Burak Onur Erdem: Ich bin unglaublich stolz auf meinen Chor

Interview: Dr. Burak Onur Erdem, Chorleiter Laienchor Resonanz,  Atatürk Kulturzentrum am Taksim Platz, 14. November 2021

Fotos: Ministerium für Kultur und Tourismus der Republik Türkei

Wer sich für Chormusik interessiert, sollte sich unbedingt diesen Namen merken: Dr. Burak Onur Erdem. Der erst 35jährige türkische Chorleiter ist in der europäischen Musikszene ein Rising Star und sehr umtriebig. Nach seinem Studium der internationalen Politik promovierte er in Musiktherorie und Dirigieren. 2010 gründete er in Istanbul den Laienchor Resonanz, in Ankara ist er seit 2017 Chef des staatlichen State Choirs. Mit seinen Chören gewann er viele Preise, unter anderem den „The Best Young Conductors Prize“, und von der European Choral Association wurde er soeben zum künstlerischen Vize-Präsidenten gewählt.  

von Barbara Hauter

Ich treffe Dr. Burak in Istanbul. Wir sind von Kultusministerium eingeladen, im Rahmen der Eröffnung des neuen Atatürk Kulturzentrums am Taksim Platz ein Konzert seines Chores Resonanz zu hören. Resonanz präsentiert christliche Barockmusik, und für zwei Konzerte übernimmt das Pult der berühmte deutsche Chrodirigent Frieder Bernius. (Die Besprechung des Konzertes von Leon Battran finden Sie hier.)

Rezonans, Frieder Bernius, Burak Onur Erdem, Atatürk Kültür Merkezi Istanbul, 14. November 2021

 

Barbara Hauter: Wie geht es Ihnen damit, dass ein Gastdirigent mit Ihrem Chor brilliert? Sind Sie neidisch?

Dr. Burak Onur Erdem: Nein, ganz und gar nicht. Im Gegenteil, ich bin unglaublich stolz auf meinen Chor. Frieder Bernius ist eine Legende, die Autorität in der Chormusik. Seine Arbeit ist mein Vorbild.

Barbara Hauter: Wie kommt man auf die Idee mit einem türkischen Chor christliche Barockmusik aufzuführen?

Dr. Burak Onur Erdem: Wir sehen es nicht als christliche Musik, sondern als internationale Musik von Bach und Mendelssohn. Trotz der christlichen Texte ist es für uns universal. Unser Engagement ist immer das Gleiche, ob wir türkische, christliche oder jüdische Musik singen. Es steht immer dasselbe Konzept dahinter und das ist universell.

Foto: Burak Onur Erdem

Barbara Hauter: Gibt es eine Tradition in der Türkei, Bach zu hören?

Dr. Burak Onur Erdem: Natürlich. Die türkische Republik wurde 1923 gegründet. Und in den 20er Jahren gab es auch eine Musikrevolution. Damals haben viele türkische Komponisten in Europa studiert, Barockmusik mitgebracht und eine neue klassische türkische Musik begründet. Damals entstanden viele Chöre, auch an Schulen und Universitäten. Für diese Chöre ist Bach ein Grundmaterial.

Barbara Hauter: Was verbindet Sie persönlich mit Barockmusik?

Dr. Burak Onur Erdem: Ich habe auf der deutschen Schule Istanbul gelernt und hatte viele deutsche Musiklehrer. Auf dem Gymnasium und auf der Universität sang ich im Chor. Dann bin ich Dirigent des Chors geworden, und ich wollte mehr darüber lernen. 2010 besuchte ich Frieder Bernius Meisterkurs in Hannover. Dort haben wir Bach und seinen Schüler Homilius gesungen, und das war für mich sehr emotional. Dieses Gefühl wollte ich mit zurückbringen. Den Chor Resonanz habe ich auch 2010 gegründet. Bis wir uns an Barock gewagt haben, hat es aber eine Zeit gedauert. Zunächst haben wir viel Romantik und türkische Musik aufgeführt, denn Barock braucht eine besondere Expertise. Um diese Virtuosität zu erreichen, muss man die Stimmen über viele Jahre bilden. Die Gesangstechnik für Barock ist nicht einfach. Aber Frieder Bernius hat angemerkt, das türkische Sänger mit dem Melisma gar kein Problem haben. Ich denke, wir haben in unserer traditionellen Musik diese schnelle melismatische Technik.

Barbara Hauter: Wo lagen dann die besonderen Herausforderungen?

Dr. Burak Onur Erdem: Natürlich in der deutschen Sprache, die war für die meisten Sänger neu. Ich habe zwei Jahre in Stuttgart gelebt und bin auf die deutsche Schule gegangen. Ich habe dadurch eine Klangvorstellung. Es mussten ja auch noch die Sänger vom türkischen Staatschor daran üben.

Barbara Hauter: Sie haben Ihren Chor Resonanz mit professionellen Sängern aus dem State Choir unterstützt. An welchen Stellen denn?

Dr. Burak Onur Erdem: Wir hatten vier Tenöre und vier Bässe. Dabei war es nicht nur die Idee, den Klang des Chors Resonanz zu unterstützen. Für die studierten Sänger sollte der Einsatz wie ein Workshop, ein Meisterkurs sein. Sie sollten von Bernius möglichst viel Barockstil lernen. Alle acht haben mir sehr positive Rückmeldung gegeben.

Barbara Hauter: Wie erging es den Laiensängern?

Dr. Burak Onur Erdem: Für sie war es ein sehr anspruchsvolles Programm. Alle waren sehr engagiert und sehr stolz, mit einem so großen Dirigenten arbeiten zu dürfen. Sie haben ja zusätzlich vorher noch mit dem Frankfurter Musikprofessor und Dirigenten Jan Schumacher geprobt. Diese Erfahrung war sehr wichtig für den Chor.

Barbara Hauter: Wie waren die Reaktionen in den türkischen Medien?

Dr. Burak Onur Erdem: Hoffentlich gut. Ich war nach dem Konzert im Flugzeug (lacht). In den sozialen Medien wurde das Programm als außergewöhnlich interessant gelobt.

Barbara Hauter: Sie haben neben Cello und Orgelpositiv auch noch die türkischen Instrumente Ney, eine Flöte, und Tambur, eine Langhalslaute, eingesetzt. Welche Bedeutung haben die türkischen Instrumente für das türkische Publikum?

Dr. Burak Onur Erdem: Da haben wir gemischte Kommentare bekommen. Ich bin glücklich, dass es zu einer Diskussion gekommen ist. Nach der Notation ist es ja möglich, diese traditionellen Instrumente einzusetzen, auch wenn es nicht üblich ist. Bach würde sagen: „Warum nicht. Es ist eine offene Instrumentation.“ Im ersten Augenblick waren die Zuhörer wahrscheinlich überrascht. Aber dann wurde es als sehr originell wahrgenommen. So was haben wir noch nie vorher gehört. Die Instrumente werden ja bei der spirituellen Sufi-Musik gespielt. Auf der spirituellen Ebene treffen sich Chor und Instrumente. Bei den Proben haben wir mit den Musikern viel über Bach gesprochen. Zum Beispiel bei der Mottete „Komm, Jesu, komm“. Das gibt es auch in der Sufi-Tradition. Rumi sagt auch „Komm. Egal wer du bist, komm.“ Die Instrumentalisten haben untersucht, wie Bach „Komm“ sagt und wie diese Idee mit der türkischen Tradition zusammenpasst. Wir haben diese beiden parallelen Ansätze zusammengebracht.

Barbara Hauter: Was kommt als nächstes großes Projekt?

Dr. Burak Onur Erdem: Ein paar Beispiele aus den nächsten drei Wochen: Wir haben einen Gesangsworkshop mit dem bekannten englischen Chorleiter Edward Caswell. Dann kommt der irische Komponist Sean Doherty und wir führen eine Premiere auf mit einem Stück, das er für uns geschrieben hat. Ein türkisches Gedicht, das er für uns vertont hat. Wir produzieren jedes Jahr ein Auftragswerk mit europäischen Komponisten, zum Beispiel aus Italien, Portugal und Norwegen – und jetzt eben Irland. Am 12. Dezember ist Welt-Chortag und da geben wir ein Konzert. Das wird ein offenes Singen mit tausenden Sängern aus Chören in Ankara. Jeder Chor bringt sein eigenes Programm mit und wir singen alle zusammen. Dann nehmen wir mit Resonanz einige Werke des türkischen Komponisten auf, der die Oper „Sinan“ zur Eröffnung des neuen Atatürk Kulturzentrums geschrieben hat. Es soll ein Archiv für unsere europäischen Freunde werden.

Barbara Hauter: Könnten Sie sich vorstellen, mit einem deutschen Chor türkische Werke einzustudieren?

Dr. Burak Onur Erdem: Ich habe schon vielmals mit deutschen Chören türkische Werke einstudiert, und ich denke, das ist ein Erlebnis, das für deutschsprachige Sänger eine neue Dimension öffnet. Bei der türkischen Chormusik gibt es nicht nur eine neue Sprache für deutsche Chöre, aber auch neue Klangwelten und interessante rhythmische Strukturen. Ich hoffe, dass türkische Chormusik in den nächsten Jahren mehr von den deutschen Chören gesungen wird.

Barbara Hauter, 28. November 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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