon vor Beginn des Konzertes strömt an diesem Sonntagmittag ein exquisiter Duft durch die ehrwürdigen Hallen des Wiener Konzerthauses. Es ist der Duft der großen Kunst, der Magie und der Vorfreude, der sich mit dem aufgeregten Treiben des Veranstalters vermengt. Wenn Rico Gulda – der Leiter des Künstlerbüros – höchstpersönlich die VIP-Gäste zu ihren Plätzen eskortiert, wird klar, dass selbst für den erfahrenen Veranstalter ein einzigartiges Ereignis vor der Türe steht: die Wiener Philharmoniker und die Mezzosopranistin unserer Zeit, Elīna Garanča, beehren den prachtvollen Jugendstilbau.

Etwaige Fragezeichen ruft nur der Dirigent hervor. Es ist nicht die erste Einladung der Wiener Philharmoniker an den jungen Dirigenten Rafael Payare, 38, der bereits im Januar 2015 mit dem renommierten Orchester an drei Abenden wertvolle Erfahrungen sammeln konnte – als Ersatzmann des verstorbenen Lorin Maazel.

Obwohl der designierte Musikdirektor der San Diego Symphony (ab 2019/20) der Leonoren-Ouvertüre teilweise bezaubernde Schattierungen verpasst, fehlt der Interpretation ein wenig der Biss. Der Venezolaner verabsäumt es, dem Gesamtbild eine Portion dynamische Raffinesse zu verabreichen – einige dicke Ölkleckser hätten dem lyrischen Aquarell bestimmt mehr Beethoven’ sche Dramatik entlocken können.

Es folgt der Auftritt der Elīna Garanča, 41, die in ihrem weißen Abendkleid wie ein Engel mit der Sonne vor den Toren um die Wette strahlt – der Kontrast der „Rückert-Lieder“ zu den optischen Eindrücken und der Außenwelt könnte eklatanter kaum sein. Mit ihrer Ausdruckskraft ist die mehrfache Echo-Klassik-Preisträgerin in der Lage, die Schwermut der Mahler‘ schen Lieder ins Unermessliche zu potenzieren, trübt den Glanz des Großen Saals und versetzt das Publikum in einen Zustand der tiefen Ergriffenheit.

Das exklusive Timbre der lettischen Diva untermalen die Wiener Philharmoniker mit einem delikaten Klangteppich, der nur gegen Ende des Liedes „Um Mitternacht“ ins Forte entgleitet (Blechbläser) und die Stimme komplett zudeckt – eine Stimme, deren Timbre dunkler, reifer, dramatischer geworden ist. Der Fachwechsel läuft bereits erfolgreich und der Zeitpunkt, ihrer lyrischen Paraderolle – dem Octavian aus „Der Rosenkavalier“ (Richard Strauss) – langsam den Rücken zukehren, dürfte immer näher rücken.

Neben ihren Rollendebüts als Dalila in „Samson et Dalila“ (Camille SaintSaëns) im Mai 2018 an der Wiener Staatsoper und der Prinzessin Eboli in „Don Carlos“ (Giuseppe Verdi) im Oktober 2017 an der Opéra Bastille in Paris werden weitere dramatischere Partien folgen: die Amneris in „Aida“ (Giuseppe Verdi) soll laut einem Zeitungsinterview fixiert sein, und selbst die Kundry im „Parsifal“ (Richard Wagner) möchte Elīna Garanča „trotz bisher fehlender Anfragen“ nicht ausschließen.

Ihre Stärken können die Wiener Philarmoniker – laut der britischen Fachzeitschrift „Gramophone“ unter den Top-3-Orchestern weltweit – auch im Konzert für Orchester Sz 116 (Béla Bartók) untermauern: die Piano- und Legato-Kultur der Streicher scheint unerreicht, umhüllt die Seele mit behaglicher Ruhe. Und auch Rafael Payare läuft letztendlich bei diesem teils wilden musikalischen Ritt zur Höchstform auf, gestikuliert energisch und erweckt den Anschein eines Voodoo-Priesters, der sich und das Orchester in Trance versetzt.

Mit demselben Programm werden die Wiener Philharmoniker, Rafael Payare und Elīna Garanča in Vilnius (19. Juni) und in Riga – dem Geburtsort der Mezzosopranistin – (20. Juni) zu bestaunen sein.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 18. Juni 2018, für
klassik-begeistert.at

Ludwig van Beethoven
Ouverture Nr. 3 zu «Leonore» «Leonoren-Ouverture Nr. 3» (1805-1806)
Gustav Mahler
Fünf Lieder nach Gedichten von Friedrich Rückert (1901-1902)
Urlicht (Des Knaben Wunderhorn) (1893)
***
Béla Bartók
Konzert für Orchester Sz 116 (1943)

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