Haralds Passionen VI: Shakespeare auf Russisch

Haralds Passionen VI: Shakespeare auf Russisch  klassik-begeistert.de 12. Juli 2022

„Russen, die ich liebe!“

 von Harald Nicolas Stazol

Der Tanz der Schwerter – wer würde, meinen 14-jährigen Ziehsohn Vince einbeziehend, bei so einer Headline nicht hineingezogen werden? Nun, Sergej Prokofjev schenkt es uns in Romeo und Julia: 

Im Marynski 1988 werfen die purpurnen Ritter Brokatkissen im Takte der schon ekstatisch zu nennenden Streicher, Ta-tata-ta-ta-Ta-TAA-Taa stilbildend, – bei Nurejew schwingt man fast gefährlich die Säbel, in einer anderen werfen sie Seidenkissen unter die Knie im Fallen. Und dem aufscheinenden Menuett der alten Capulets stehen jene Spalier, schon dort ist Ästhetizismus alter Schule, zutiefst russisch, möchte man sagen, ein Hof legt Ehre ein, “nothing succeeds like Excess” sagt Maggie Smith als Dowager Duchess of Grantham in Downton Abbey, als man versucht mit prächtiger Tafel das Geld von Shirley McLaine einzuheimsen – nun, in dieser Inszenierung spielt Geld keine Rolle.

Es beginnt mit dem ersten Bild, dem florentinischen Hof, ein Reiterstandbild, um das im fahl-blauen Morgenlichte die Erinnyen herumfliehen, und -fließen, und der Fürst die Todesstrafe verhängt für Kämpfe und Händel aller Art auf Straßen und Plätzen. (Händel: Streitereien, nicht Georg Friedrich).

Zum Glück aber ist das Mercutio und Prokofjev und Nurejew schließlich völlig egal, denn sonst säße man ja jetzt einfach im Dunkeln, und nichts würde mehr passieren. Tut es aber, und wie!

Schon eingangs gibt Prokofjev alles, Nurejew muss nur die losen Enden aufnehmen und mancherorts neu zusammenweben, hier nur wickelnd, hier krachend in Form bringend, und ein phantastischer Renaissancehof steht uns vor staunenden Augen…

Die Farbgebung des Ganzen, fast immer in dunklem Karmesin, purpurne, blau und Smaragd gehalten, ist derart ungewohnt für unsere neonfarben-schmerzenden Augen, etwa vergleichbar den Bauernaugen der Gotik, die wunderbare Farben nur außerhalb ihrer grauenvollen, immerwährende Gräue, in den Kirchenfenstern der Kathedralen sehen können – „Warum baut ganz Europa plötzlich Kathedralen?“, fragen Egon Friedell in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ und E.H. Gombrich in „Der Geschichte der Kunst“ fast gleichzeitig.

Nun fügt es sich, dass ich jene Inszenierung des Romeos und Juliens aus Paris als bewegtes Tableau auf meinem Großbildschirm laufen lasse, zuletzt am 49. Geburtstag, an dem Marit Hofmann, die Kulturchefin der KONKRET, selbst Balletteuse, mir nicht glauben will, dass darin ein Pas-de-deux zweier Männer.

Doch, es gibt ihn. Quod erat demonstrandum – was zu beweisen war.

Prinz Paris in Paris, so etwas muss man erst einmal finden, und so ist der junge Prinz als Wunschkandidat für dieses so zaubervolle Stage Setting, die bezaubernde Julia, grazil und aristokratisch zugleich, leichtfüßig in weißem Brokat.

Es gibt eine Suite von Sergej Prokofjev, die Traum heißt, und die seinen Sensualismus eindringlich-früh dokumentiert. Es ist eine Art Reise in die Freiheit, schwebend, zeitlos, und wohl seiner wie unserer politischen Realität lichtjahrweit enthoben.

Warum er aber diesen Gedanken  fortführt in Romeo und Julia, davon wird der siebente Teil handeln, mit einem Aufscheinen – endlich! – der Ballets Russes, versprochen!

Harald Nicolas Stazol, 12. Juli 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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