Lieses Klassikwelt 16: Abschiede

Lieses Klassikwelt 16  klassik-begeistert.de

von Kirsten Liese

Das vergangene Jahr war geprägt von zahlreichen schmerzlichen Verlusten. Mir kam es so vor, als seien 2019 besonders viele große Künstler gestorben.

Ich nehme das zum Anlass für ein paar persönliche Erinnerungen. Die am 26. Januar verstorbene Sopranistin Wilma Lipp macht den Anfang. Um ein Haar hätte ich sie noch kennengelernt. Als ich mit ihr im November 2018 für eine Radiosendung Kontakt aufnahm, war sie 93 und litt schon an Demenz. Deshalb schien es sinnvoll, dass der Ehemann anwesend sein würde, um weiterzuhelfen, falls das Gedächtnis die alte Dame im Stich lassen sollte. Über ihre betreuende Pflegerin, eine Seele von Mensch, verabredeten wir uns für Anfang Januar. Aber kurz vor dem Termin erlitt Wilma Lipp einen Schlaganfall.

Ein Treffen mit der Sängerin, die, wie ich mich in Aufnahmen überzeugen konnte, zu Recht für lange Zeit vor allem als Königin der Nacht in der Zauberflöte unübertroffen blieb, die sie mehr als 400 Mal (!) verkörpert haben soll, wurde mithin unwahrscheinlich.  Noch bevor es in den Nachrichten vermeldet wurde und wenige Tage vor Ausstrahlung meiner Sendung, die Wilma Lipp nicht mehr hören konnte, erreichte mich die traurige Nachricht von ihrem Tod.

Schon wenig später starb der Bariton Theo Adam, den ich 2006 anlässlich seines 80. Geburtstags in seiner Dresdner Wohnung für ein Interview traf. In Erinnerung blieb er mir vor allem mit seiner angenehm bescheidenen, uneitlen Art. Das fing schon damit an, dass ich direkt mit ihm Kontakt aufnehmen konnte. Mit vollständiger Adresse und Rufnummer stand er im Telefonbuch und hatte keine Scheu vor fremden Anrufern: „Wer mich anrufen will, kann mich anrufen.“

Den Fokus lenkte ich auf seine Rolle als Sachs in Wagners „Meistersingern“. Dazu erzählte er eine hübsche Anekdote: Hans Knappertsbusch trug ihm die Rolle des Schusters schon an, als er ganz am Anfang seiner Karriere stand: „Ich fühlte mich geehrt, erwiderte aber, dass ich wohl noch zu jung sei. Wie alt ich denn wäre, fragte Knappertsbusch dann. Ich sagte ‚23‘. Drauf schaute er mich verdattert an und sagte: ‚Ach du lieber Gott – auf Wiedersehen.‘ Das war nicht böse gemeint, aber auf mich wirkte das wie eine kalte Dusche.“

Besonders bewegt hat mich der Tod des Schauspielers Bruno Ganz. Zufälligerweise hatte er in Berlin eine Wohnung in meiner Charlottenburger Nachbarschaft. Ich hatte das große Privileg, Ganz schon in den 1970er Jahren in der Schaubühne zu erleben, als es sich noch lohnte, ins Theater zu gehen. Die letzte große fulminante Rolle, in der ich ihn sah, war der Titelheld in Peter Steins Faust-Marathon. Danach zog er sich aus guten Gründen aus dem Theater zurück und verschrieb sich ganz und gar dem Kino.

Ein längeres Interview mit ihm hatte ich 2010. Egal worüber wir sprachen – wir lagen auf einer Welle. Freilich hatte das auch damit zu tun, dass Bruno Ganz eine große Affinität zur klassischen Musik hatte, er war auch ein guter Freund Claudio Abbados, unter dessen Leitung er an Aufführungen selten aufgeführter melodramatischer Werke teilhatte. Wir waren uns darüber hinaus einig, dass sich das Sprechtheater in einem desolaten Zustand befindet und dass deutsche Filmregisseure dazu tendieren, ihre Geschichten zu aufdringlich und beliebig musikalisch zu untermalen.

Besonders freute ihn meine große Wertschätzung seiner Leistung in Oliver Hirschbiegels Film Der Untergang, der von zahlreichen Kollegen schlecht geredet wurde, weil Ganz Adolf Hitler menschliche Züge verlieh. Gerade aber eben darin lag seine große Leistung ganz im Sinne von Hannah Arendts Banalität des Bösen.

Seine allerletzte Rolle hatte Bruno Ganz übrigens in dem jüngsten Film Ein verborgenes Leben von Terrance Mallick, der am 30. Januar in die Kinos kommt. Mallicks Entscheidung, die in Österreich angesiedelte Geschichte der Authentizität wegen mit überwiegend deutschen Schauspielern zu besetzen, wird in der Originalfassung allerdings zur Farce, weil alle in Englisch reden. Dummerweise fanden die Aufnahmen zur Synchronfassung erst zum Jahresende statt. Da war Bruno Ganz schon tot. Auch wenn seine Rolle nur eine kleine ist: Sollte man seine Dialoge für die synchronisierte Fassung von einem anderen sprechen lassen, wäre das schon ein starkes Stück.

Mariss Jansons begegnete ich 2005 auf einer Pressereise nach Luzern. Ich war eine von fünf Journalisten, die das Festival zusammen mit dem Bayerischen Rundfunk aus einem besonderen Anlass eingeladen hatte: Das Symphonieorchester des BR war seit einem Jahr Residenzorchester beim Luzern Festival Ostern, das es nun schon nicht mehr gibt. Damals war dafür noch bemerkenswert viel Geld da. Wir wurden in einem der besten Hotels am Ort untergebracht, im Grand Hotel National direkt am Vierwaldstätter See. Und natürlich war auch ein Ausflug zur Villa Tribschen vorgesehen, wo Richard Wagner von 1866 bis 1872 wohnte.

Jansons brachte damals Dvoraks Requiem und Bruckners Dritte. Beide Wiedergaben, so lese ich in meinem damaligen Bericht nach, müssen ungemein eindrucksvoll und packend gewesen sein. Im Anschluss durften wir dann auch in die Künstlergarderobe, wo sich uns Jansons als ein angenehm bescheidener, offener und freundlicher Mann zeigte.

Unvergessen bleiben wird mir auch das letzte Konzert, das ich unter seiner Leitung hörte: Mahlers Vierte bei den letzten Osterfestspielen Salzburg. Atmosphärisch und in subtilen Pianoschattierungen war das einzigartig.

Peter Schreier lernte ich leider nicht persönlich kennen. Aber zum Glück durfte ich ihn oft hören. Neben Fritz Wunderlich und Anton Dermota war er der beste lyrische Tenor, den Deutschland hervorgebracht hat. Schon ein denkwürdiger Zufall, dass er im selben Jahr starb wie sein langjähriger Freund Theo Adam. Die beiden waren schon als Kinder im Dresdner Kreuzchor, später langjährige Bühnenpartner und in Zeiten des Kalten Krieges Aushängeschilder der DDR. Zumindest einmal habe ich sie damals in einer Don Giovanni-Aufführung zusammen auf der Bühne der Berliner Lindenoper erlebt: Adam gab den Titelhelden, Schreier den Don Ottavio.

Das waren leider noch nicht alle, die 2019 von uns gingen, zumindest erwähnt seien hier noch die Sängerinnen Jessye Norman, Hilde Zadek, die Schauspielerinnen Hannelore Elsner und Ellen Schwiers, der Filmproduzent Artur Brauner und der Designer Karl Lagerfeld.

Schließlich verlor die Opernwelt ganz kurz vor Jahresende noch mit Harry Kupfer einen grandiosen Regisseur. Von ihm erfuhr ich im Interview anlässlich seines 70. Geburtstags, wie man sich in Zeiten der Repression und eingeschränkter Meinungsfreiheit nicht unterkriegen lässt, geschickt Nischen nutzt, um verschlüsselt und unverfänglich unerwünschte Botschaften an das Publikum zu richten. Für ihn war das in DDR-Zeiten eine große Herausforderung. Unter seinen mannigfachen Regie-Arbeiten werden mir vor allem seine sämtlichen Wagner-Inszenierungen in Zusammenarbeit mit Daniel Barenboim in Erinnerung bleiben.

Kirsten Liese, 9. Januar 2020, für
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© Kirsten LIese

Die gebürtige Berlinerin Kirsten Liese (Jahrgang 1964) entdeckte ihre Liebe zur Oper im Alter von acht Jahren. In der damals noch geteilten Stadt war sie drei bis vier Mal pro Woche in der Deutschen Oper Berlin — die Da Ponte Opern Mozarts sowie die Musikdramen von Richard Strauss und Richard Wagner hatten es ihr besonders angetan. Weitere Lieblingskomponisten sind Bruckner, Beethoven, Brahms, Schubert und Verdi. Ihre Lieblingsopern wurden „Der Rosenkavalier“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Tristan und Isolde“ und „Le nozze di Figaro“. Unvergessen ist zudem eine „Don Carlos“-Aufführung 1976 in Salzburg unter Herbert von Karajan mit Freni, Ghiaurov, Cossotto und Carreras. Später studierte sie Schulmusik und Germanistik und hospitierte in zahlreichen Radioredaktionen. Seit 1994 arbeitet sie freiberuflich als Opern-, Konzert- und Filmkritikerin für zahlreiche Hörfunk-Programme der ARD sowie Zeitungen und Zeitschriften wie „Das Orchester“, „Orpheus“, das „Ray Filmmagazin“ oder den Kölner Stadtanzeiger. Zahlreiche Berichte und auch Jurytätigkeiten führen Kirsten zunehmend ins Ausland (Osterfestspiele Salzburg, Salzburger Festspiele, Bayreuther Festspiele, Ravenna Festival, Luzern Festival, Riccardo Mutis Opernakademie in Ravenna, Mailänder Scala, Wiener Staatsoper). Als Journalistin konnte sie mit zahlreichen Sängergrößen und berühmten Dirigenten in teils sehr persönlichen, freundschaftlichen Gesprächen begegnen, darunter Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Schwarzkopf, Mirella Freni, Christa Ludwig, Catarina Ligendza, Sena Jurinac, Gundula Janowitz,  Edda Moser, Dame Gwyneth Jones, Christian Thielemann, Riccardo Muti, Piotr Beczala, Diana Damrau und Sonya Yoncheva. Kirstens Leuchttürme sind Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache, Riccardo Muti und Christian Thielemann. Kirsten ist seit 2018 Autorin für klassik-begeistert.de .

 

Ein Gedanke zu „Lieses Klassikwelt 16
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  1. Theo Adam, leider nie live gehört. Dazu bin ich nicht lange genug in diesem Metier – leider! Aber eine Erinnerung wird mit bleiben. Als Dominique Meyer, der Direktor der Wiener Staatsoper, letzte Saison vor den Vorhang getreten ist und seinen Tod verkündet hat. Es war am 12. Januar 2019, dem Tag, an dem wir alle gespannt und mit großer Vorfreude auf „Die Walküre“ unter Axel Kober gewartet haben. Zwei Tage zuvor, am 10. Januar, war Theo Adam verstorben. In diesem Haus hatte Adam in 24 Vorstellungen den Wotan in „Die Walküre“ gegeben.

    Kobers Dirigat hat zwar über weite Strecken des Rings zu Wünschen übrig gelassen, ebenso die Qualität des Wiener Staatsopernorchesters, dass Mal wieder mit Unmengen an Substituten besetzt gewesen war. Die Wiener Philharmoniker, die sich aus dem Staatsopernorchester rekrutieren, waren Mal wieder auf Tournee. Normalerweise versuchen sie, vor allem wenn Strauss und Wagner auf dem Programm der Wiener Staatsoper stehen, ihre Auslandsreisen drum herum zu planen. Schien dieses Mal nicht gut funktioniert zu haben. Sei’s drum.

    An diesem Abend gelang alles exzeptionell. Das Dirigat, das Orchester, und vor allem ein Mann haben diesem denkwürdigen Abend ihren Stempel aufgedrückt: Tomasz Konieczny als Wotan. Der Pole, der aufgrund seines einzigartigen Timbres von manchen verschmäht wird, von anderen geliebt, hat an diesem Abend einen Göttervater gegeben, der selbst den eingefleischten „Konieczny-Hassern“ am Ende ein lautstarkes Bravo abgerungen hat. Mit welcher Inbrunst, Glaubwürdigkeit und Energie er selbst im zartesten Piano Wotans Abschied gesungen hat, ist unvergesslich. Von vielen Kennern wurde er an diesem Abend als der „beste Wotan“, den sie je gehört haben, bezeichnet.

    Warum erwähne ich das? Meines Erachtens gibt es keine Zufälle. Alles hängt mit allem zusammen. Das Universum, Gott, oder wie immer wir diese unbeschreibliche Macht nennen wollen, hat immer seine Finger im Spiel. Es ist kein Zufall, dass Tomasz Konieczny am selben Tag (10. Januar) geboren wurde an dem Theo Adam verstorben ist. Genauso wenig, dass er nur zwei Tage später in einer seiner Paraderollen an der Wiener Staatsoper antritt und dermaßen brilliert. An diesem Abend hatten sicherlich wieder alle ihre Finger im Spiel: der Geist Theo Adams, das Universum und der Göttervater selbst.

    Jürgen Pathy

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