Händel, Giulio Cesare, Francesco Corti © Sophie Wolter
Was für ein Abend! Das Publikum in der ausverkauften Elbphilharmonie habe ich selten so mucksmäuschenstill erlebt. Am Ende gab es tosenden Applaus und Bravorufe. Die Gelegenheit, mit der reinen Musik zu verschmelzen ist in dieser konzertanten Form ohne Bühnenbild, Kostüme und Regie und vor allem in diesem Raum sensationell.
Georg Friedrich Händel (1685 – 1759) – Giulio Cesare in Egitto
Konzertante Aufführung in italienischer Sprache
Il Pomo d’Oro
Jakub Józef Orliński Giulio Cesare
Sandrine Piau Cleopatra
Beth Taylor Cornelia
Rebecca Leggett Sesto
Yuriy Mynenko Tolomeo
Alex Rosen Achilla
Rémy Brès-Feuillet Nireno
Marco Saccardin Curio
Francesco Corti Cembalo und Leitung
Elbphilharmonie, Großer Saal, 12. Februar 2026
von Iris Röckrath
Wie soll ich einen Abend beschreiben, für den mir die Worte einfach nicht einfallen wollen, weil sie nicht ansatzweise beschreiben können, was die Ohren vernommen haben. So viel Musikalität, Schönheit, Eleganz, Rührung, Schmelz, Leidenschaft, soviel Hochgenuss innerhalb von
3 1/2 Stunden erleben zu dürfen macht irgendwie demütig – und süchtig.
Das gesamte Ensemble machte mit dem „Dramma per Musica“ auf seiner Tour durch Städte wie Budapest, Amsterdam, Barcelona, Madrid, Warschau und Essen auch in der Elbphilharmonie halt. Welch ein Glück für Hamburg.
Mit zügigen zupackenden Tempi führt Francesco Corti das Barock-Ensemble Il Pomo d’Oro direkt hinein in die Geschichte von Cesar und Cleopatra, deren inhaltliche Auseinandersetzung ich den Lesenden gern erspare. Wer kennt sie nicht, die Geschichte eines der berühmtesten Liebespaare der Menschheit? Dass Corti, als wenn es nichts Besonderes wäre, auch den anspruchsvollen Part des Cembalospielens übernimmt, macht sprachlos. Virtuos führt Corti das Ensemble mal sanft streichelnd, dann wieder energisch durch die Händel’sche Partitur. Das Zusammenspiel und die Intensität zwischen dem wunderbar begleitenden Instrumentalensemble in Verbindung mit den einzelnen phantastisch geführten Stimmen der Sänger und Sängerinnen ist ein Ohrenschmaus sondergleichen.

Die atemberaubenden Koloraturen der ersten Arie bereiten dem Countertenor Jakub Józef Orliński augenscheinlich Freude. Nachdem ich ihn bei zwei unterschiedlichen Soloauftritten in Hamburg bereits erleben durfte, war ich neugierig auf Orliński als Teil eines Opernensembles. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Diesem Sänger ist die Musikalität, die warme wohlklingende Stimme, die feine, bescheidene, sympathische, humorvolle Ausstrahlung in die Wiege gelegt worden. Jede seiner insgesamt acht herausfordernden Arien bringt andere stimmliche und charakterliche Herausforderungen mit sich, die er virtuos bewältigt. Seine instrumental geführte Stimme klingt in der Höhe wie auch in tiefster Lage wie Balsam.

A propos Balsam: Die Mezzosopranistin Beth Taylor verströmt davon eine ganze Mischung für die Seele. Sie bringt einfach ALLES mit, was eine außergewöhnliche Sängerin ausmacht. Jeder Ton strömt aus ihr heraus, mal ganz zart und leise in „Mein Herz ist des Lebens“. Und dann wieder schwer, emotional, mit tiefer sonorer Bruststimme. Atemlos und aus dem Nichts heraus formt sie die schönsten Töne. Sie nutzt Vokale zum An- und Abschwellen zur Entfaltung der Töne. Wenn sie ansetzt zu „Undankbarer! Du ließest Pompeo, der deinen Vater gekrönt hat, vor den Augen Roms den Kopf abschlagen“, dann möchte man besser nicht in ihrer Nähe sein…

Auch ihr Sohn, Sesto, der von der Mezzosopranistin Rebecca Leggett hinreißend gestaltet und gesungen wird und besonders das berühmte Duett von Mutter und Sohn „Nur weinen kann ich noch“ lässt einen im Publikum den Atem anhalten. Was hier für Zauberkräfte walten zwischen dem Orchester und den Sängerinnen fühlt sich an wie aus anderen Sphären. Daran ist der Dirigent mit seinen verzögerten Tempi nicht ganz unschuldig. Rebecca Leggett gestaltet mit reiner klarer Stimme himmlische Koloraturen. Ihr ganzer Auftritt, der ein riesiges Spektrum zwischen keck, wütend, packend, liebend, stolz abzudecken hat, meistert sie fantastisch.

Der Bassist Alex Rosen wird mit körperlicher Präsenz und mit besonders markanter mächtiger Tiefe und wunderschöner samtener Stimme seiner Rolle äußerst gerecht. Man möchte mehr von ihm hören.
Sandrine Piau – die weltweit gefeierte Sopranistin in der herausfordernden Rolle der Cleopatra steigert sich im Laufe der dreieinhalb Stunden zur gefeierten makellos singenden Koloraturspezialistin, die auch körperlich mit Nachdruck ihre Partie gestaltet.
Zum Gesamteindruck gehören zwei weitere Countertenöre, die auf keinen Fall hier fehlen dürfen: Der aus der Ukraine stammende Yuriy Mynenko singt mit kraftvoller Stimme virtuos die koloraturreiche Partie des Tolomeo. Rémy Brès-Feuillet gestaltet mit Charme und frischer Counter-Stimme die Partie des Nireno.
„Liebster! – Schönste! Etwas Liebenswerteres als dich kann es nicht geben“ – das Duett zwischen den Liebenden kurz vor dem Ende gelingt zu einem flirtigen knisternden Augen- und Ohrenschmaus zwischen Jakub Józef Orliński und Sandrine Piau.

Was für ein Abend! Das Publikum in der ausverkauften Elbphilharmonie habe ich selten so mucksmäuschenstill erlebt. Am Ende gab es tosenden Applaus und Bravorufe. Die Gelegenheit, mit der reinen Musik zu verschmelzen ist in dieser konzertanten Form ohne Bühnenbild, Kostüme und Regie und vor allem in diesem Raum sensationell.
Es gibt noch eine abschließende sehr gute Nachricht für die Leser und Leserinnen: Die Elbphilharmonie hat dankenswerterweise einen Live-Stream hinterlegt. Ich habe gerade einmal hineingehört. Ein Juwel, das für 12 Monate als Video-on-Demand zur Verfügung steht.
Iris Röckrath, 13. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Ein paar organisatorische Anmerkungen muss ich noch loswerden:
Während der Aufführung laufen ständig hinter den Sitzen Leute herum. Einige kamen zu spät und suchten während der Arien ihre Plätze. Andere bewegten sich zwischendurch zu den Ausgängen. Ich habe allein im ersten Teil über 10 Personen gezählt. Mich stört das massiv.
Das Toilettenproblem ist auch nach Jahren noch immer nicht gelöst. Warum müssen die Damen die halbe Pause in der WC-Schlange stehen und dann den Wein herunterkippen, den die Begleitung nach langer Wartezeit endlich besorgt hat? Auch Frauen würden sich lieber mit ihren Freunden in der Pause unterhalten.
Das Abholen von Tickets an der Abendkasse ist jedesmal ein Wettlauf mit der Zeit. Nur eine Person ist für die Abendkasse großer Saal zuständig während die andere Person für den kleinen Saal zuschaut.
Warum kostet die Garderobe 2 Euro in Form von Bargeld. Das ist in der Oper inzwischen sehr viel angenehmer.