Neumeiers Choreographie in den Dekora­tionen von Jürgen Rose ist un­verändert aktuell und frisch wie am ersten Tag

John Neumeiers Nussknacker (Tschaikowsky), 322. Aufführung, Hamburg Ballett, 1. Januar 2020

Fotos: © Kiran West

John Neumeiers Nussknacker (Tschaikowsky), 322. Aufführung,
Hamburg Ballett, 1. Januar 2020

von Ralf Wegner

Warum werden bei Opern eigentlich immer szenische Aktualisierungen gefordert? Beim Ballett ist das höchst sel­ten der Fall; Neumeiers Nussknacker-Choreographie steht seit 1974 unverändert in den schönen Dekorationen von Jürgen Rose auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper (Uraufführung 1971 in Frankfurt/Main). Zusammengezählt dürften für diese jetzt 45 Jahre alte Version ca. eine halbe Million Eintrittskarten verkauft worden sein; und es ist immer noch ausverkauft bzw. schwer, Karten zu erhalten. Nun, anders als im Opernsektor, gibt es beim Ballett aber immer wieder auch Uraufführungen, die von den Besuchern geliebt und häufiger angesehen werden. Erwähnt seien nur Neumeiers Ballette der letzten drei Jah­re wie Glasmenagerie (2019), Beethoven-Projekt (2018) oder Anna Karenina (1917). 

Wo erlebt man so etwas bei der Oper? Ich habe noch von Niemandem gehört, der sich wünschte, Neumeiers Nuss­knacker in einer anderen Variante aufgeführt zu sehen. Vielmehr wirkt Neumeiers Choreographie in den Dekora­tionen von Jürgen Rose un­verändert aktuell und frisch wie am ersten Tag: Eine Zwölf­jährige (Marie) feiert Ge­burtstag.

© Kiran West

Dabei sind ihr Bruder, der Kadett Fritz, ihre äl­tere Schwester Louise, eine Ballerina, deren Freund Gün­ther, der die Kadetten anführt sowie ihre Eltern und diverse Verwandte und Bekannte. Von Günther erhält Ma­rie einen Nussknacker, den sie ständig im Auge behält. Als eine Art Sonderling erscheint Louises Ballettlehrer Drosselmeier (eine an den französisch/russischen Bal­lettmeister Petipa angelehnte Figur) auf der Geburts­tagsfeier, überreicht Marie Ballettschuhe und sorgt anschließend unter den Gästen für manche Konfusion. Nach der Feier sucht Marie ihre im Salon ver­gessenen Ballettschuhe und schläft dort beglückt ein.

Im Traum erscheint ihr Drosselmeier. Er entführt sie in ei­nen Ballettsaal (die Wohnraumdekorationen werden hoch­ge­zogen und geben einem großen hellen Ballettsaal Raum). Dort proben neben anderen Ballerinen auch Louise und Günther. Marie darf mit Günther tanzen. Schließlich (nach der Pause) führt Drosselmeier Marie auf die Bühne eines Hoftheaters und lässt dort Stücke aus seinen Balletten (u.a. Lebender Garten, Die Tochter des Pharao, Esmeralda und die Narren, Die Tanzenden Leutnants sowie ein Grand Pas de deux) aufführen; Marie wird darin eingebunden. Schließ­­lich legt sich Marie ermüdet mit ihrem Nussknacker auf den Bühnenboden, die Wohnraumdekoration senkt sich, Marie wird von dem Dienstmädchen in ihr Zimmer gebracht.

Die heute für die Rolle der Marie angesetzte Gastsolistin Alina Cojocaru war erkrankt und wurde durch die 24jäh­rige, in Hamburg geborene Emilie Mazon ersetzt. Diese Tänzerin gestaltete die Marie überzeugend mit großer Ausdruckskraft; sie erinnert mit  ihrer außergewöhnlichen Bühnenpräsenz an ihre Mutter, der früher bei Neumeier tanzenden Gigi Hyatt (der jetzigen pädagogischen Leiterin der Hamburger Ballettschule). Maries Pas de deux im zweiten Bild mit Christopher Evans als Günther war denn auch der erste tänzerische Höhepunkt der Aufführung. Als zweiter Höhepunkt erwies sich der Grand Pas de deux mit der schönen Anna Laudere als Louise. Evans ist vom Typ her der ideale Danseur noble, sprungstark, leicht­füßig und ohne harten Bodenkontakt. Er führte seine Part­nerin viermal elegant aus der Überkopfhebung in den sogenannten „Fisch“ hinein (eine kreuzförmige Figur, bei der die Tänzerin in der Art eines schrägen, konkav gekrümmten Balkens mit dem Kopf nach unten und den Beinen nach oben zeigt, sie wird dabei vom Partner sehr schnell, ohne dass es turnerisch aussieht, aus einer Höhe von gut 2 Metern auf einen halben Meter Bodenhöhe bewegt).

 Marc Jubete war Drosselmeier. Auch Jubete hat Bühnenpräsenz, beherrscht das Geschehen im ersten Bild aber noch nicht so wie der deutlich erfahrenere Alexandre Riabko, den wir in einer vorhergehenden Aufführung als Drosselmeier erleben durften. Nun hinkt der Vergleich, denn Riabko befindet sich im Zenit eines außerordent­li­chen tänzerischen und darstellerischen Könnens, wodurch er bei den jüngeren Kollegen/-innen offensichtlich mehr Autorität  genießt als ein noch jüngerer Tänzer wie Marc Jubete. Aber das ist nur eine Vermutung.

Viel bejubelt wurden die sprungstarken, tanzenden Leut­nante (Aleix Martinez, Marcelino Libao und Ricardo Urbina) sowie Priscilla Tselikova und Florian Pohl (Die Tochter des Pharao). In der sogenannten Variation der Männer fiel der erst 19jährige Alessandro Frola positiv auf. Bei dem im Prinzip hochkarätig mit Madoka Sugai (Erste Solistin), Xue Lin (Solistin), Yaiza Coll und Greta Jörgens (beide Ensemble) besetzten „Pas de quatre“ fehlte es vielleicht etwas an gerader Linie, zumindest aus der seitlichen Sicht, die wir von unserer vorderen Loge aus hatten. Dasselbe fiel auch bei den Damen des „Lebenden Gartens“ auf. Das soll allerdings nur als marginale, die schöne Gesamtleistung nicht beeinträchtigende Anmerkung zu verstehen sein.

Das Publikum im ausverkauften Haus erwies sich als noch durchaus Silvester-müde, zumindest vor der Pause. Sonst übliche Heiterkeitsäußerungen blieben weitgehend aus, außerdem wurde offenbar von manchen Zuschauern ver­mutet, dass es sich bei einem (zur Choreographie gehörenden) Sturz Drosselmeiers über Marie um einen echten „Faux pas“ gehandelt haben könnte. Jubete versuchte die­sem Eindruck offensichtlich durch verdeutlichtes Schmerzempfinden entgegenzuwirken. Drosselmeiers Tänze im dritten Bild wurden viel beklatscht, vor allem der Grand Pas de deux von Evans und Laudere. Beim Schlussbeifall schien das Publikum dann auch wieder entmüdet zu sein. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg spielte unter der Leitung von Simon Hewett ausgezeichnet, die emotional von Konradin Seitzer vorgetragene Solo-Violin-Passage ging unter die Haut.

Ralf Wegner, 2. Januar 2020, für
klassik-begeistert.de

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