Wiener Staatsoper: Ginevra und der König springen für Ariodante in die Bresche

Georg Friedrich Händel, Ariodante, Wiener Staatsoper, 1. März 2018

Fotos: Michael Pöhn (c)
Georg Friedrich Händel, Ariodante, Wiener Staatsoper,
1. März 2018

William Christie, Dirigent
David McVicar, Regie
Paule Constable, Licht
Vicki Mortimer, Ausstattung

Sarah Connolly, Ariodante
Chen Reiss, Ginevra
Hila Fahima, Dalinda
Christophe Dumaux, Polinesso
Wilhelm Schwinghammer, Il Re di Scozia, König
Rainer Trost, Lurcanio
Benedikt Kobel, Odoardo
Les Arts Florissants, Orchester
Gustav Mahler Chor

von Jürgen Pathy

Die Wiener Staatsoper kann nicht gerade auf eine lange Barock-Tradition zurückblicken. Die Premiere erlebte das traditionsreiche Haus am 3. Mai 1928 mit „Julius Cäsar“ (Georg Friedrich Händel). Gefolgt von einigen Jahren der Abstinenz setzte der damalige Direktor des Hauses Herbert von Karajan das Bühnenwerk erst im Jahre 1959 wieder auf den Spielplan – anlässlich des 200. Todestages des deutsch-britischen Komponisten.

Mehr als ein halbes Jahrhundert musste vergehen ehe der amtierende Direktor Dominique Meyer, 62, das Barock-Kapitel wieder aufzuschlagen wagte: im Herbst 2010 wurde „Alcina“ ins Repertoire aufgenommen und in der laufenden Saison versucht der Elsässer mit „Ariodante“ eine zweite Händel‘ sche Oper im Haus am Ring zu etablieren.

Im Mittelpunkt dieser 1735 im neu erbauten Covent Garden uraufgeführten Oper stehen laut dem schottischen Regisseur Sir David McVicar tagesaktuelle Themen wie „Machtmissbrauch und sexueller Missbrauch“. Die Geschichte rund um den edlen Ritter Ariodante und dessen Anvertraute Ginevra, deren beider Leben aufgrund einer Intrige beinahe einem Selbstmordversuch und einem Gottesgericht zum Opfer fällt, basiert auf Ludovico Ariostos Epos „Orlando Furioso“.

In der Titelpartie fungiert die bedeutende Sängerin Dame Sarah Connolly, 54, die 2016 in Frank Castorf’s Bayreuther „Ring des Nibelungen“ (Richard Wagner) erfolgreich die Fricka geben durfte. „Wagner ist wie dunkle Schokolade, Ariodante ist wie Schoko-Mousse“, antwortet sie auf die Frage der Herangehensweise an zwei so unterschiedliche Partien. Ihr Vorhaben, die Rolle des feinfühligen Vasallen Ariodante „weiblich offen und nach außen“ zu singen, gelingt leider nur Stellenweise. Obwohl der berühmten, von Schmerz und Todessehnsucht erfüllten Arie „Scherza, infida“ frenetischer Szenenapplaus samt Bravi folgen, wirkt diese normalerweise hoch emotionale Gesangseinlage britisch unterkühlt.

Hila Fahima (Dalinda) – Christophe Dumaux (Polinesso)

Einige Mühen bereiten der britischen Mezzosopranistin die Koloraturen im mittleren und tiefen Register, in dem diese hoch virtuose Partie vorwiegend gesungen wird. Mit ihrem Plan „kein Vibrato einzusetzen, wenn die Instrumente keines spielen“ vermag sie zwar die hart gesottenen Fans der originalen Aufführungspraxis zu beeindrucken, aber in Summe  bietet die erfolgsverwöhnte Britin ein mittelmäßiges Hausdebüt.

Zu den tragenden Stimmen dieses Abends werden somit andere Protagonisten, die in ihren nicht weniger virtuosen Partien brillieren können.

Publikumsliebling Chen Reiss verleiht der „unreinen“ Ginevra, die beinahe am Galgen landet, einen jugendlich lyrischen Sopran und sorgt mit ihrer Darbietung für viel Balsam auf der Seele.

Wilhelm Schwinghammer (Il Re di Scozia, König)

Die mittelgroße, aber enorm wichtige Partie des Königs verkörpert der bayerische Bass Wilhelm Schwinghammer mit würdevoller, aristokratischer Haltung und verblüfft mit agilen Koloraturen und einem feinen Legato.

Mit viel Raffinesse beleuchtet Paule Constable die Bühne und setzt auch den Bösewicht Polinesso gekonnt in Szene: ein bedrohlich-wirkender, gigantischer Schatten kann zumindest die paradoxe Vorstellung minimieren, dass die reine, unschuldige Knabenstimme des Countertenors Christophe Dumaux das Böse verkörpern soll. Bereits bei den Salzburger Pfingstfestspielen 2017 konnte der 1979 geborene Franzose in dieser Partie glänzen – nicht minder strahlt sein Glanz an diesem Abend von der ehrenwerten Bühne der Wiener Staatsoper.

Auch die junge israelische Sopranistin Hila Fahima kann sich nach zwei anfänglichen „Quietschern“ im Laufe des rund vier Stunden dauernden Abends enorm steigern. Das Urgestein Benedikt Kobel, als Odoardo, und Tenor Rainer Trost, als Lurcanio, geben sich keine Blöße.

Am Pult des Orchestergrabens steht William Christie, 73, der mit seinem 1979 gegründeten Ensemble Les Arts Florissants mit kammermusikalischen Klängen die Gunst des Wiener Publikums erobert. Hoch erfreut zeigt sich der gebürtige us-amerikanische Dirigent darüber, dass diesmal „die Ballettmusik gespielt wird, die in den meisten Opernhäusern gestrichen wird“. Georg Friedrich Händel hat die Ballettnummern extra für die „Muse graziöser und bescheidener Gestik“ komponiert: die zeitgenössische Tänzerin Marie Sallé. In der Wiener Staatsoper werden die grazilen Tanzeinlagen vom gewohnt hervorragenden Wiener Staatsballett umgesetzt.

Der Versuch die Barock-Fetischisten davon zu überzeugen, dass auch das ehrwürdige Haus am Ring einen passenden Rahmen für die historische Aufführungspraxis der Barockoper bieten kann, ist bis auf einige Schwächen in der Titelpartie beeindruckend gelungen. Ein weiterer Wermutstropfen: die Bühnenarbeiter, deren Wirbel bei den Umbauarbeiten einem heraneilenden Tornado glich.

Für alle, die das opulente Spektakel verfolgen möchten, gibt es noch Restkarten für die beiden letzten Termine am 4. März und am 8. März 2018.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 2. März 2018,
für klassik-begeistert.at

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