Offener Brief der Jahrhundertsängerin Anja Silja: "Holt die Tiere aus den Käfigen in der Berliner Staatsoper!"

Jahrhundertsängerin Anja Silja: „Holt die Tiere aus den Käfigen in der Berliner Staatsoper!“  klassik-begeistert.de, 17. Oktober 2022

Klassik begeistert hatte zum Protest gegen das Zurschaustellen von Kaninchen im neuen Wagner-RING der Berliner Staatsoper aufgerufen. Daraufhin melden sich nun auch Sängerinnen und Sänger zu Wort.

Wir veröffentlichen hier den offenen Brief von Anja Silja, die auf eine mehr als 60-jährige Bühnenlaufbahn zurückblicken kann und aus eigenen Erfahrungen darauf verweisen kann, wie Tiere auf der Bühne leiden.

Der Brief richtet sich an Matthias Schulz, den Intendanten der Berliner Staatsoper, an die Tierärztin Dr. Rempel, die ihn zum Einsatz der Tiere legitimiert hat, und an Dr. Kathrin Herrmann, Tierschutzbeauftrage des Landes Berlin, auf deren Einschreiten wir immer noch warten.

„Eine generelle Frage vornweg: Was bedeuten einem Tiere? Gemütlichkeit, Streicheln auf dem Sofa oder Bewachung des Eigentums und Vertreiben der Einbrecher? Pferde erfordern viel Arbeit und erscheinen nur noch auf Gestüten oder für Reiche zur Zucht sinnvoll! Eine Frage die bei soviel Missbrauch an Tieren nicht unberechtigt ist. Hier geht es aber um eine andere Frage: Wozu bringt man Tiere auf Theater- und Opernbühnen? Sie sind lediglich Kulisse,  haben keine Funktionen mehr. Früher waren es noch Pferde, besonders bei Wagner, denken wir an Brünnhildes Ross Grane und den Walkürenritt oder an Escamillo in Carmen hoch zu Ross.  Ja, könnte einer mit einem Dinosaurier kommen – das wäre was!!! Oder ein weissagender sprechender Vogel wäre auch nicht schlecht.

Das,  wovon ich aber sprechen will,  ist der Umgang mit Tieren. Bei dem aktuellen Fall in der Berliner Staatsoper geht es um Kaninchen und Meerschweinchen, sehr empfindsame, sensitive Lebewesen. Sie in einer Oper in einen Käfig zu sperren, in der sie nicht mit der leisesten Andeutung des Komponisten vorkommen, ist unbegreiflich.  Kein Opernhaus der Welt sollte – mutwillig und völlig unnötig, da in keiner Oper des klassischen Repertoires auch nur ansatzmäßig erwähnt – an das traurige wenn auch wohl aus wissenschaftlichen Gründen immer noch nicht vermeidbare Schicksal von „Versuchskaninchen“ erinnern.

Nur wenige Kritiker und Zuschauer haben sie überhaupt bemerkt, das zeigt erschreckend die Gleichgültigkeit und Empathielosigkeit der Menschen diesen Lebewesen gegenüber. Warum diese Tortur für die armen Tiere, noch dazu  gekrönt von bekanntlich nicht ganz leiser Wagnermusik? 

Ich spreche aus eigener Erfahrung und gebe ein paar Beispiele aus meinem Theaterleben, in denen ich mit Tieren auf der Bühne stand, die zumindest aber nicht in KÄFIGEN eingesperrt waren.

Mein Partner in einer Michael Grüber-Inszenierung in Aix-en-Provence von Schönbergs „Pierrot lunaire“ war ein Affe. Pierre Boulez dirigierte auf der Bühne, es sind ja nur acht Musiker beteiligt. Der Affe saß auf einem hohen Pfosten etwa einen Kopf über mir. Der Trainer hat ihn lange Zeit jeden Morgen auf die Aufführung vorbereitet, indem er mein Kostüm und meine weiße Schminke in sein eigenes Gesicht schmierte. Der Affe war schon älter und schon einiges gewöhnt. Trotzdem, als er da oben saß, war er nicht begeistert und machte ständig Geräusche und Unruhe, Boulez meinte, das werden wir wohl nie richtig hinkriegen. Der Trainer meinte später, es gäbe ein Problem, der Affe möge keine Frauen.

Das Tier gewöhnte sich dann aber an uns und blieb mehr oder weniger stur da oben sitzen während der ganzen Aufführungen.  Zwei Jahre später gab es eine Wiederholung des Stückes, der Affe war inzwischen verstorben und wir bekamen einen jüngeren, noch unerfahrenen, aber ebenfalls trainierten natürlich. Trotzdem war er da oben sehr ängstlich während der Probenzeit und wollte unbedingt herunter, suchte Hilfe bei mir und versuchte mich mit seinen  Ärmchen festzuhalten. Ich sprach mit ihm, streichelte ihn, wendete mich zu ihm – immer wieder. Irgendwann gewann er mehr Vertrauen, aber wenn ich allzu nah kam,  versuchte er mich immer wieder verzweifelt festzuhalten. Daran zeigt sich, wie groß die Angst der Tiere in ungewohnter Umgebung sein kann und ist!

Mit Kaninchen kam ich auf der Bühne auch in Berührung: Das trug sich in einer „Wozzeck“-Inszenierung vor vielen Jahren in Brüssel zu. Da liefen in einer Szene 30 Kaninchen frei auf der Bühne rum. Sie befanden sich erhöht auf einer schrägen Bühne, und ich lernte,  dass sie von Natur nicht runterspringen,  sondern nur gerade laufen. Die wirkten zufrieden und konnten ganz schnell wieder von der Bühne runter geholt werden. Aber wie gesagt, sie liefen FREI herum und befanden sich nicht in Käfigen. Kaninchen sind sehr friedliche Tiere und nicht schreckhaft, wenn sie gut behandelt werden. Wir haben sie alle sehr geliebt!  In KÄFIGE sollte man sie auf keinen Fall einsperren.

Anja Silja, Elisabeth, 1962

In früheren Jahrzehnten kamen auch Pferde in Opernproduktionen zum Einsatz, wie beispielsweise Frida Leider zu berichten wusste, die in der Walküre und der Götterdämmerung ein echtes Pferd Grane zur Seite hatte und die Erfahrung machen konnte, wie ich später auch in einer Ponnelle-Inszenierung von „Carmen“, dass Pferde sehr unberechenbar reagieren können, wenn sie sich erschrecken.

Das ist lange her, gibt es auch fast nicht mehr Gottseidank. Jedenfalls,  auch diese Tiere gehören nicht auf Theater- und Opernbühnen. Und Tiere in Käfigen am allerwenigsten!!!  Schlimm genug, dass es wohl nötig ist, Kleintiere wie Kaninchen für die Wissenschaft zu benutzen!

Die Berliner Staatsoper sollte in ihren künftigen Ring-Aufführungen auf die Kaninchen wie auf den Einsatz von Tieren verzichten!!!

Anja Silja.

Anja Silja ist nicht die einzige Sängerin, die die Berliner Staatsoper dazu aufruft, den noch 20 verbliebenen Kaninchen die Freiheit zu schenken.

Eine Gruppe ihrer Kolleginnen und Kollegen von der Gottlob-Frick-Gesellschaft, die sich soeben vom 14. bis 16. Oktober auf einem Treffen versammelte, wendet sich ebenfalls gegen die „Arbeit“ mit echten Tieren auf der Bühne und konkret gegen den Missbrauch der Kaninchen in der Berliner Staatsoper. Mit dem folgenden Brief:

„Die versammelten Sängerinnen und Sänger protestieren gegen den nicht artgerechten, dem Tierwohl abträglichen Einsatz von Tieren in Operninszenierungen und Aufführungen, besonders in Käfigen. Forderung: Diese Tierquälerei sollte sofort beendet werden.

Im Auftrag, der Ehrenpräsident HANS. A. HEY“

klassik-begeistert.de, 17. Oktober 2022,
für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

5 Gedanken zu „Jahrhundertsängerin Anja Silja: „Holt die Tiere aus den Käfigen in der Berliner Staatsoper!“
klassik-begeistert.de, 17. Oktober 2022“

  1. Sehr gut, was Anja Silja zu der Tierfrage im aktuellen Ring an der Staatsoper erzählt. Und sehr schön.

    Was mich viel mehr interessiert: klassik-begeistert fordert oder sollte ich lieber sagen wünscht sich in Bayreuth ja Übertitel. Eine Übertitelanlage. Ich persönlich halte das für vollkommen krank. Aber ich habe auch gut Reden, weil mich Wagner interessiert. Schon seit 45 Jahren. Und ich 80% der Texte mitsingen könnte (und sie auch mitsinge, zu Hause, in meiner Häuslichkeit, deswegen habe ich sie ja im Kopf).

    Also bitte, was ist los? Übertitel in Bayreuth. Was hält Frau Silja davon? Artikulieren Sie sich.

    Ulrich Harbott

    1. Lieber Herr Harbott,

      was hat mit Verlaub Tiermisshandlung in einem der bedeutendsten Opernhäuser der Welt – in Berlin – mit Übertiteln im Bayreuther Festspielhaus zu tun?

      Herzlich

      Andreas Schmidt

  2. Bravo Anja und großes Dankeschön, dass Du Dich so klar einsetzt für dieses wichtige Anliegen‼️Wir unterstützen das Anliegen gerne‼️

    Susanna und Peter Straka

  3. Ich erinnere mich mit erschreckter Fassungslosigkeit an eine WALKÜRE in Bayreuth. Ein Puterpaar war in einem großen Käfig eingesperrt. Der Puter war wohl in Anja Kampe verliebt. Immer protestierte er lautstark, wenn Sieglinde nicht sang!
    Man spricht von 45 Mal! Die Puterin hatte das Nachsehen! Zwei Mal war es witzig, dann aber äußerst störend, obwohl die Vögel offensichtlich nicht gelitten haben – wer weiß?

    Hans Walter Bottenbruch

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