"Ich brauche diese Herausforderung der ständig neuen Projekte"

Interview am Donnerstag 7: Christoph Müller, Kulturmanager

Foto: © Raphael Faux

Interview am Donnerstag 7: Der Kulturmanager und Musiker Christoph Müller

Christoph Müller wurde in Basel geboren. Er studierte Violoncello in Bern und Zürich. Als Cellist wirkte er u.a. im Basler Kammerorchester, wo er auch die Geschäftsführung übernahm und bis heute als Konzertmanager tätig ist. Seit 2002 ist Christoph Müller Intendant des Gstaad Menuhin Festivals, eines der größten Klassikfestivals der Schweiz.

klassik-begeistert.de hat Christoph Müller in Basel getroffen und mit ihm über den Spagat zwischen dem Musiker- und dem Managerdasein gesprochen.

von Leon Battran

Christoph Müller, Sie sind künstlerischer Leiter und Manager des Gstaad Menuhin Festivals. Darüber hinaus sind Sie Manager des Kammerorchesters Basel und Initiator verschiedener Projekte im Musik- und Kulturbereich. Würden Sie sich als „Macher“ bezeichnen?

Ja, das ist eine gute Bezeichnung. In diese Schublade wurde ich schon gesteckt und das trifft, glaube ich, auch zu. Ich bin einfach jemand, der Sachen ausprobiert und angeht. Klar, einige davon funktionieren, einige funktionieren nicht. Trotzdem mag ich es sehr, eine Idee von Grund auf zu entwickeln und zu versuchen umzusetzen. Das ist etwas, das mein berufliches Leben ausmacht und sicher auch noch ausmachen wird. Aber man muss natürlich den Durchhaltewillen haben und immer dranbleiben. Man kann sich eigentlich nie gehen lassen, aber das ist auch nicht mein Typus. Ich brauche diese Herausforderung der ständig neuen Projekte.

Das Menuhin-Festival in Gstaad leiten Sie bereits seit 2002. Was hat sich seitdem alles getan?

Das Festival habe ich in einem Moment übernommen, als es schwierig war, dieses überhaupt zu positionieren: einerseits als Festival, das den Namen Menuhin trägt, aber auch gegenüber den anderen Festivals in der Schweiz und anderswo. Ich habe da bei null angefangen und es hat viel Zeit gebraucht, erst einmal das Vertrauen wieder herzustellen, zum Publikum, zu den Mäzenen und zu den Menschen in Gstaad und im Saanenland. Es war mir wichtig, so schnell wie möglich Projekte aufzubauen, die die Verbindung zu Menuhin weiterführen, aber auch nach vorne schauen. Mittlerweile sind wir bei knapp 26000 Besuchern angelangt, angefangen habe ich bei 11000. Wir haben also wirklich einen großen Sprung gemacht. Es läuft auch quantitativ bedeutend mehr, 67 Konzerte und 7 Wochen Festival, das ist schon eine gewichtige Dauer. Und wir haben nicht nur die Konzerte, sondern auch die vielen Nebenbetriebe: die Akademien, das eigene Festivalorchester, ein Amateurorchester und so weiter. Dieses sehr vielfältige Bild, dieses ganze Spektrum zwischen Konzertbetrieb, Jugend- und Talentförderung abdecken zu können, ist mir sehr wichtig und da sind wir jetzt an einem Punkt angelangt, wo sich vieles realisiert hat.

Sie sind selber ausgebildeter Cellist und haben in verschiedenen Schweizer Orchestern gespielt. Gewinnen Sie auch als Manager, Stifter und Gründer durch ihre künstlerische Erfahrung?

Sicher, ja. Ich glaube, wenn man einmal Musiker ist, dann bleibt man es das ganze Leben lang. Die ganze Kraft, solche Projekte anzureißen, zu betreiben und „zum Fliegen zu bringen“, wie wir so schön sagen, die schöpft man eigentlich aus diesem Antrieb heraus, musikalisch tätig sein zu wollen. Für mich ist es ein befriedigendes Gefühl, ein Konzert erleben zu können, das ich initiiert habe und ein Projekt mitzuerleben, dass ich ermöglicht habe oder zu dem ich den Anstoß gegeben habe. Das ist für mich ein Teil des Musikerseins. Ich spiele zwar so gesehen kein Instrument, aber ich bringe etwas Anderes zum Klingen und das kommt aus diesem Antrieb heraus, dass ich mich als junger Mensch so intensiv mit Musik beschäftigt habe.

Welche Rolle spielt das praktische Musizieren heute noch für Sie?

Ich war bis vor etwa neun Jahren noch als Cellist im Basler Kammerorchester tätig. Ich habe dann mal einen Grundsatzentscheid gefällt und gesagt, ich kann nicht alles machen. Ich habe mich dann als praktizierender Cellist zurückgezogen. Das war schlussendlich ein schwieriger Schritt, der mich aber auch entlastet und mir gut getan hat. Seither spiele ich ab und zu zum Vergnügen und helfe auch noch mal in einem Orchester aus, aber das ist dann fast wie ein Hobby. Ich kann mir vorstellen, dass das in den nächsten Jahren auch wieder intensiver wird, aber mit einer anderen Haltung, eben ohne diese Belastung des „Genügen-Müssens“ als professioneller Cellist.

Das diesjährige Gstaad Menuhin Festival steht unter dem Motto „Wien“. Haben Sie ein persönliches Highlight?

Ich habe natürlich eine enge Bindung zu vielen Projekten, die ich angestoßen habe, wie den „Fidelio“ mit Jaap van Zweden und Jonas Kaufmann. Klar, das sind die großen Aushängeschilder. Was mir sehr am Herzen liegt, ist die Produktion mit dem Komponisten Georg Friedrich Haas, der für uns ein neues Stück geschrieben hat, das haben wir zusammen mit dem Beethovenfest Bonn auf die Beine gestellt. Und dann gibt es natürlich sehr viele Konzerte, wie sie für Gstaad so typisch und unverwechselbar sind, in den wundervollen, akustisch hervorragenden Kirchen der Umgebung, in Lauenen, Rougement und Zweisimmen. Dort werde ich Konzerte erleben, die sicher unvergesslich werden. Das Hagen-Quartett tritt hier zum Beispiel mit den späten Streichquartetten von Beethoven auf. Das ist ein Konzert, das nicht unbedingt die Masse anspricht, aber das ist für mich sehr schön.

Sie sind in Basel geboren. Haben Sie auch einen persönlichen Bezug zu der Stadt Wien?

Mit dem Kammerorchester Basel gastiere ich sehr häufig in Wien. Wir haben dort eine feste Zusammenarbeit mit dem Musikverein rund um unser großes Haydn-Projekt mit Giovanni Antonini. Auch mit dem Theater an der Wien pflegen wir eine enge Zusammenarbeit mit regelmäßigen Aufführungen von Produktionen dort.

Wir bleiben in Wien: Während noch alle Welt das Beethovenjahr feiert, blicken Sie schon auf ein weiteres Jubiläum und möchten bis zu Haydns 300. Geburtstag im Jahr 2032 das Bild von diesem Komponisten gründlich revidieren…

Giovanni Antonini. Foto: Marco Borggreve

Ich habe das Gefühl, in Sachen Haydn gibt es noch unglaublichen Nachholbedarf! Haydn ist eigentlich der Erfinder der Klassik. Ohne Haydn wäre die Sinfonie nicht das, was sie dann später durch Beethoven geworden ist. Gleichzeitig wurde ihm musikalisch, wie ich finde, sehr selten gerecht. Haydn ist alles andere als ein Langweiler, als der er oft abgestempelt wird. Er war ein Revolutionär, der sehr emotionale musikalische Ausdrucksformen entwickelt hat. Die langsamen Sätze der Haydn-Sinfonien sind beispiellos ergreifend und sehr gefühlsbetont. Mit Giovanni Antonini, einem fantastischen Dirigenten, den ich mit dem Kammerorchester Basel und den Beethoven-Sinfonien sehr eng kennengelernt habe, streben wir eine Gesamteinspielung aller Haydn-Sinfonien auf historischen Instrumenten an und die gibt es noch nicht. Es gibt viele Projekte rund um Bachkantaten, Projekte rund um Beethoven-Sinfonien, aber in Sachen Haydn sind wir die ersten, die sich da so viel Zeit nehmen und so tief gehen, um ihm gerecht zu werden. Es ist für mich eine glückliche Fügung, dass das so möglich war und ich glaube, dieses Projekt ist beispiellos weltweit.

Welche Pläne haben Sie noch für die Zukunft?

Hinsichtlich des Menuhin-Festivals habe ich den großen Wunsch, die jungen Projekte, die wir lanciert haben, noch weiterzubringen und zu etablieren, damit sie vom Publikum noch mehr angenommen werden und mit der Zeit auch unverzichtbar werden. Ich denke da vor allem an unser digitales Festival unter gstaaddigitalfestival.ch, das ist eine Streaming-Plattform, die wir seit bald drei Jahren betreiben. Und zum anderen das Projekt „Discovery“, das ist unser Förderprogramm für Kinder, Jugendliche und Familien, das wir seit zwei Jahren am Laufen haben. Das sind junge Projekte, die immer noch in einer Art Investitionsphase sind, wo wir noch viel Arbeit leisten müssen, damit sie den Erfolg bringen, den wir uns erwarten. Ich habe auch den Wunsch, dass das Gstaad Festival Orchestra eine noch intensivere Tätigkeit unter dem Jahr erreicht. Eine Tournee wie im Februar dieses Jahres ist etwas sehr Dankbares und soll auch noch mehr die Botschaft unseres Festivals werden.

Leon Battran, 19. März, für
klassik-begeistert.de

Gstaad Festival Orchestra, Seong-Jin Cho, Manfred Honeck, Christoph Müller, Basel, 13. Februar 2020

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