Hilary Hahn © Dana van Leeuwen
7. Premieren-Abonnementkonzert „Mozart der Extraklasse“
Wolfgang Amadeus Mozart Ouvertüre zu „Don Giovanni“ KV 527
Max Bruch Violinkonzert Nr. 1 g-Moll op. 26
Aziza Sadikova „Labyrinthe du Temps“ – Konzert für Violine, Akkordeon und Orchester
Robert Schumann Sinfonie Nr. 4 d-Moll op. 120
Hilary Hahn Violine
Geir Draugsvoll Akkordeon
Omer Meir Wellber Dirigent
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Bremer Konzerthaus Die Glocke, Großer Saal, 5. November 2026
von Dr. Gerd Klingeberg
Zwei heftig donnernde Orchestertutti, dann ein unmittelbarer Wechsel zu zurückhaltend düsteren Klängen: Mozarts Ouvertüre zu Don Giovanni bietet sich mit ihren markanten Gegensätzen bestens an als optimales Warm-up und idealer Opener für einen an dynamischen wie auch stilistischen Kontrasten geradezu überreichen Konzertabend der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, die diesmal unter dem energischen Dirigat von Omer Meir Wellber agiert. Im steten Hin und Her, zwischen luftiger Leichtigkeit, dann abrupt umschaltend auf den geballten Einsatz aller Instrumente zwecks erfolgreicher Erzielung maximaler Lautstärke, rauscht das Werk wie ein ungestümer Wirbelwind vorbei. Ob man als Zuhörender will oder nicht: Derart viel Action macht den Kopf frei.
Doch das war dann auch schon (zumindest fast) alles in Sachen Mozart. Denn überraschend wurde anstelle dessen ursprünglich vorgesehenem Violinkonzert Nr. 5 das Violinkonzert Nr. 1 von Max Bruch aufs Programm gesetzt. Kein schlechter Tausch – im Gegenteil! Mit diesem romantischen Sahnestück konnte man schon immer bestens beim Publikum punkten. Vor allem, wenn dabei auch noch eine Weltklasse-Violinistin wie Hilary Hahn aufspielt. Allein schon ihr gefühlvoll gestrichener Einsatzton auf der leeren G-Saite beim Prélude ist von ungeheurer Intensität. Und dann überzeugt sie auf ganzer Linie mit einer gleichermaßen energischen wie ausdrucksvollen Interpretation und klaren, tragfähigen Tönen von bezaubernder Klangfarbigkeit. Das Orchester hält in den Pausen der Solostimme mit Macht dagegen, wird aber zum Satzende tatsächlich ganz zahm, um so zäsurlos sanft fließend den Übergang zum Mittelsatz Adagio einzuleiten.

Bruch: ohne Schwulst, aber zutiefst berührend vorgetragen
Es ist der wohl mit Abstand berühmteste und zweifellos beliebteste Teil von Bruchs Komposition, nämlich Romantik in Vollendung, und gerne auch mal mit viel Schwulst vorgetragen. Nicht so bei Hilary Hahn: Sie spielt ihren Part einfühlsam schlicht, mit glasklarem Ton und subtiler Akzentuierung, ein zutiefst ruhiges Legato vom Feinsten, niemals auch nur ansatzweise schmalzig, aber genau deswegen so ungemein berührend.

Der Start ins finale Allegro energico erfolgt sichtlich vehement seitens Orchester und Solistin. Hahn demonstriert ihre herausragende spieltechnische Virtuosität, nimmt auch rasante Figurationen mit absoluter Leichtigkeit, auch als Wellber das Tempo bis hin zum mächtig knallenden Tusch-Aus gehörig akzeleriert. Mehr geht nicht an ungarisch gefärbter, mitreißender Ausgelassenheit, so wie man sie sonst etwa von Brahms und Dvořák kennt.
Aber Hilary Hahn kann auch ganz anders: Nach tosendem Beifall legt sie als Zugabe eine unaufgeregt dezente, schlanktönig gestrichene, aber durchweg sehr differenziert gestaltete und zu Herzen gehende Version der wunderschönen Sarabande (Nr. 3) aus Johann Sebastian Bachs Solo-Partita Nr. 2 nach.
Weltuntergangsszenario im Fortissimo
„Labyrinthe du Temps“, eine ganz neues Opus für Violine, Akkordeon und Orchester (eine Auftragskomposition der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen) der aus Usbekistan stammenden Komponistin Aziza Sadikova, soll so etwas wie eine „konzertante Zeitreise“ vermitteln. Anfangs dominiert die Solovioline in einem mehr oder weniger angeregten Disput mit dem Knopfakkordeon. Mitunter scheinen sich bekannte Motivfetzen zu entwickeln, werden aber von urplötzlich einsetzendem, bis ins Martialische gesteigertem Orchestergetöse abgelöst. Das ganze Werk strotzt geradezu vor Energie, auch wenn beispielsweise merkwürdig sirrende Flageolettpassagen ein kurzes Innehalten ermöglichen. Aus diversen dramaturgischen Effekten entsteht schließlich ein geradezu apokalyptisches Fortissimo-Weltuntergangsszenario, das die gebannten, vielleicht teils auch etwas irritierten Zuhörer erst nach einem letzten Donnerschlag aufatmen lässt.
Schumanns Vierte als grandioses Event
Schließlich noch Schumanns Vierte. Ohne Partitur, dabei hochgradig agil und mit großem Körpereinsatz dirigierend, macht Wellmer daraus ein grandioses Event; die Instrumentalisten legen sich mit sichtbarer Begeisterung ins Zeug. Die üppigen Klangballungen erinnern frühlingssinfonisch an das schier unaufhaltsame Aufbrechen neuen Lebens.

Die beethoveneske emphatische Spielweise wird nur wenig zurückgenommen bei der Romanze (2. Satz), auch das Scherzo (Satz 3) kommt recht robust; das Trio hätte indes gerne etwas sensibler ausfallen können. Leise, geheimnisvoll anmutende Klänge markieren dann aber den unmittelbaren Übergang in den Finalsatz. Dessen äußerst stark ausgeprägte dynamische Steigerung vollzieht sich wie ein überwältigender Sonnenaufgang, ein aus gerade noch wahrnehmbarer Morgendämmerung entstehendes, dann mehr und mehr gleißend alles überstrahlendes Licht. Der sich langsam andeutende sinfonische Schlusssprint ist nur kurzfristig unterbrochen von kurzen Momenten zur Aufnahme neuer Energien, gipfelt dann in einem wiederum gigantischen finalen Orchestertutti-Rundumschlag.

Ungeachtet dieser gewiss kräftezehrenden, mit ungebremstem Eifer auf die Bühne gebrachten pickepackevollen Programmabfolge lassen es sich die Ausführenden nicht nehmen, sich wie gewohnt mit einer Zugabe zu verabschieden. Diesmal ist es ein absolutes Kontrastprogramm, nämlich Satz 2 der Sinfonie Nr. 1 des noch ganz jungen Wolfgang Amadeus Mozart, von Wellber passend mit entstehungsgeschichtlicher Anekdote angekündigt, und, als Balsam für die zuvor doch etwas strapazierten Ohren, zuletzt in nahezu unhörbaren Harmonien verhallend – was auch im Publikum für einen Moment totaler Stille sorgt, bevor erneut frenetischer Beifallsjubel einsetzen.
Dr. Gerd Klingeberg, 6. November 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Hilary Hahn, Violine, Wiener Philharmoniker, Tugan Sokhiev Philharmonie Berlin, 9. September 2026