Daniels Anti-Klassiker 47: Gioachino Rossini – Wilhelm Tell Ouvertüre (1829)

Daniels Anti-Klassiker 47: Gioachino Rossini – Wilhelm Tell Ouvertüre (1829)

Höchste Zeit sich als Musikliebhaber einmal neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen.

Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der so genannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese teilweise sarkastische, teilweise brutal ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Die Erzählung von Wilhelm Tell – ein epischer Stoff über einen schicksalsgeplagten Helden und Vater, der durch schieres Geschick seinen Sohn retten und anschließend eine ganze Nation gegen die Habsburger einen und befreien kann. Es verwundert nicht, dass diese Geschichte mit historischem Bezug literarisch sowie auch musikalisch schnell aufgegriffen wurde. Und wer sonst, als Rossini selbst, hätte es vollbringen können, ein nachhaltig so fetziges und wirksames Stück daraus zu komponieren. Was die Bekanntheit dieses Werks – besonders der Ouvertüre – angeht, können ihm nur wenige andere Opern das Wasser reichen. Oder? Zeit, sich diese vermeintlich bahnbrechende Musik genauer anzuschauen…

Wilhelm Tell ist womöglich der berühmteste Schweizer Volksheld. Legendär ist sein Schuss aus der Armbrust, mit dem er dazu gezwungen wurde, einen Apfel vom Kopf seines Sohns zu schießen. Die diesem Helden zugrundeliegende Geschichte wird auf 1307 datiert. Seitdem schafften es zahlreiche Adaptionen und Nacherzählungen – unter anderem von Aegidius Tschudi, Petermann Etterlin und Friedrich Schiller – in das kulturelle Gedächtnis. Tell gilt seit dem 19. Jahrhundert sogar als Nationalheld der Schweiz. Es ist also kein Wunder, dass seine Taten auch Rossini inspirierten.

Für seine Oper berief der Italiener sich insbesondere auf die – zu dem Zeitpunkt bereits äußert bekannte – Schauspielvorlage von Schiller. Zur Besseren Darstellbarkeit auf der Bühne reduzierte Rossini allerdings die Protagonisten von 42 auf 11 und legte auch mehr Wert auf Szenen, die das Libretto tragen konnten. Zentral ist auch hier der durch Tell und den Schweizer Arnold getragene Freiheitskampf inklusive der berühmten Schuss-Szene im dritten Satz und glücklichem Ende für die Eidgenossen.

Rossinis Opernfassung stellt dabei einen Wendepunkt für ihn als Komponisten dar. Sie ist – trotz damaligem Alter von 36 Jahren – seine letzte vollendete Oper. Dazu sollte man meinen, dass der in ihr verarbeitete Stoff so episch ist, dass sie einen besonderen Platz an den Opernhäusern einnehmen müsste. Tatsächlich aber unterlag sie wegen ihres politischen Gehalts starker Zensur – in England, Warschau, Sankt Petersburg und Rom wurde sie beispielsweise nur mit verändertem Titel und/oder Libretto aufgeführt. Die Folge – eine gewisse Ächtung dieses Werks bis heute.

Nun ist diese Oper keine Unbekannte an den Schauspielhäusern Europas, wenn nicht sogar weltweit. Doch man erlebt sie seltener, als beispielsweise Mozarts Zauberflöte, den ein oder anderen Epos von Wagner oder Richard Strauss oder auch die (letzte Woche behandelte) „La traviata“ von Verdi. Generell scheint es nicht übertrieben zu behaupten, dass Rossinis letzte Oper ihre Berühmtheit vor allem aus einem Teil gewinnt: Ihrer Ouvertüre.

Dieser Part sticht bereits durch seinen erzählenden Charakter und dadurch, dass sie der Oper wesentliche Handlungsstränge vorweg nimmt, heraus. In Form der „Wilhelm Tell-Ouvertüre“ erlebt sie auch häufige konzertante Aufführungen. Bereits das Englischhornsolo in ihr gehört zu den bekanntesten Melodien, getoppt wird es noch durch Wilhelm Tells Ritt, den man wohl als bekannteste Reitermusik der bisherigen Musikgeschichte beschreiben kann. Unvergessen ist das Fanfarensignal, auf das die Streicher mit wilden Rhythmen und begleitet von feurigen Bläsereinwürfen das Galopp von dem Pferd nachzeichnen, auf dem der Held der Geschichte dem Kampf entgegeneilt. Ruppige Staccati, stampfendes Blech und Schlagwerk, fliehende Holzbläser… malerischer hätte diese Musik nicht sein können.

In diesem malerischen Charakter zeigen sich Stärke und Schwäche dieses Werks zugleich. Rossinis Musik ist so stark pointiert, dass sie je nach Aufführungscharakter zur Überzeichnung und damit Karikatur ihrer selbst neigt. Musikalisch durch schnelles Tempo und die starke rhythmische Konnotation das ausdauernde Galopp zu Pferd nachzuzeichnen, ist ja auch ein Schritt, der sich anbietet. Und wird die Musik dadurch schlecht? Ich möchte eher das Gegenteil behaupten, denn ich empfinde sie als prägnant und zum Beschreiben der hier dargestellten Umstände besonders passend.

Leider aber ist ihr Ausdruck zu prägnant. Durch den daraus gewonnenen Ohrwurmcharakter wird sie nämlich zur idealen Begleitmusik für ähnlich gelagerte Szenen. Und so kommt es, dass Rossinis musikalische Reittriaden eben nicht mehr nur in der Oper oder im Konzertsaal selbst zu finden sind. Genauso, wie seine Figaro-Arie ist der Wilhelm Tell zu einer der beliebtesten Musiken in Film, Fernsehen und Werbung geworden, im Sinne der Vermarktung mag man sie fast als „gefundenes Fressen“ bezeichnen:

 

Das beginnt bereits beim Cartoon: Mickey Maus, Animaniacs, Looney Toones, Die Schlümpfe, SpongeBob Schwammkopf – alle haben Wilhelm Tell schon gehabt und mal mehr, mal weniger durch den Kakao gezogen. Überhaupt erlebt diese Ouvertüre auf dem Bildschirm einen richtigen Siegeszug: Egal, ob in weltbekannten Serien, wie Scrubs oder Simpsons, in Kinoproduktionen, wie „Good Bye, Lenin!“ oder „Clockwork Orange“… Rossinis Musik scheint allgegenwärtig. Auf imdb erreicht diese Ouvertüre in der Kategorie Soundtrack sage und schreibe über 500 Referenzen und liegt damit sogar noch vor Beethoven.

Warum auch nicht? Ob als Untermalung schneller, hektischer Handlungen, als Parodie auf Zeitraffer, als Hommage an (zu kurze?) Sexszenen oder zum komödiantischen Bruch: Diese Musik ist so herrlich eingängig und überzeichnet. Das wusste schon Walt Disney:

 

Und auch in der Werbung ist Rossinis Wilhelm Tell kein unbeschriebenes Blatt. Im Gegenteil, je öfter sie verwendet wird, desto lächerlicher erscheint sie mittlerweile. Der Ausdruck des Überhasteten ist in dieser Komposition ja auch so markant, dass sie bereits wie ein weltweites Symbol funktioniert. Selbst Kleinkinder dürften die Musik bereits auswendig kennen – ohne die Oper oder wenigstens Rossinis Namen überhaupt jemals gehört zu haben…

 

Es hat nicht den Anschein, als würde sich die weltbekannteste Reitermusik aus der Feder Rossinis erschöpfen. Ihr Wiedererkennungswert zusammen mit ihrer Ausdruckskraft ist schließlich auch nicht zu leugnen. Wenigstens kann man feststellen, dass der Kontext ihrer Verwendung stets ähnlich ist, was man zum Beispielen von Schuberts „Ave Maria“ nicht mehr behaupten kann. Rossinis Musik ist eher ein Beispiel marketingorientierter Verhöhnung und (Aus)nutzung von Musik. Es funktioniert insofern, als dass es diese Musik in ihrer Ausdruckskraft bestätigt. Beginnt sie dadurch zu nerven? Mich auf jeden Fall! Und was ich schade finde: Ihr Ursprung – die Oper um Wilhelm Tell, die Romanvorlage von Schiller, ja sogar der Titel – geht dabei verloren. Dieser Verlust müsste nun wirklich nicht sein.

Daniel Janz, 21. Januar 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Daniel Janz, Jahrgang 1987, Autor, Musikkritiker und Komponist, studiert Musikwissenschaft im Master. Klassische Musik war schon früh wichtig für den Sohn eines Berliner Organisten und einer niederländischen Pianistin. Trotz Klavierunterricht inklusive Eigenkompositionen entschied er sich gegen eine Musikerkarriere und begann ein Studium der Nanotechnologie, später Chemie, bis es ihn schließlich zur Musikwissenschaft zog. Begleitet von privatem Kompositionsunterricht schrieb er 2020 seinen Bachelor über Heldenfiguren bei Richard Strauss. Seitdem forscht er zum Thema Musik und Emotionen und setzt sich als Studienganggutachter aktiv für Lehrangebot und -qualität ein. Seine erste Musikkritik verfasste er 2017 für Klassik-begeistert. Mit Fokus auf Köln kann er inzwischen auch auf musikjournalistische Arbeit in Österreich, Russland und den Niederlanden sowie Studienarbeiten und Orchesteraufenthalte in Belgien zurückblicken. Seinen Vorbildern Strauss und Mahler folgend fragt er am liebsten, wann Musik ihre angestrebte Wirkung und einen klaren Ausdruck erzielt.

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