"Meine Stimme ist wie das Meer, auf jeden Fall nicht langweilig"

Großes Interview mit Sorin Coliban,  Wiener Staatsoper

Foto:  Alexander Zaforek (c)
Der rumänische Bass und Bassbariton Sorin Coliban ist seit neun Jahren als Ensemblemitglied eine feste Größe an der Wiener Staatsoper. Gerade brillierte er als Riese Fafner in „Das Rheingold“ von Richard Wagner. Coliban betrachtet das Haus am Ring als sein Zuhause und freut sich im großen Interview mit klassik-begeistert.de auf Rollen wie Boris Godunow und Hagen.

klassik-begeistert.de: Herr Coliban, Sie gehören als Bass und Bassbariton seit neun Jahren zum Ensemble eines der bedeutendsten Opernhäuser der Welt, der Wiener Staatsoper. Ist das Haus am Ring Ihre Erfüllung, oder wollen Sie auch noch einmal an anderen namhaften Häusern singen, so wie vor Ihrem Ruf nach Wien?

Sorin Coliban: Ich fühle mich an der Wiener Staatsoper sehr wohl, das Haus am Ring ist in gewisser Weise zu meinem zu Hause geworden. Ich habe auch während meiner Zeit an der Staatsoper an wichtigen Häusern und bei namhaften Festspielen gastiert – und das möchte ich weiterhin auch sehr gerne.

Was schätzen Sie besonders an der Wiener Staatsoper?

Sorin Coliban: Die Professionalität von allen Kollegen und Mitarbeitern rund um den Opernbetrieb.

Sie kennen das Haus am Ring ja wie wenige andere: Was würden Sie an der Wiener Staatsoper ändern, wenn Sie der Direktor wären?

Sorin Coliban: Das ist eine gute Frage, aber ich denke, ich fühle mich derzeit als Sänger auf der Bühne wohler als in der Position eines Direktors (lacht).

Ich bin regelmäßiger Gast in der Wiener Staatsoper und bin immer wieder schockiert über das schlechte und laute Benehmen vieler Zuschauer während der Vorführung. Bekommen Sie von dem Geschnatter, dem Gequassel, dem Gehuste und den Fotoaufnahmen auf der Bühne etwas mit?

Sorin Coliban: Manchmal schon, oft wird man auch vom Blitz auf der Bühne geblendet. Ich bin aber so konzentriert auf meine Partie und die Regie und bekomme meist gar nichts mit.

Auf welche Rollen-Highlights freuen Sie sich in dieser Saison noch am meisten? Und gibt es schon Pläne für die Spielzeit 2018/19?

Sorin Coliban: Ich freue mich auf mein Rollendebüt als Abimelech in „Samson & Dalila“ von Camille Saint-Saëns an der Seite von Elina Garanca, Roberto Alagna und Carlos Alvarez, auch auf Ramphis in Giuseppe Verdis „Aida“ und Angelotti in Giacomo Puccinis „Tosca“. Die Pläne für die Spielzeit 2018/2019 werden erst am 19. April bekannt gegeben, daher darf ich noch keine Auskunft geben.

Sie haben 93 Bass- und Baritonpartien im Repertoire. Werden wir Sie einmal als Gurnemanz in Richard Wagners letzter Oper „Parsifal“hören? Oder als Mephistopheles im „Faust“ von Charles Gounod. Oder vielleicht auch als Baron Ochs im „Rosenkavalier“ von Richard Strauss?

Sorin Coliban: Gurnemanz habe ich bereits begonnen zu studieren –ich hoffe, die Möglichkeit kommt bald diese Partie zu singen, da diese wunderbare Rolle gut zu meiner Stimme passt. Von Mephistopheles habe ich bislang wie viele andere Kollegen auch nur Arien und Stücke in Konzerten gesungen. Den Baron Ochs werde ich eher auslassen: Richard Strauss hat so wunderbare Basspartien geschrieben, zum Beispiel würde Peneios in „Daphne“ viel besser zu meiner Stimme passen.

Ich habe Sie schon oft in Wien gehört und 2014 auch bei den Festspielen in Bayreuth als Fafner in Richards Wagners „Das Rheingold“ und „Siegfried“. Da waren Sie wirklich Extraklasse! Werden Sie bald wieder in Bayreuth singen, nachdem Sie seit 2015 nicht mehr auf dem Grünen Hügel aufgetreten sind?

Sorin Coliban: Ich habe meine Zeit in Bayreuth sehr genossen, und es war wirklich ein Höhepunkt meiner bisherigen Karriere. Ich würde mich sehr freuen, wenn Katharina Wagner mich wieder für eine Partie einladen würde. Es hat mich sehr gefreut, der erste männliche rumänische Sänger zu sein, der seit dem 19. Jahrhundert auf dem Grünen Hügel gesungen hat – der erste war Dimitrie Popovic.

Sie sind in der rumänischen Hauptstadt Bukarest geboren. Wie fühlen Sie sich da in der Donaumetropole Wien unter den Wienern und den vielen Touristen?

Sorin Coliban: Ich fühle mich in dieser wundervollen Stadt sehr wohl, ich habe hier mein privates als auch berufliches Glück gefunden.

Was hat Ihre Leidenschaft für Oper entfacht?

Sorin Coliban: Mit sechs Jahren habe ich mit meiner Mutter das erste Mal Richard Wagners „Die Walküre“ in der Oper Bukarest gesehen. Ich wollte ab diesem Zeitpunkt auf die Bühne, hatte aber zuerst eine Schauspielerkarriere vor Augen. Mit 12 Jahren hat mir mein Vater zwei Komplettaufnahmen von Verdis „La Traviata“ und „Rigoletto“ auf LP geschenkt, da war für mich der Beruf des Opernsängers klar. Ich habe ab diesem Zeitpunkt nur mehr dieses Ziel vor Augen gehabt und ständig studiert und gelernt.

Wie sind Sie zum Singen gekommen?

Sorin Coliban: Ich habe als Kind eigentlich die ganze Zeit vor mich hin gesungen. Mit etwa 12 Jahren kam ich durch einen Schulwechsel zu einem Musiklehrer, der damals einen der bekanntesten Kinderchöre Rumäniens geleitet hat. Ich wurde zu einer Vorstellung dieses Chors „Voces Primaverae“ eingeladen, und wollte von da an in diesem Chor singen. Bei einem Vorsingen hat mich der Musiklehrer entdeckt und in diesem besagten Chor aufgenommen. Damals konnte ich noch keine Noten lesen, das habe ich mir später im Eigenstudium am Klavier beigebracht.

Was für Erfahrungen haben Sie mit diesem renommierten Chor gemacht?

Sorin Coliban: Ich habe in diesem Chor drei Produktionen einer Kinderoper an der Oper Bukarest gesungen, und einmal in „Carmen“ von Georges Bizet.

Wie war Ihre weitere musikalische Entwicklung in der Jugend?

Sorin Coliban: Ich habe mit 13 Jahren ein Klavier bekommen, das hat mein Vater in einer verwahrlosten Garage gefunden und reparieren lassen. Mit 16 Jahren habe ich professionellen Gesangsunterricht von einer Opernsängerin bekommen – ab da wollte ich nur noch auf die Bühne.

Sie haben ihre Gesangskarriere auch dem Ende der Diktatur unter Nicolae Ceaușescu zu verdanken…

Sorin Coliban: In Rumänien war es unter der Diktatur von Ceaușescu gesetzlich nicht erlaubt an der Musikakademie direkt nach der Matura zu studieren – der Zugang war nur für „privilegierte“ Studierende vorgesehen, es gab auch nur drei Ausbildungsplätze für Männer und Frauen. Zur Auswahl standen mir damals nur ein zweijähriger Militärdienst oder ein Studium der Architektur, für das ich mich dann entschied. Nach dem Ende der Diktatur Ceaușescus war der Weg zum Studium an der Musikakademie endlich frei.

An der Musikakademie in Bukarest haben Sie Gesang von 1990 bis 1995 bei Professorin Maria Slatinaru und Professor Dorin Teodorescu, damaliger Direktor der Operette Bukarest, studiert und sind Meisterschüler der bekannten rumänischen Sopranistin Ileana Cotrubas. Sicher eine sehr prägende Erfahrung…

Sorin Coliban: … Maria Slatinaru war ein großer dramatischer Sopran und hat mir alle Grundlagen der Stimmbildung näher gebracht. Dorin Teodorescu hat mir mein technisches Grundwissen vermittelt. Mein wichtigster Professor an der Akademie war aber zweifellos Iulian Baiasu, dem ich bis heute sehr viel verdanke. Die wichtigste Lehrerin hatte ich aber erst nach der Musikakademie, als ich schon in Engagements war: Professorin Georgeta Balan. Durch sie habe ich erst erfahren, was Technik ist und wie man eine Stimme zu Höchstleistungen bringen kann. Ich hatte auch nach meiner Ausbildung in Bukarest, als ich bereits Bühnenerfahrung hatte, das große Privileg, mit der Kammersängerin Ileana Cotrubas zwei Meisterklassen zu absolvieren.

Sie haben von Sarastro aus Wolfgang Amadeus Mozarts „Zauberflöte“ über Sparafucile in Giuseppe Verdis „Rigoletto“ oder Ramphis in „Aida“ bis zu Fasolt und Fafner in Richard Wagners „Das Rheingold“ sehr viele wichtige Bass-Partien gesungen. Welche Rollen möchten Sie gerne noch unbedingt singen?

Sorin Coliban: Boris Godunow,  Modest Mussorgskis gleichnamige Oper war immer schon ein Traum von mir – als ich die Aufnahme vom Bolschoi-Theater in Moskau gehört habe, wusste ich, diese Partie möchte ich einmal singen. Richard Wagner passt, denke ich, auch sehr zu meiner Stimme – gerade die Partie des Hagen in der „Götterdämmerung“ ist jetzt gut für mich, denn alle bekannten Sänger, die später Hagen gesungen haben, haben mit Fafner angefangen. Ich kann mir aber auch sehr gut Donizetti- und Rossini-Opern vorstellen, Assur in „Semiramide“ würde mich doch sehr reizen.

Wie würden Sie einem Menschen, der Sie noch nie gehört hat, Ihre Stimme beschreiben?

Sorin Coliban: Meine Stimme ist mit dem Meer zu vergleichen. Sie kann sehr groß und eindrucksvoll sein, aber auch sehr zart und fein. Sie hat Tiefen und Höhen und verschiedene Farben. Sie kann sehr hart und böse sein, und im Gegenzug sehr lieblich und umschmeichelnd – so wie das Meer, auf jeden Fall nicht langweilig.

Haben Sie musikalische Vorbilder?

Sorin Coliban: Jose van Dam, Ruggero Raimondi und Dietrich Fischer-Dieskau.

Was macht für Sie einen guten Sänger aus?

Sorin Coliban: Nicht so sehr die Schönheit der Stimme, eher die technische Perfektion und die perfekte Sprachbeherrschung und nicht zuletzt die schauspielerischen Qualitäten.

Was sind für Sie die größten Opernstimmen der Gegenwart?

Sorin Coliban: Elina Garanca und Anna Netrebko.

Wie groß ist der Konkurrenzdruck heute unter den jungen Sängerinnen und Sängern? Ist es heute schwerer eine Karriere zu starten als noch vor 20 Jahren?

Sorin Coliban: Natürlich, vor 20 Jahren gab es noch nicht so viele Sänger wie heute.

Sie haben auch neben Anna Netrebko gesungen. Wie war die Zusammenarbeit mit dieser Ausnahmesängerin?

Sorin Coliban: Ich kenne Anna Netrebko bereits seit 1996. Wir haben gemeinsam in Rotterdam, Amsterdam und London „Benvenuto Cellini“ von Hector Berlioz gesungen unter der Leitung von Valery Gergiev. Sie war Theresa und ich Bernardino. Wir hatten auch abseits der Bühne eine schöne Zeit, Anna hat sogar einmal für mich gekocht – in Rotterdam in ihrem Appartment. Sie ist ein so herzlicher und liebevoller Mensch und auch eine wahnsinnig professionelle Bühnenpartnerin. Dank Direktor Dominique Meyer haben wir im April 2013 im „Eugen Onegin“ an der Wiener Staatsoper gesungen. Ich habe Fürst Gremin gesungen und sie Tatjana und mit uns der leider bereits zu früh verstorbene große Bariton Dmitri Hvorostovsky. Ein Abend den ich nie vergessen werde!

Das Interview führte Andreas Schmidt für
klassik-begeistert.de

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