Ich höre die Bewegung des musikalischen Pinsels in der Luft über der klanglichen Leinwand

Ja, Mai Festival München  Brainlab Hauptsitz, München, 3. Mai 2023

Foto: Bavarian State Opera © Bayerische Staatsoper

AUFHORCHEN – EIN ABEND ZUM START DES JA, MAI FESTIVALS

Brainlab Hauptsitz, München, 3. Mai 2023

Toshio Hosokawa (*1955)

In der Tiefe der Zeit (1994/1996)

Begrüßung Stefan Vilsmeier

Claudio Monteverdi (1567-1643)

„Ohimè ch’io cado“ aus dem Quarto scherzo delle ariose vaghezze (1624)

„Sì dolc’è il tormento“ aus dem Quarto scherzo delle ariose vaghezze (1624)

“Damigella tutta bella” aus dem Scherzi musicali (1607)

Gespräch Toshio Hosokawa und Serge Dorny

Toshio Hosokawa

Lied III für Violincello und Klavier (2007)

Stunden-Blumen – Hommage à Olivier Messiaen für Klarinette, Violine, Violincello und Klavier (2008)


von Frank Heublein

An diesem Abend ist im Hauptsitz des Hauptsponsors des Ja, Mai Festivals die Auftaktveranstaltung Aufhorchen der Bayerischen Staatsoper. Diese soll, so sagt es der Hausherr und Brainlab Vorstandsvorsitzender Stefan Vilsmeier, eine Gebrauchsanweisung fürs Festival sein. Ich höre an diesem Abend Musik von Monteverdi und Hosokawa, deren Opern in den darauf folgenden Tagen im Rahmen des Ja, Mai Festivals Premiere feiern. In der Mitte des Abends sprechen Staatsopernintendant Serge Dorny und dem Komponisten Toshio Hosokawa miteinander.

Das erste Stück ist „In der Tiefe der Zeit“ von Toshio Hosokawa. Es polt mein Hören für den heutigen Abend. Denn in allen darauffolgenden Stücken entdecke ich, was ich hier erkenne: Musiklinien und Musikflächen. Hat mich der Verweis so beeindruckt, dass Kalligrafie in Hosokawas kompositorischen Schaffen einen wichtigen Einfluss hat? „Der Meister bestimmt einen Punkt in der Luft und bewegt von diesem Punkt ausgehend den Pinsel, berührt das Papier und kommt dann genau wieder zu diesem Punkt in der Luft zurück.“ (Hosokawa). Die Linie des Pinsels und die Fläche des Papiers sind „In der Tiefe der Zeit“ die musikalische Linie der Bratsche und die musikalische Fläche des Akkordeons. Beide treffen zuweilen aufeinander, doch auch wenn beide tonal unabhängig voneinander agieren, die Zugehörigkeit wie bei Pinsel und Papier spüre ich stets.

Ein weiteres Bild ergibt sich in mir im Hören des Stücks: es ist das Beobachten eines beginnenden Regens. Erst einzelne kaum hör-sichtbare musikalische Tropfen der Bratsche. Sie formen sich langsam zu einer Fläche, diese gewinnt eine zusätzliche Existenz in Form des Akkordeons. Manchmal finden Tropfen im Ineinanderrinnen zu einer Fläche zusammen, da agieren Bratsche und Akkordeon miteinander. Am Ende des Stücks trocknet die feuchte Fläche, löst sich auf wie der verhallende Klang der beiden Instrumente.

Der nächste musikalische Teil präsentiert drei Arien Claudio Monteverdis. Sofort entdecke ich das Muster wie bei Hosokawa. Die Sopranstimme in „Ohimè ch’io cado“ ist die musikalische Linie, der Pinsel, das Cembalo die Fläche des basso continuo. Ich folge dem elegant schwingenden Stimmenpinsel Jessica Niles’ vom Opernstudio der Bayerischen Staatsoper fasziniert. Ihre Stimme ist hell, klar und voller Energie.

In der zweiten Arie Monteverdis „Sì dolc’è il tormento“ fungiert das Cembalo eher wie ein Nachhall der Stimme. Was hallt auf der musikalischen Fläche, wenn die musikalische Linie gezogen ist? In der dritten Arie “Damigella tutta bella” darf Jessica Niles ihr schauspielerisches Talent offenbaren. Sie spielt mit mir – dem gesamten Publikum. Lockend ist ihr Gesang, den sie selbst mit einem Tamburin rhythmisch unterstützt.

Welch wunderbare Leichtigkeit und zugleich punktgenau akribische nuancierte Perfektion hat Jessica Niles’ Stimme. Ein tiefer berührender Moment, der durch die Stille des Publikums zwischen den drei Arien in mir intensiviert wird.

Zum Lied III sagt Hosokawa, dass er „seine Instrumentalmusik als Erweiterung der Stimme“ begreift. So singt also das Cello, zieht – auch hier wieder – in mir eine musikalische Linie. Alert, voller Schmerz, gequält. Die gezupften Töne formen für mich ein Erkennen. Dann bäumt sich der Klang ein letztes Mal auf, um im Entdecken von Ruhe und Zufriedenheit zu enden.

Das letzte Stück für Quartett hat zwei Inspirationsquellen. Zum einen ist es eine „Hommage à Olivier Messiaen“ und dessen „Quatuor pour la fin du temps“. Zum anderen ist der Titel Stunden-Blumen Michael Endes Roman Momo entnommen. Die trügerische Greifbarkeit von Zeit verflüchtigt sich in mir. Die Streicher tönen in mir als Zeitlinien. Das Klavier, Momos graue Herren, versucht diese zu erhaschen, ihm gelingt es nicht. Der Klarinette gelingt in ihrer Magie des runden Klangs die Zeitlinien zu bändigen. Zum Ende des Stücks haucht die Klarinette einen klanglosen Ton in die Stille, befreit die Zeitlinien in ihrer stillen Unendlichkeit.

Das Gespräch zwischen Toshio Hosokawa und Serge Dorny wird auf Deutsch geführt, denn der Komponist hat seine Ausbildung in Berlin und Freiburg durchschritten. Anfangs stellt Hosokawa fest, dass seine Seele noch in Japan liege, er hat erst gestern die halbe Welt von Japan nach Deutschland umflogen. Die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit allen Seins wird in Japan als Schönheit der Welt verehrt. Für Hosokawa ein zentraler Punkt seines Werks, der sich in der Stille als kompositorischen Ausdruck manifestiert. Seine Vorstellung des idealen Tons: Musik ist so wie ein Geräusch der Natur. Hosokawa kehrt nach München an den Ursprung seines Opernschaffens zurück. Hier wurde mit „Visions of Lear“ 1998 sein erstes Opernwerk uraufgeführt.

Als Ausblick auf die anstehende Premiere von Hanjo kommt das Gespräch auf das japanische Nō Theater, dass sich wie ein roter Faden durch das kompositorische Werk Toshio Hosokawas zieht.  Der Ursprung des Nō Theaters liegt im 12. / 13. Jahrhundert.  Nō ist ein sehr langsamer Tanz. Die Hauptfigur kommt in aller Regel aus der Totenwelt und erzählt sein Leben. So wird die Seele geheilt und die „Person“ kann lastbefreit in die Totenwelt zurückkehren. Ein Teil der traditionellen Nō Bühne heißt übersetzt Brücke. Hosokawa will das japanische Nō Theater mithilfe der europäischen Operntradition erneuern, sein Werk soll eine Brücke sein zwischen asiatischer und europäischer Musik.

Der heutige Abend ist mehr als eine Gebrauchsanweisung, eine Manifestation und zugleich Vorfreude des entdeckerischen Erspürens.

Ich hoffe, die von Vilsmeier in einem Halbsatz erwähnte Unterstützung für das Ja, Mai Festival währt auch im kommenden Jahr fort. Denn in der Vorstellung der kommenden Spielzeit wurde das Ja, Mai Festival nicht erwähnt. Bleiben Sie dran, Serge Dorny. Denn für mich ist dieses Festival ein wichtiger Baustein der Programmatik musikalischer Entdeckungen, die Sie und Vladimir Jurowski zu Beginn ihres Wirkens in München vor zwei Jahren angekündigt hatten.

Frank Heublein, 4. Mai 2023, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Besetzung

Sopran   Jessica Niles

Cembalo   Andreas Skouras

Viola   Klaus-Peter Werani

Akkordeon   Kai Wangler

Violine   David Schultheiß

Violoncello   Yves Savary

Klarinette   Andreas Schablas

Klavier   Jean-Pierre Collot

Spielzeitpräsentation der Bayerischen Staatsoper für die Spielzeit 2023/24 mit Serge Dorny, Vladimir Jurowski und Laurent Hilaire Bayerische Staatsoper, München, 04. März 2023

Richard Wagner TRISTAN UND ISOLDE  Bayerische Staatsoper, München, 6. April 2023

Richard Strauss, Ariadne auf Naxos Bayerische Staatsoper, 30. März 2023

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