Alles ist Spaß in Freiburg: Das Theater startet mit Verdis "Falstaff" in die Spielzeit

Giuseppe Verdi, Falstaff, Theater Freiburg, 28. September 2019

Foto: © Paul Leclaire

Theater Freiburg
Samstag, 28.09.2019

Giuseppe Verdi, Falstaff

von Leah Biebert

Am Anfang herrscht Stille. Auf der Bühne eine Schrankwand aus Holz, ein Esstisch in derselben Farbe, dazu passende Stühle. Eine beige Stehlampe, Sessel mit karierten Polstern. Vor der Retro-Tapete ein Bügelbrett: Eine Haushälterin ist bei der Arbeit. „Sind wir im richtigen Stück?“, raunt es durchs Publikum. Dann kracht Falstaff aus der Abstellkammer und das Orchester braust los.

Für die Spielzeiteröffnung wählt das Theater Freiburg in diesem Jahr Giuseppe Verdis Falstaff, die letzte Oper des Italieners, der sich lieber als „Theatermann“ statt als „Komponist“ bezeichnete. Das Libretto von Arrigo Boito basiert auf William Shakespeares Die lustigen Weiber von Windsor. Das, was bei Boito Gasthaus, Garten und der Park von Windsor ist, verschmilzt unter der Regie von Anna-Sophie Mahler zu einer Wohnung der 1960er Jahre.

Sir John Falstaff ist wohlbeleibt, rauf- und trinksüchtig und vor allem eines: pleite. In der Hoffnung auf finanzielle Unterstützung schreibt er zwei gleichlautende Liebesbriefe an Mrs. Alice Ford und Mrs. Meg Page. Juan Orozco (Bariton) verleiht dem exzentrischen Protagonisten ein imposantes Auftreten. Mit offenem Hemd, in Cowboystiefeln und Leopardenweste besingt er, begleitet von majestätischen Bläsern, selbstgefällig seinen Bauch und seinen Wohlstand. Mit seiner dröhnenden Stimme sticht Orozco auf überragende Weise aus dem Ensemble hervor.

Foto: © Paul Leclaire

Die Oper von Verdi ist eine komische und so balgen sich Falstaffs Handlanger Pistola (Rossen Krastev) und Bardolfo (Junbum Lee) nach Herzenslust, kugeln sich über die Tische, bewerfen einander mit Obst. Ein Stuhl zerbricht. Ein feuriger Wirbel bricht im Orchester los, als Falstaff die beiden hinauswirft.

Die Frauen sitzen derweil beim Kaffeekränzchen. Doch nicht für lang: Alice (Irina Jae-Eun Park) und Meg (Inga Schäfer) kommen Falstaff auf die Schliche. Schon bald zwitschert die Querflöte flink: Sie imitiert das aufgeregte Geschnatter der Damen, die angriffslustig einen Racheplan schmieden. Sie wollen Falstaff seine Dreistigkeit heimzahlen. Aufgeregt werfen sie dem Abwesenden Schimpfwörter an den Kopf – „Rindvieh! Speckberg!“ –, dazu fliegen Schlüpfer durch die Luft. Ihr Plan: Falstaff zu einem vermeintlichen Rendezvous bestellen und ihm der Lächerlichkeit preisgeben.

Foto: © Paul Leclaire

Mit von der Partie sind Alices Tochter Nannetta (Samantha Gaul) und Mrs. Quickly (Anja Jung), die in Mahlers Version nicht mehr nur Freundin der Frauen, sondern ihre Haushälterin ist. Das Vierergespann dieser so unterschiedlichen Damen harmoniert wunderbar. Irina Jae-Eun Park (Sopran) schwört die Frauen auf die Komödie ein, ihr Gesang ist voll und melodiös. Sie wird flankiert von Gaul und Schäfer, wie Cheerleader tanzen sie an ihrer Seite, die bunten Schlüpfer sind ihre Pompons. Samantha Gaul wiederum überstrahlt mit klarem Sopran beinahe ihren Mitspieler Joshua Kohl (Tenor), der Nannettas Liebhaber Fenton mimt.

Im Zusammenspiel mit dem Orchester setzt die Regie vor allem auf den Effekt des „Mickey Mousing“, der Dopplung von Musik und Handlung, was wunderbar zur Komik des Stücks beiträgt. Banknoten flirren durch die Luft, die Triangel klingelt hell, als Alices Mann Ford (Martin Berner), verkleidet als Herr Fontana, Falstaff Geld bietet. Vermeintlich von Alice abgewiesen bittet Fontana ihn, sich ihrer zu bemächtigen, um ihre Prüderie zu brechen und so Fontanas eigene Chancen zu verbessern. Auf diese Weise will Ford die Treue seiner Gattin auf die Probe stellen.

Doch die Frauen behalten die Oberhand. Wie sie ist auch das Orchester lebhaft und aufmüpfig. Als der eifersüchtige Ford das Haus stürmt, um Falstaff zu lynchen, versteckt sich dieser in der schmutzigen Wäsche. Die Frauen täuschen Unschuld vor – und entsorgen unter triumphalem Bläserklang den Schurken kurzerhand in die Themse. Er kehrt zurück, nur um erneut attackiert, gequält und gepiesackt zu werden. Falstaff wird mit Wäsche beworfen, überhäuft, gestopft und zum kreisenden Motiv der Streicher von den Männern Fords bedrohlich umzingelt. Zu den „Pizzica!“-Rufen der Damen klimpert aufsässig die Triangel. Boitos „Kobolde“ tragen bunte Feinrippunterwäsche und Boxershorts, die „Feen“ farbenfrohe Tweedkostüme.

Es gibt ein großes Geraufe, doch der Spuk ist schnell vorbei: Zu seinem großen Entsetzen verheiratet Ford seine Tochter versehentlich mit ihrem Liebhaber Fenton statt mit Doktor Cajus und Falstaff wird zur Hochzeit geladen. Nach und nach stimmen alle in die Schlussfuge ein, sie entwickelt sich zu einem mitreißenden Spektakel: „Alles ist Spaß auf Erden, der Mensch als Narr geboren“. Das gewaltige Ende der Oper läutet gleichzeitig die neue Spielzeit des Theaters Freiburg ein, mit einem Triumph der Frauen sowohl auf als auch hinter der Bühne. Anna-Sophie Mahlers sorgfältige Regie, die Lebendigkeit des Philharmonischen Orchesters und die eindrucksvolle Gestaltung der Figuren durch ihre Darsteller bringen den Zuschauern einen rasanten wie vergnüglichen Abend und legen den Maßstab für die kommende Saison hoch.

Leah Biebert, 29. September 2019, für
klassik-begeistert.de

Juan Orozco Sir John Falstaff
Martin Berner Ford
Joshua Kohl Fenton
Roberto Gionfriddo Doktor Cajus
Junbum Lee Bardolfo
Rossen Krastev Pistola
Irina Jae-Eun Park Alice Ford
Samantha Gaul Nannetta
Anja Jung Quickly
Inga Schäfer Meg Page

Philharmonisches Orchester Freiburg
Opernchor des Theater Freiburg
Fabrice Bollon Musikalische Leitung
Anna-Sophie Mahler Regie

Ein Gedanke zu „Giuseppe Verdi, Falstaff,
Theater Freiburg, 28. September 2019“

  1. Mucha alegría me da que mi queridísimo amigo y compañero de andanzas en México lleve el papel del personaje central de la ÓPERA;
    Juanito Orozco es FALSTAFF. Orgulloso me siento de ello.
    Manuel Yrizar

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.