"Ichundich" – Begeisterung pur in der Staatsoper Hamburg, ein Stück für jung und alt

Johannes Harneit, IchundIch,  Staatsoper Hamburg, Uraufführung, 3. November 2019

Uraufführung, 3. November 2019, Auftragswerk der Staatsoper Hamburg auf der Probebühne 1
Johannes Harneit, IchundIch

nach dem gleichnamigen Schauspiel von Else Lasker-Schüler

von Iris Böhm

Sie möchten eine Oper mit zeitgenössischer Musik erleben, die sowohl das junge Publikum als auch die älteren Opernhasen begeistert? Dann ist Eile geboten. Es gibt noch vier Aufführungen im November mit jeweils nur ungefähr 200 verfügbaren Tickets. Dabei nehmen Sie nicht wie gewohnt in den frontal ausgerichteten, gemütlichen Samtsesseln des Großen Hauses der Staatsoper Hamburg Platz. Stattdessen sitzen Sie während der rund zweistündigen Spieldauer auf kreisförmig angeordneten, nur leicht abgepolsterten Hockern der Probebühne 1.

Das Verrückte daran ist, dass Sie sich an diesem rustikalen Aufbau nicht im Geringsten stören werden. Im Gegenteil: das muntere Geschehen vor Ihnen, hinter Ihnen und ja sogar unmittelbar um Sie herum zieht Sie bereits nach Sekunden in seinen Bann. Die großartigen sängerischen und schauspielerischen Leistungen der Mitwirkenden, die Videoprojektionen und die bezaubernden Klänge lassen Sie tief in das Gesamtkunstwerk eintauchen und geben Ihnen das Gefühl, selbst ein Teil des Stückes zu sein.

Genau hierin liegt das Geheimnis des Werkes verborgen: Mit fast allen Sinnen nimmt man die in Musik verpackten Texte von Else Lasker-Schüler auf. Sie schrieb das Drama nach ihrer Flucht über Zürich nach Jerusalem im Winter 1940/41. IchundIch – mit dem Titel beschreibt sie das äußere und das innere Ich. Ihr sprachmächtiges und gleichzeitig bösartig-satirisches Stück ist ein hellsichtiges Drama ihrer Zeit und von Lasker-Schüler selbst. Es spielt in der biblischen Hölle wie im Höllengrund, dem Hinnomtal in Jerusalem, und es spielt in der Ewigkeit wie in der Gegenwart des Jahres 1941. In ihrem Stück imaginiert die Autorin das utopische Arrangement zwischen Faust und Mephisto als historischen Kompromiss gegen die rechte Macht, die daraufhin im Lavastrom untergeht.

Die Dichterin lädt dabei das Publikum zu einer fiktiven Generalprobe ihres Theaterstückes ein, bei der die Zuschauer auf viele Bekannte treffen werden: Faust, Mephisto, Marte Schwertlein, die „Nacis“ Goebels, von Schirrach, und Göhring (die Schreibweisen wurden von der Lyrikerin bewusst verändert). Die angedachte Rolle des Regisseurs Max Reinhardt wird von Johannes Harneit übernommen. Er unterbricht die Generalprobe hin und wieder, indem er den Taktstock hinlegt und durch ein Mikrofon Regieanweisungen gibt, die das Publikum zum Schmunzeln bringen.

© Westermann, Staatsoper Hamburg

Das eigens für diese Uraufführung zusammengestellte, hochmotivierte „Projektensemble IchundIch“ besteht aus einer kleinen Besetzung von 5 Streichern, 8 Blasinstrumenten, Harfe, Klavier und Schlagwerk. Die jungen Musiker spielen bemerkenswert engagiert und differenziert, hin und wieder dürfen sie auch ihre Gesangskünste einbringen. Durch die Anordnung der Musiker im Rund hinter dem Publikum wird die Musik zu einem einmaligen Klangerlebnis.

Das Stück beginnt geheimnisvoll mit einem einzigen Ton, gespielt von Vibrafon und Streichern, bis der Ton in dem abgedunkelten Raum schwebt, dann erst beginnt der Chor hinter der Szene mit einer gesummten Hymne. Man ist immer wieder überrascht über den Reichtum an  musikalischen Facetten: Hand in Hand gehen Volkslieder wie „Freut euch des Lebens“ oder „Muss i denn, muss i denn zum Städele hinaus“ mit dem schönen Lied „Ich liebe dich“ von Grieg, Mendelssohn übernimmt das geistige Kommando in der Hölle, dazu gibt’s eine Prise Wagner. Der Komponist Johannes Harneit hat all die von der Dichterin des Stückes angemerkten musikalischen Vorschläge aufgenommen und in seine schillernde, phänomenale Komposition hineingeflochten. Am Ende des Stückes steht wieder der Anfangston im Raum mit der Erkenntnis der Dichterin: „Gott ist da“.

Die Verbindung des aufgrund seiner Komplexität kaum aufführbaren Theaterstücks mit der Musik ist dem Regieteam um Christian von Treskow (Inszenierung), Dorien Thomsen (Bühne und Fantasiekostüme) und Ludwig Kuckartz (Videoprojektionen) großartig gelungen. Es stehen Ihnen auch viele engagierte und begabte Sängerschauspieler zur Verfügung.

Die Dichterin selbst, wunderbar gesungen und überzeugend gespielt von Gabriele Rossmanith, führt in diesem Stück durch die Geschichte ihres Lebens. Ida Aldrian mit leichtem, glockenreinen hübschem Sopran bringt Frische und mit geschwärztem Zahn Hexenhaftes, Beschwörendes in die Rolle von Marte Schwertlein, Daniel Kluge singt und spielt den verzweifelten Faust. Zwei Namen sollte man sich unbedingt merken: Martin Summer als Mephisto 1 überzeugt mit voll tönender, warm strömender schwarzer Basstimme und deutlichster Artikulation. Aufhorchen lässt auch der junge isländische Bariton Jóhann Kristinsson, dem man anhört, dass er mit Thomas Hampson, Thomas Quasthof und Julia Varady phantastische Lehrer hatte. Seine Stimme klingt wie Balsam sowohl in der Höhe als auch in der Tiefe. Dieser junge Mann schreitet mit majestätischer Haltung das Bühnenrund ab und singt einige der schönsten Melodien in großen Bögen. Unbedingt erwähnenswert ist auch Hellen Kwon, die erste ganz leichte Ermüdungserscheinungen im Publikum am Ende des anspruchsvollen Stückes im Nu verscheucht. Sie darf mit ihrem Auftritt kurz vor Schluss der Aufführung noch einmal ihren schönen Sopran mit ein paar Koloraturen zum Klingen bringen.

Der Chor (Christian Günther) agiert in den zwei Stunden Aufführungsdauer ununterbrochen auf oder hinter der Bühne. Wenn nicht gesungen wird, wird neben vielen anderen Regieeinfällen der Boden mit Schrubbern vom Dreck befreit (herrlich zu beobachten, dass eine Dame in meiner Reihe ihre Handtasche vom Fußboden hochnimmt, damit sie beim Saubermachen nicht im Weg steht). Auch die sehr engagierten und klangschönen Chorsoli sind hervorzuheben.

Große Bewunderung für alle Sänger für die kaum lösbare Aufgabe, die speziellen und komplizierten Texte und die Melodielinien zu erlernen. Das Stück ist äußerst unterhaltsam, humorvoll, böse und satirisch. Es hinterlässt viele Rätsel und lädt zum Nachdenken ein … und für mich persönlich auch zum näheren Befassen mit dem Leben und Werk der Dichterin Else Lasker-Schüler sowie des Komponisten Johannes Harneit.

Iris Böhm, 5. November 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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