Zeffirellis „Carmen“ in Verona begeistert als Fest für alle Sinne

Georges Bizet, Carmen  Arena di Verona, 29. August 2025 

Carmen Fondazione Arena © Ennevi

„Carmen“ wurde nach der legendären „Aida“, mit der die Arena di Verona vor 102 Jahren die alljährlichen Opernfestspiele eröffnet hatte, zum zweiten großen Publikumsliebling und steht fast alljährlich mit ausverkauften Rängen auf dem Programm.

Die grandiose Inszenierung des legendären Film- und Theaterregisseurs Franco Zeffirelli aus dem Jahr 1995 wird auf dieser gewaltigen Bühne immer wieder gezeigt und reißt das Publikum zu Beifallsstürmen hin. Ein Fest für alle Sinne, mit herrlichen Kostümen, aufwendigem Bühnenbild, Hunderten von Choristen und Statisten, Eseln und Pferden, großartigem Orchester, teils exzellenten Stimmen – und den atemberaubenden Flamenco-Einlagen der Compania Antonio Gades.

Georges Bizet, Carmen
Libretto Henri Meilhac und Ludovic Halévy

französische Originalsprache

Regie und Bühne: Franco Zeffirelli

Musikalische Leitung: Francesco Ivan Ciampa
Orchester, Chor, Tänzer(innen), Techniker der Fondazione Arena di Verona

Arena di Verona, 29. August 2025

Von Dr. Charles E. Ritterband

Ich gebe zu – es ist für mich keineswegs das erste Mal: Diese Carmen des Großmeisters Zeffirelli in der Arena habe ich schon mehrfach gesehen und ich bin jedes Mal wieder erneut hingerissen.

Diese Inszenierung – ein sehr wohltuender Kontrapunkt zu den effekthascherischen Lichteffekten in der neuen „Aida“ und erst recht in der weitgehend sinnentleerten „Nabucco“-Neuinszierung – ist meilenweit entfernt vom modischen „Regietheater“, ohne welches heutzutage viele Bühnen nicht auszukommen glauben.

Nicht zufällig ist Zeffirellis nunmehr genau dreißigjährige Inszenierung so vital wie am ersten Tag, und wenn mich nicht alles täuscht, in vielen Details sogar besser denn je: Was mich diesmal so sehr begeisterte, war die Personenführung der Statisten und Choristen. Da ist jede und jeder ein Akteur, der präzise seinen Part spielt; da sind Dutzende, ja vielleicht Hunderte von kleinen Nebenhandlungen auf dieser riesigen Bühne.

Carmen Fondazione Arena © Ennevi

Das ist das historische Sevilla wie man es sich vorstellt, mit seinem farbigen, dramatischen, animierten und witzigen Straßenleben, seinen Händlern, Dieben, Prostituierten, Soldaten, seinen Reit- und Zugtieren. Der erst vor sechs Jahren verstorbene  Zeffirelli war ein Universalgenie, Regisseur für Theater, Oper und in erster Linie Film – und das wird in dieser Carmen-Inszenierung sehr deutlich. Es ist ein dreidimensionaler Film mit wirklichen Personen und Bühnenbildern, der sich da gleichsam in Cinerama-Breitwand, aber real und dreidimensional vor dem Publikum abspielt. Man verfolgt die Handlung atemlos und weiß nie, wohin den Blick zuerst richten – die Gades-Flamencotänzer, die vielen Statisten von denen jeder sein eigenes kleines Theater aufführt, die Tiere, die Kostüme oder dann die Protagonisten und Stars.

Carmen Fondazione Arena © Ennevi

Die Carmen der Aigul Akhmetshina war geradezu anbetungswürdig: ein weicher, warmer Mezzo; schauspielerisch restlos überzeugend, begehrenswert und dominant, stets Mittelpunkt der Handlung ohne diese zu monopolisieren.

Carmen Fondazione Arena © Ennevi

Ihr Gegenpol die Micaëla von Mariangela Sicilia: gleichermaßen überzeugend, weiblich, melodisch und weich, perfekte Phrasierungen. Der musikalische Höhepunkt – ein Moment zum Niederknien war das Liebesduett im Schatten des Todes, letzter Akt, vor dem Hintergrund der Stierkampfarena Carmen-Escamillo. Das war perfekte Harmonie, einfach berührend. Giorgi Manoshvili, schon von der Statur her ein imposanter Mann, überzeugte mit einem maskulinen und doch weichen, warmen Bariton.

Eher schwach, obwohl mit mehr als höflichem Applaus bedacht, der Don José des Paolo Lardizzone. Seine Tenorstimme, ohne jeden tenoralen Schmalz wenngleich mit einigen beachtlichen Höhen, genügte den Anforderungen und Erwartungen dieser zentralen Rolle kaum. Irgendwie konnte man da verstehen, dass diese phänomenale Carmen den doch ziemlich mittelmäßigen Don José für den großartigen Escamillo fallen ließ.

Schlussapplaus © Dr. Charles E. Ritterband

Dass Paolo Lardizzone durch eine mehr als mangelhafte, ja stellenweise schlicht falsche Aussprache des Französischen negativ auffiel, tat ein Übriges. Eingehendes Sprach-Coaching wäre da dringend notwendig gewesen.

Dr. Charles E.  Ritterband, 29. August 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Besetzung:

Carmen: Aigul Akhmetshina
Micaëla: Mariangela Sicilia
Don José: Paolo Lardizzone
Escamillo: Giorgi Manoshvili

Georges Bizet, Carmen Arena di Verona, 8. August 2024

Georges Bizet, Carmen Arena di Verona Opera Festival, 24. August 2023

Georges Bizet, Carmen Arena di Verona, 27. August 2022

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