Frau Lange hört zu (22): Rhythmus

Frau Lange hört zu (22): Rhythmus

Bildquelle: Erim Kaska auf Youtube

Musik lässt sich überall finden. Auch an eher unfreundlichen Orten. Wenn man genau hinhört. Denn alles ist Rhythmus …

von Gabriele Lange

RRRRRT! RRRRRT! RRRRRT! RRRRRT! RRRRRT!

Bevor ich in die MRT-Röhre geschoben werde, setzt mir noch eine Schwester Kopfhörer auf. Allerdings nicht, damit ich Musik hören kann, sondern um mich ein wenig gegen den nun folgenden Krawall abzuschirmen.

KLOCK! KLOCKKLOCKKLOCK! KLOCK!

In einer Hand halte ich einen Notrufknopf. Damit kann ich die Show abbrechen, falls ich Platzangst bekomme. Aber ich muss jetzt da durch. Ich halte die Augen geschlossen.

RATTTATATATATTT RATTTATATATATTT

Wie groß oder klein der Raum um meinen Körper ist, ist mir eher egal. Was ich gar nicht leiden kann, ist der Schlauch in meiner Armvene, durch den sie mir ungesundes Zeug in den Körper pumpen, damit sie ein besseres Bild von meinem Inneren bekommen. Ich HASSE Kanülen. Und ich komme hier die nächsten 20 Minuten nicht raus. Ablenken. An was anderes denken …

BRRRRRRRRT DRRT BRRRRRRRRT DRRT

Ich stelle mir vor, da draußen reißt einer mit dem Presslufthammer die Straße auf. So wie in der Kishon-Verfilmung „Der Blaumilchkanal“. Da wurde aus den Bohrgeräuschen irgendwann Musik. Straßenmusik.

Ständig gibt es neue Sounds. Jetzt klingt das nach Nebelhorn. Dann wie ein hemmungsloser Heimwerker in der Nachbarwohnung. Moment … ein Zahnarzt? Nein. An Ärztliches will ich nicht erinnert werden. Eine Waschmaschine, in der sich die Laken im Bettbezug verheddert haben und die nun im Schleudergang durchs Badezimmer hüpft?

RAPP! RAPPRAPPRAPPRAPPRAPP! RAPP!

Vor ein paar Jahren habe ich doch diese unglaubliche Percussion-Performance gesehen. Genau. Stomp! Hier wird alles zum Instrument. Mülltonnendeckel, Küchengeräte

BONG! BONGBONG! BONG! BONGBONG!

Jetzt denke ich an die Stahlwerksinfonie. 1981 brachten Die Krupps eine bahnbrechende Platte auf den Markt, die den Sound des Ruhrgebiets in Musik verwandelte, den Rhythmus der Industrie, der Arbeit. Unter anderem mit Drillbohrern und einem selbst gebauten Stahlofon schuf die Band unter Mastermind Jürgen Engler einen komplexen, bahnbrechend neuen Industrial-Sound. Dissonant, treibend und nah an der Realität lässt einen die Musik nicht aus den Klauen. Das geht schon ein ganzes Stück weiter als der Einsatz der Ambosse bei Wagner (Rheingold) oder Verdi (Il Trovatore).

WIIIWIWIWIII WAAAWIWIWIII WIIIWIWIWIII

Das war sieben Jahre, bevor Steve Reich „Different Trains“ für das Kronos Quartett komponierte – und dabei die Pfeifen von Lokomotiven, Luftalarmsirenen und Aufnahmen menschlicher Stimmen nutzte. Das Stück erzählt von sehr verschiedenen Zügen – jenen, mit denen der junge Steve in den USA fuhr, und jenen, in denen die Nazis ihre Opfer in die Vernichtungslager verschleppten.

Halt. Stopp. Ich muss meine Gedanken in eine andere Richtung lenken.

Dieser unerbittlich und uneingeladen wiederkehrende Rat: „Denk einfach positiv“ ist zwar eine Aufforderung zum Selbstbetrug, die für mich nicht funktioniert. Aber gerade brauche ich etwas weniger Realismus … Oder einen Blick in eine freundlichere Welt.

Schritte, Meereswellen, Windrauschen – die Welt ist voller rhythmischer Geräusche. Und diese Rhythmen sind der Ursprung aller Musik. Man muss nur genau hinhören. Wie es Vivaldi getan hat, der in den Vier Jahreszeiten das Gezwitscher der Vögel im Frühling ebenso einfing wie den prasselnden Regen und die Stürme im Winter. Oder wie Rimsky-Korsakov beim Hummelflug. Wahnsinn, die Finger von Lang Lang flirren über die Tasten … Jean-Philippe Rameau übersetzte sogar das Gackern eines Huhns fürs Cembalo (La Poule).

GACK-ACK-ACK ACKACK-ACK

Manche Tiere beweisen einen außergewöhnlichen Sinn für Rhythmus. Papageien auf jeden Fall. Die haben übrigens das Headbangen erfunden. Wie ein Kakadu wohl auf meine aktuelle Geräuschkulisse reagieren würde?

Jerry Lewis wäre auf jeden Fall etwas eingefallen.

Gabriele Lange, 23. Dezember 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Die Münchnerin Gabriele Lange (Jahrgang 1960) war bei ihren ersten Begegnungen mit klassischer Musik nur mäßig beeindruckt. Als die lustlose Musiklehrerin die noch lustlosere Klasse in die Carmen führte, wäre sie lieber zu Pink Floyd gegangen. Dass Goethes Faust ziemlich sauer war, weil es in dieser Welt so viel zu erkunden gibt, man es aber nicht schafft, auch nur einen Bruchteil davon zu erfassen, leuchtete ihr dagegen ein. Sie startete dann erst mal ein Geschichtsstudium. Die Magisterarbeit über soziale Leitbilder im Spielfilm des „Dritten Reichs“ veröffentlichte sie als Buch. Bei der Recherche musste sie sich gelegentlich zurückhalten, um nicht die Stille im Archiv mit „Ich weiß, es wird einmal ein Wonderrrr geschehn“ von Zarah Leander zu stören, während sie sich durch die Jahrgänge des „Film-Kurier“ fräste. Ein paar Jahre zuvor wäre sie fast aus ihrer sechsten Vorstellung von Formans „Amadeus“ geflogen, weil sie mit einstimmte, als Mozart Salieri wieder die Sache mit dem „Confutatis“ erklärte. Als Textchefin in der Computerpresse erlebte sie den Aufstieg des PCs zum Alltagsgegenstand und die Disruption durch den Siegeszug des Internets. Sie versuchte derweil, das Wissen der Technik-Nerds verständlich aufzubereiten. Nachdem die schöpferische Zerstörung auch die Computerpresse erfasst hatte, übernahm sie eine ähnliche Übersetzerfunktion als Pressebeauftragte sowie textendes Multifunktionswerkzeug in der Finanzbranche. Vier Wochen später ging Lehman pleite. Für Erklärungsbedarf und Entertainment war also gesorgt. Heute arbeitet sie als freie Journalistin. Unter anderem verfasste sie für Brockhaus einen Lehrer-Kurs zum Thema Medienkompetenz. Aktuell schreibt sie auch über Themen wie Industrie 4.0 und Künstliche Intelligenz. Musikalisch mag sie sich ebenfalls nicht festlegen. Die Liebe zur Klassik ist über die Jahre gewachsen. Barockmusik ist ihr heilig, Kontratenöre sind ihre Helden – aber es gibt so viel anderes zu entdecken. Deshalb trifft man sie (hoffentlich bald wieder) etwa auch bei Konzerten finnischer Humppa-Bands, einem bayerischen Hoagascht und – ausgerüstet mit Musiker-Gehörschutz – auf Metal- oder Punkkonzerten. Gabriele ist seit 2019 Autorin für klassik-begeistert.de .

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