Interview: Deutsche Chöre und Politik (Teil 2)

Interview: Deutsche Chöre und Politik,  (Teil 2), 13. November 2021

Foto: Alexander ArltKronau, FSB

von Jolanta Łada-Zielke

„Die singen ja nur“ – so sagte man über Chormitglieder während der Revolution von 1848/49. Das politische und gesellschaftliche Leben wirkte sich jedoch auf die Tätigkeit der Chorvereine sehr wohl aus. Am deutlichsten war es in der Nazizeit, als man zum Beispiel die Seiten mit Stücken von Mendelssohn in Liederbüchern zusammenklebte.

Ich lade Sie zur Fortsetzung des Gesprächs mit Alexander Arlt, dem Archiv- und Museumsleiter der Stiftung Dokumentations- und Forschungszentrum des Deutschen Chorwesens in Feuchtwangen, ein.

Die ersten Chorvereine entstanden 1809, zu einer Zeit also, als die Bedrohung durch Napoleons Truppen überall präsent war. Beeinflusste diese politische Lage die Entwicklung der Chorbewegung?

Einen Einfluss hatte dies auf jeden Fall  hinsichtlich des Liedguts. Das Repertoire für Männerchöre war zu dieser Zeit noch überschaubar, so dass viele neue Kompositionen entstanden, die dann auch von den damaligen Umständen geprägt waren. Eine bekannte und weit verbreitete Sammlung war zum Beispiel „Leyer und Schwerdt“  von Theodor Körner, vertont von Carl Maria von Weber 1814. Körner ging als Freiheitskämpfer bei dem Lützow’schen Freikorps in die Geschichte ein. Besonders bei „Lützows wilde Jagd“ ist ein militärischer Unterton deutlich wahrnehmbar.  Haben Chöre eine Rolle  in der Vereinigung Deutschlands im 19. Jahrhundert gespielt?

Die Chöre waren sogar eine wichtige Kraft sowohl bei der Märzrevolution 1848/49 als auch bei der Vereinigung Deutschlands im 19. Jahrhundert. Das zeigte sich beispielweise bei den Sängerfesten sehr deutlich, wo man nicht nur Einheit und Geschlossenheit demonstrierte, sondern wo – wenn auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit – entsprechende Reden gehalten wurden. Im Gegensatz zu den Turnern und Schützen aber waren die Sänger zunächst nicht verdächtig, nach dem Motto „Die singen ja nur“; anders als die Turner, die sich körperlich ertüchtigten, oder die Schützen, die mit Waffen hantierten. Natürlich wurde man darauf aufmerksam, was die Chöre eigentlich sangen und dass dadurch bewusst  eine politische Kraft entstand. Oft war der öffentliche Teil der Sängerfeste mit relativ harmlosem Liedprogramm versehen. Spät abends aber, als die Sängerhallen abgeschlossen wurden und die Sänger unter sich blieben, waren durchaus politische Diskussionen und Gesänge an der Tagesordnung, wie wir von einigen Berichten wissen.

Foto: Sängermuseum, Feuchtwangen

Gab es damals ein bestimmtes Lied mit einem politisch geprägten Text, das offiziell verboten wurde?

Zwar ist mir von einem Verbot nichts bekannt, aber  das Schleswig-Holstein-Lied „Schleswig-Holstein meerumschlungen“  ist ein gutes Beispiel für politisches Liedergut der damaligen Zeit, das die Machthaber sicher nicht gerne gehört haben dürften. So war es eine Gruppe von rund 30 Sängern aus Schleswig und Holstein, die mit diesem Lied beim ersten allgemeinen deutschen Sängerfest in Würzburg 1845 für besonderes Aufsehen gesorgt hatten. Aber auch Fest-Mottos und Festsymbolik trugen politische Botschaften. So war das Deutsche Sängerfest 1861 in Nürnberg, von dem wir die Originalfahne haben, sehr bedeutsam. Außer Noris, die Personifikation der Stadt Nürnberg mit den beiden Stadtwappen, fallen die Farben Schwarz-Rot-Gold ins Auge, die natürlich von der Nationalbewegung stammen. Auch das Motto „Deutsches Banner, Lied und Wort eint in Liebe Süd und Nord“ spricht eine deutliche Sprache. 

Hatten auch die Studenten ihre eigenen Sängervereine?

Ja, schon innerhalb der Urburschenschaft wurde 1816 ein erster studentischer  Gesangverein gegründet. Es folgten: die Gründung des Universitätsgesangsvereins zu St. Pauli in Leipzig und der Akademisch-Musischen Verbindung in Breslau 1822 sowie des Akademischen Gesangvereins in Halle 1825. Nach dem Studium sind die Sänger nicht selten in die bürgerlichen Gesangsvereine eingetreten und dürften ein entsprechendes Gedankengut mitgebracht haben. Auch in der Führungselite des Deutschen Sängerbundes waren oft ehemalige Sängerschafter anzutreffen.

Die Chorbewegung verbreitete sich im gesamten deutschsprachigen Raum und auch in Österreich aus?

Deutschland und Österreich haben nicht nur Gemeinsamkeiten in Sprache und Kultur, sondern auch eine über Jahrhunderte miteinander verwobene Geschichte. So war Österreich bis 1866 Mitglied im Deutschen Bund. Somit ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch das deutschsprachige Laienchorwesen in Österreich Fuß fasste. Zweimal, 1890 und 1928, feierte man schließlich ein Deutsches Sängerbundesfest in Wien, und einmal 1902, in Graz.  

Foto: Sängerfest Wien 1928, Sängermuseum, Feuchtwangen

Das Deutsche  Sängerbundesfest in Wien 1928 zählt auch zu den größten. Die Festhalle soll, je nach Quelle, Platz für 60.000 bis 100.000 Menschen geboten haben. Bei solchen Menschenmengen mussten die Podeste für Dirigenten erhöht platziert werden. Mehrere Dirigenten, die sich untereinander verständigten, arbeiteten gleichzeitig,  um solche Masse überhaupt in Griff zu bekommen.

Wir haben im Museum auch ein Filmdokument  aus dem Jahr 1928. Das Deutsche  Bundessängerfest in Wien 1928 hatte schon einen nationalistischen Unterton und wurde als „Fest des Anschlusswillens“ bezeichnet, was die Ereignisse rund zehn  Jahre später vorwegnahm. Das Fest betrachtete man auch dementsprechend kritisch im Ausland. Der Film zeigt die Vertreter der einzelnen Regionen Deutschlands, die in einem großen Festumzug in acht Reihen marschieren. Der Festumzug dauerte fast acht Stunden. Vier Jahre später fand das nächste Deutsche Sängerfest in Frankfurt statt. Wir haben eine Aufnahme von  dem Lied „Das Heidenröslein“, das damals achttausend Sänger aufführten. Dieses Lied galt zu dieser Zeit als Inbegriff des deutschen Volksliedes, ihm waren auch Festwagen gewidmet.

Das Lied wird sauber, stark, aber schön phrasierend, mit einem Piano am Ende gesungen. Beim Höhepunkt greifen die Männer die hohen Töne vielleicht etwas zu kräftig an – aber vielleicht ist es die Qualität der Aufnahme.  Ich finde das Lied sehr schön und ergreifend.

Als das Deutsche Sängermuseum in Nürnberg gegründet wurde, konnte man es mit genug Dokumenten und Exponaten einrichten?

Der Grundgedanke für das Deutsche Sängermuseum war der, dass man den im Ersten Weltkrieg gefallenen Mitgliedern des Deutschen Sängerbundes ein Denkmal setzen wollte. Ein Nürnberger Sänger machte den Verband darauf aufmerksam, dass die Katharinenkirche, seit 1803 das Eigentum der Stadt Nürnberg,  immer noch leer stand. Die Idee, die Kirche als Konzertsaal herzurichten und dort ein Ehrenmal für die deutschen Sänger zu platzieren, stieß auf deutlich positive Resonanz. Im ehemaligen Klostergebäude wurden dem deutschen Sängerbund zusätzlich Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, um dort ein Museum sowie ein Archiv einzurichten. Der Zuspruch war bemerkenswert und es gelang in kürzester Zeit, eine umfangreiche Museumssammlung zusammenzutragen, so dass das Deutsche Sängermuseum mehrfach um zusätzliche Räume erweitert werden musste.

Foto: Sängermuseum, Feuchtwangen

Nach dem Ersten Weltkrieg entstand auch der Deutsche Arbeitersängerbund?

Das stimmt nicht. Die ersten Arbeitersängervereine sind zeitgleich mit der Arbeiterbewegung entstanden.  Sie standen Sozialdemokratie nahe. Schon im 19. Jahrhundert gab es Versuche, einen Dachverband zu gründen,  äußere Einflüsse, wie zum Beispiel das Sozialistengesetz, verhinderten es aber. Erst 1908 konnte der Deutsche Arbeitersängerbund entstehen, den man im Vergleich zum Deutschen Sängerbund, der eher als traditionell und konservativ galt,  für einen etwas fortschrittlichen hielt. Im Deutschen Arbeitersängerbund waren auch  Frauen als Mitglieder zugelassen und man engagierte sich sehr für Kinderchöre. Auch das Liedergut war oftmals moderner und stammte von zeitgenössischen Komponisten.  

Wann genau wurden Frauen in den Deutschen Sängerbund zugelassen?

Das geschah offiziell erst 1932, aber kurze Zeit später, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, wurde dies wieder rückgängig gemacht. Der Deutsche Sängerbund sollte ein Dachverband für Männergesangvereine sein, daneben gab es den Reichsverband  – für die Gemischten Chöre Deutschlands, wo auch Kirchen- und Frauenchöre organisiert waren. Es waren jedoch schon mehrere zehntausend Frauen im Deutschen Sängerbund, vor allem weil viele Männerchöre zu gemischten Chören umgewandelt wurden. Deswegen gewährte man dem Deutschen Sängerbund eine gewisse Ausnahmeregelung. So gab es 1939 rund 30.000 Frauen im Deutschen Sängerbund. Im Vergleich zu rund 900.000 Männern war die Anzahl der Frauen aber verschwindend gering.

Durfte sich der Arbeitersängerbund unter der Nazi-Herrschaft weiterentwickeln?

Anfangs versuchte er tatsächlich sich mit den Machthabern zu arrangieren. Das gelang nicht, weil im Rahmen der Gleichschaltung zum einen nur ein Dachverband für die Männerchöre und daneben der Reichsverband für gemischte Chöre zugelassen wurden. Für den Arbeitersängerbund gab es dort  keinen Platz mehr. Zum anderen waren  politische Gründe im Spiel, da die Arbeitersänger den Kommunisten und Sozialisten nahe standen. Aber nicht alle Arbeitervereine aufhörten zu wirken. Unter der Voraussetzung, kein „marxistisches Liedgut“ mehr zu pflegen und sich dem Deutschen Sängerbund oder dem Reichsverband für die Gemischten Chöre Deutschlands anzuschließen, konnten diese Chöre weiter existieren. Die anderen wurden aufgelöst und ihre Unterlagen vernichtet. Allerdings, schafften es einige mit großem Glück, ihre Vereinsfahnen zu verstecken, die man nach dem Krieg manchmal unter Bodendielen wiederentdeckte.

Das Repertoire der Chöre bestimmte auch die Reichmusikkammer?

Es gab die Voraussetzung, dass sich die Arbeiterchöre von dem entsprechenden Liedergut distanzieren sollten. Wir haben im Archiv Liederbücher vom Deutschen Arbeitersängerbund, wo die Kapitel mit den politischen und Arbeitsliedern komplett ausgeschnitten wurde. Die  Liedersammlungen des Deutschen Sängerbundes zensierte man ähnlich. In dem Auswahlband  für Männerchor aus dem Jahr 1835 waren beispielsweise noch einige Werke von Mendelssohn enthalten, der natürlich als Jude ein unerwünschter Komponist war. Wir haben Ausgaben dieses Liederbuchs, wo die entsprechenden Seiten zusammengeklebt wurden, damit man diese Stücke nicht mehr singt. In einer späteren Auflage von 1940 sind die Lieder nicht mehr zu finden. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten, die Gleichschaltung und die Kulturpolitik sind jedoch nicht nur auf offene Ohren gestoßen. Es gab viel Kritik sowohl außerhalb als auch innerhalb der Sängerschaft, vor allem in  künstlerischer Hinsicht. Wenn man jetzt an die großartigen Werke von Mendelssohn denkt, die nicht mehr gesungen werden durften, ist das natürlich ein kultureller Verlust. Es gab zahlreiche schriftliche Beschwerden. Hier haben wir einen originalen Brief an den Vorsitzenden des Gesangvereins „Frankonia“, dessen Autor gegen die Kulturpolitik der Nationalsozialisten protestiert. Auch wurden Vereinsvorsitzende sowie Verbandsfunktionäre nicht mehr demokratisch gewählt, sondern von oben bestimmt. Selbstverständlich waren es Mitglieder der NSDAP. Sie  hießen nun nicht mehr Vereinsvorsitzenden sondern „Vereinsführer“. Dadurch versuchte man das nationalsozialistische Gedankengut auch in den Chören zu manifestieren.

Jolanta Łada-Zielke, 13. November 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Die Geschichte der Gesangvereine in Deutschland – Teil 1.

Ladas Klassikwelt 85: Wolfgang Amadeus Mozart, Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg, Bremer Philharmoniker klassik-begeistert.de, 5. November 2021

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