Frau Lange hört zu (21): Wassermusik

Frau Lange hört zu (21): Wassermusik

Mir wird das alles zu bekloppt und zu anstrengend. Ich wäre jetzt gern ganz woanders. Auf jeden Fall irgendwo am Wasser. Zeit für zwei Lieblingsstücke – eins entführt ans Mittelmeer, das andere beweist: Ruhe und Schönheit lassen sich auch ganz in der Nähe finden.

von Gabriele Lange

The waves of the sea rage horribly

Händel, Chandos Anthem 4

Es sind stürmische Zeiten. Die Dummen sind laut, den Unverantwortlichen wird zugehört, die Steuerleute sind verunsichert. Ich brauche eine Auszeit. Manche brauchen dafür laute Partys, stürzen sich in Konsum, jubeln einem Fußballverein zu, gehen in den Bergen wandern oder machen Yoga. Ich finde Frieden am (und im) Wasser. Am liebsten wäre ich ja jetzt am Meer.

La mer
Qu’on voit danser
Le long des golfes clairs
A des reflets d’argent
La mer
Des reflets changeants
Sous la pluie

Charles Trenet, La Mer

1943 dürfte die Sehnsucht nach Ruhe und Frieden überwältigend groß gewesen sein. In diesem Jahr schrieb Charles Trenet sein Chanson „La Mer“, das für mich unendlich sanft das tiefe Glück beschreibt, an einem warmen Abend einfach aufs Mittelmeer zu blicken. 1946 nahm er das Lied das erste Mal auf – und entführte die Zuhörer in eine bessere Welt.

Es gibt unzählige Coverversionen – auf Deutsch etwa 50er-Jahre-gemäß süßlich und zugleich unterkühlt von Lale Andersen oder, Jahre später, pathetisch verzuckert mit billigem Synthesizer-Sound von Peter Alexander. Auch in den USA wurde die Schönheit des Songs schnell erkannt. Mit dickem Orchesterteppich unterlegt kämpfte sich etwa die Hitmaschine Bing Crosby 1953 durch die Aussprache der französischen Version.

Die erste ins Englische übersetzte Fassung „Beyond the sea“ hatte bereits 1947 die Big Band von Harry James mit Marion Morgan eingespielt. Bobby Darin aber landete damit 1959 den Hit seines Lebens.

Somewhere beyond the sea
Somewhere waiting for me
My lover stands on golden sands
And watches the ships that go sailin‘

Darin galt übrigens für eine gewisse Zeit als der neue Sinatra. Angeblich hat Ol‘ Blue Eyes den Song ebenfalls eingespielt – davon sind etwas hunderttausende Youtube-Zuschauer überzeugt. Wenn Sie Lust haben, ein bisschen Detektiv zu spielen: Hören Sie selbst. Oder benutzen sie ein Identifizier-Tool wie Shazam. Das ist nicht Sinatras kühle messerscharfe Präzision. Auch diese Aufnahmen stammen von Darin.

Zu dieser Version gibt‘s in unserem Haushalt zwei Meinungen. Mich stört, dass die auftrumpfenden Bläsersätze von der meditativen Ruhe des Originals nicht mehr viel übriglassen. Hier geht’s nicht mehr ums Meer, sondern um den coolen Typen, der mit seinen Glücksversprechen Mädchenherzen schmelzen lässt (live). Denke ich. Mein Mann dagegen hört den Song und spürt Freiheit, das Versprechen der Ferne, riesige weiße Segel knattern und träumt von einer langen Reise über den unendlichen Ozean.

Für uns beide bleibt es allerdings dieses Jahr wohl beim Träumen. Ans Meer reisen wir 2020 vermutlich nicht mehr.

Allerdings kann man auch in München aufs Wasser blicken. Außer im Zentrum hat unsere Isar viel Platz. Sie ist nicht in traurige Mauern eingesperrt und dreckig wie die Seine oder der Tiber, sondern manchmal sogar so klar, dass man die Forellen darin spielen sieht. An heißen Sommertagen gibt es nichts Schöneres, als sich ans Ufer zu legen, zuzuhören, wie die Kiesel in der Strömung Richtung Norden kullern, um dann erhitzt in den eiskalten Fluss einzutauchen und sich ein Stück mitziehen zu lassen. Wenn aber Regen die Alpen durchweicht, verwandelt sich die Isar in einen wilden, gelblichen Strom. Sie erobert sich die Uferauen und legt dort riesige Bäume ab, die sie sich irgendwo einverleibt hat. Wenn das Hochwasser zurückgeht, hat sich das Flussbett jedes Mal verändert. Hier ist eine neue Kiesbank, eine andere ist verschwunden, da ist die Badestelle nun richtig tief – und die Alt-Hippies müssen auf der Flaucherinsel wohl mal wieder ihre Kiesskulptur neu bauen.

Zeit für einen langen Spaziergang am Wasser. Und für die Musik des wunderbar verrückten Willy Michl. Der hochbegabte Bluesgitarrist hätte eine Riesenkarriere hinlegen können. Er wurde lieber Isar-Indianer. Und bei seinem „Isarflimmern“ sind wir uns dann wieder sehr einig, mein Mann und ich.

Und dann in der Pupplinger Au,
Wird die Zeit angehalten,
In da Sommasonna auf dem weißen Kies,
I sog eich des is,
Des Isarflimmern mitten im Paradies

Willy Michl

Gabriele Lange, 1. September 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Frau Lange hört zu (20): Zur Wahrheit gibt es keine Alternative

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Die Münchnerin Gabriele Lange (Jahrgang 1960) war bei ihren ersten Begegnungen mit klassischer Musik nur mäßig beeindruckt. Als die lustlose Musiklehrerin die noch lustlosere Klasse in die Carmen führte, wäre sie lieber zu Pink Floyd gegangen. Dass Goethes Faust ziemlich sauer war, weil es in dieser Welt so viel zu erkunden gibt, man es aber nicht schafft, auch nur einen Bruchteil davon zu erfassen, leuchtete ihr dagegen ein. Sie startete dann erst mal ein Geschichtsstudium. Die Magisterarbeit über soziale Leitbilder im Spielfilm des „Dritten Reichs“ veröffentlichte sie als Buch. Bei der Recherche musste sie sich gelegentlich zurückhalten, um nicht die Stille im Archiv mit „Ich weiß, es wird einmal ein Wonderrrr geschehn“ von Zarah Leander zu stören, während sie sich durch die Jahrgänge des „Film-Kurier“ fräste. Ein paar Jahre zuvor wäre sie fast aus ihrer sechsten Vorstellung von Formans „Amadeus“ geflogen, weil sie mit einstimmte, als Mozart Salieri wieder die Sache mit dem „Confutatis“ erklärte. Als Textchefin in der Computerpresse erlebte sie den Aufstieg des PCs zum Alltagsgegenstand und die Disruption durch den Siegeszug des Internets. Sie versuchte derweil, das Wissen der Technik-Nerds verständlich aufzubereiten. Nachdem die schöpferische Zerstörung auch die Computerpresse erfasst hatte, übernahm sie eine ähnliche Übersetzerfunktion als Pressebeauftragte sowie textendes Multifunktionswerkzeug in der Finanzbranche. Vier Wochen später ging Lehman pleite. Für Erklärungsbedarf und Entertainment war also gesorgt. Heute arbeitet sie als freie Journalistin. Unter anderem verfasste sie für Brockhaus einen Lehrer-Kurs zum Thema Medienkompetenz. Aktuell schreibt sie auch über Themen wie Industrie 4.0 und Künstliche Intelligenz. Musikalisch mag sie sich ebenfalls nicht festlegen. Die Liebe zur Klassik ist über die Jahre gewachsen. Barockmusik ist ihr heilig, Kontratenöre sind ihre Helden – aber es gibt so viel anderes zu entdecken. Deshalb trifft man sie (hoffentlich bald wieder) etwa auch bei Konzerten finnischer Humppa-Bands, einem bayerischen Hoagascht und – ausgerüstet mit Musiker-Gehörschutz – auf Metal- oder Punkkonzerten. Gabriele ist seit 2019 Autorin für klassik-begeistert.de .

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