Ein Liederabend ohne Gesang – Yuja Wang und Gautier Capuçon glänzen in der Elbphilharmonie

Gautier Capuçon, Yuja Wang,  Elbphilharmonie Hamburg, 8. Januar 2020

Fotos: © Sebastian Madej

Elbphilharmonie Hamburg, Großer Saal, 8. Januar 2020
Gautier Capuçon, Violoncello
Yuja Wang, Klavier
César Franck
Sonate A-Dur M 8 / Fassung für Violoncello und Klavier in der Transkription von Jules Delsart
Frédéric Chopin
Polonaise brillante für Klavier und Violoncello C-Dur op. 3
Sonate für Klavier und Violoncello g-Moll op. 65
Astor Piazzolla Le Grand Tango (Zugabe)

von Guido Marquardt

Klavier und Cello – an diesem Abend sind sie in ihren besten Momenten fast wie ein Liederabend ohne Gesang. Yuja Wang und Gautier Capuçon zeigen ein überzeugendes Programm aus dem romantischen Repertoire, dessen Höhepunkte in den lebhafteren, rhythmischen Passagen liegen.

Tief romantisches Repertoire steht an diesem Abend auf dem Programm – und dennoch ist die Spannbreite durchaus groß. Allein schon die beiden Werke von Chopin: Jugendlicher Überschwang in der Polonaise op. 3, gefolgt von einem geradezu altersweisen, hochkomplexen Werk wie der Sonate op. 65. Möglicherweise ist das auch in etwa die Spannbreite, die Yuja Wang und Gautier Capuçon in ihren Stärken und Neigungen abdecken, doch dazu später mehr.

Dauerbrenner aus dem Fin de Siècle

Los ging es mit einem Höhepunkt der Musik des Fin de Siècle, César Francks Sonate in A-Dur. Ursprünglich komponiert für Violine und Klavier, existiert sie in Transkriptionen für etliche instrumentelle Kombinationen. Doch autorisiert von Franck wurde nur diese eine Bearbeitung, die für Cello und Klavier. Sie entwickelte sich, wie auch die Ursprungsfassung, zu einem Dauerbrenner des kammermusikalischen Repertoires und wurde vielfach aufgeführt und eingespielt. Die letzte Aufnahme der legendären Jacqueline du Pré war übrigens eine Einspielung eben dieser Sonate, gemeinsam mit Daniel Barenboim.

Hauptthema in reichhaltigen Variationen

Konnte man vor wenigen Wochen noch Werke von Franck in der Elbphilharmonie an dem Instrument hören, mit dem er wohl am stärksten in Verbindung gebracht wird, nämlich der Orgel, stand nun dieses ungeheuer reiche, bewegte Werk auf dem Plan. Nach dem sehr sanften ersten Satz, der das Hauptthema der fallenden Terzen etabliert, folgte mit dem Allegro des zweiten Satzes ein erster Höhepunkt des Konzertabends. Mit hoher Virtuosität und einem wunderbaren gegenseitigen Verständnis spielte sich das Duo in Fahrt, wobei die Konturen durchaus etwas stärker akzentuiert wurden. Bei Yuja Wang war das noch markanter als bei Capuçon, dessen unglaublich weicher Celloklang immer wieder mildernd wirkte. Das schon im ersten Satz etablierte Hauptthema findet sich in ständigen Variationen und wird über die langen Bogenstriche des langsamen dritten Satzes bis hin zum schwungvollen Schlusssatz zum bestimmenden Bild des ganzen Werks.

Schwebend und liedhaft

Eine knappe halbe Stunde dauert diese Sonate, doch sie zeigt die enorme Bandbreite dessen auf, was ein Klavier und ein Streichinstrument gemeinsam leisten können. Yuja Wang oblag es dabei häufiger, die deutlichen Kanten einzuziehen, während Capuçon aus seinem Barockcello einen wunderbar schwebenden, liedhaften Gestus zauberte.
Insgesamt die äußerst gelungene Interpretation eines unsterblichen Werks.

Tänzerisches Virtuosenstück

Geradezu naiv-fröhlich dann die tänzerisch-überschwängliche Polonaise brillante von Chopin im Anschluss. Doch die vorangestellte Introduktion, von Chopin später hinzugefügt, macht deutlich, dass wir es auch hier, bei aller Leichtigkeit im Ton, mit einem ernsthaften Werk zu tun haben. Zugleich ist es auch ein dankbares Virtuosenstück, das dem Duo des Abends die entsprechenden Möglichkeiten bot, ihr technisches Können zu zeigen.

Zergrübelter Weg zur Harmonie

Nach der Pause ging es mit einem Werk von ganz anderem Charakter weiter. Wenn jemand wie Chopin nicht einmal 40 Jahre alt wurde, mag der Begriff „Alterswerk“ etwas merkwürdig klingen, doch in seiner Stellung im Repertoire trifft das durchaus zu. Der überlange erste Satz seiner Sonate op. 65 ist zergrübelt, zerklüftet – nicht einfach, da durchgängig die Spannung zu halten. Es gelingt Wang und Capuçon leidlich, doch besser funktioniert es dann im lebhaften Scherzo, im finalen Allegro ohnehin. Hier lässt sich auch die beste Harmonie zwischen Klavier und Cello finden. Generell hat es den Anschein, dass Yuja Wang die schnelleren, virtuoseren Passagen besser liegen. Die getrageneren Passagen geraten ihr doch bisweilen etwas zu laut und forciert. Capuçon ist da eher auf der kantablen Seite, die wehmütig-zärtlichen Stimmungsanteile bringt er traumschön in den Saal.

Zarte Delikatesse vor großer Kulisse

Wie hätte sich wohl Chopin, der bevorzugt leise und in kleinerem Rahmen spielte, vor einem 2.000-Personen-Publikum gefühlt? Wir wissen es nicht, doch gehört es nun mal zu den Charakteristiken der Elbphilharmonie, dass man hier durchaus nicht laut spielen muss, um zu jedem Zuhörer durchzudringen. In Anbetracht der Delikatesse der Chopin-Sonate wäre noch Potenzial vorhanden, auch den Klavierpart etwas zarter zu gestalten.

Rhythmisches Heimspiel

So ist es dann auch letztlich keine Überraschung, dass die Zugabe wiederum beiden vorzüglich gelingt: Astor Piazzollas Grand Tango beschließt den Abend und dessen ganz auf Rhythmik und Synkopen setzende Tonsprache ist unverkennbar ein Heimspiel auch für Yuja Wang. Absolut mitreißend, mehr davon!

Mit der Wahl der Zugabe ist übrigens auch das Programm der CD komplett, die Wang und Capuçon im letzten Jahr eingespielt haben. Franck – Chopin – Piazzolla; eine durchaus schlüssige Zusammenstellung. Nur in der Reihenfolge wäre es mit Franck im Mittelteil eventuell noch etwas stimmiger gewesen.

 

Liederabend ohne Stimme, aber mit „Bravo“

Großer Beifall im großen Saal, und der Herr in Block I gewinnt an diesem Abend das Rennen um den schnellsten „Bravo“-Rufer. Ja, der Nachhall in der Elphi ist kurz. Aber man darf den Abschluss eines Stücks auch ruhig mal ein paar Sekunden stehen lassen, bevor man den Musikern ihren verdienten Beifall zollt.

Liederabende wurden in der Elbphilharmonie ja auch schon durchaus kritisch gesehen. Nun, vielleicht ist ein Abend für Klavier und Cello genau die Zusammenstellung, die so etwas wie einem Liederabend ohne menschliche Stimme entspricht? Wenn man das Cello so singen lässt wie Capuçon an diesem 8. Januar, ist das jedenfalls nicht abwegig.

Guido Marquardt, 9. Januar 2020, für
klassik-begeistert.de

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