Meisterliche Brillanz zur Mittagszeit: Rudolf Buchbinder im Wiener Konzerthaus

Klaviermatinee mit Rudolf Buchbinder,  Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 11. Oktober 2020

Foto: Rudolf Buchbinder vor seinem Steinway-Flügel, den er in alle großen Konzertsäle einfliegen lässt. © Marco Borggreve

Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 11. Oktober 2020

Klaviermatinee mit Rudolf Buchbinder
„Beethovens Klaviersonaten“

von Jürgen Pathy

„Mondscheinsonate“ zur Mittagszeit. Auf die Frage, wie das so sei, antwortet Rudolf Buchbinder: „Drinnen geht’s schon“ – und schreitet zügigen Schritts samt Frau und Tochter davon, um am Schubertring in einem Lokal zu verschwinden, das berühmt geworden ist wegen seiner Wiener Küche. Zum wohlverdienten Mittagessen. Aber nicht, ohne zuvor noch ein Autogramm zu schreiben und sich mitten auf der Straße zu platzieren, um ein gutes Foto-Motiv zu liefern.

So ist er eben, der gute Rudolf Buchbinder, 73. Der „Rudi“, wie sie ihn in Wien liebevoll nennen. Unprätentiös, helles Gemüt und zügig zugleich. Beinahe, wie sein Beethoven, mit dem er „drinnen“ – damit meint er den großen Saal des Wiener Konzerthauses – kurz zuvor noch wie ein „Sturm“ über die Tasten fegte. Nicht nur im Allegretto der gleichnamigen Sonate, das er stürmisch, aber nie die Musikalität aus den Augen verlierend, durchfliegt. Auch in den anderen Sonaten, die der ersten Periode des Beethoven‘ schen Schaffens zuzuordnen sind. Die beiden Es-Dur Klaviersonaten – Nr. 4 und Nr. 13 –, die selten gespielte Sonate Nr. 10 in G-Dur, als auch die Sonate Nr. 1 in f-Moll, die noch Joseph Haydn gewidmet ist. Bei allen schwingt eine gewisse Leichtigkeit und Spielfreude mit, gepaart mit einer enormen Sicherheit, die ihresgleichen sucht. Ebenso beim Presto der cis-Moll-Sonate, besser bekannt als „Mondscheinsonate“, bei der Buchbinder über die Klaviatur wirbelt, als gäbe es nichts Leichteres auf dieser Welt. Dennoch keine Spur von Arroganz.

Ein Ton, wie aus einer anderen Welt

Dabei hätte Buchbinder, der vor wenigen Tagen erst den Opus Klassik 2020 für sein Lebenswerk erhalten hat, allen Grund zum Hochmut. Als Beethoven-Interpret zählt der österreichische Pianist seit Jahrzehnten zur Spitze. Von Joachim Kaiser einst als das größte pianistische Naturtalent bezeichnet, spielt er mit allen großen Orchestern der Welt, leitet seit 2007 das Grafenegg Festival und gilt als Koryphäe, wenn es um Beethovens Klavierwerke geht. Bei den Salzburger Festspielen hat er sämtliche Klaviersonaten Beethovens, 32 an der Zahl, gespielt – während eines Festspielsommers wohlgemerkt. Mit den Wiener Philharmonikern hat er 2011 alle fünf Beethoven-Klavierkonzerte eingespielt. Live natürlich. Denn nur das reize ihn. Im Studio fehle jede Emotion, jede Spontaneität und vor allem auch die Nervosität, die auch wichtig sei, wie er in einem Zeitungsinterview erzählt.

Obwohl, man glaubt es kaum. Buchbinder und Nervosität? Ein Paradoxon möchte man meinen. Fast selbstverständlich wirkt es, wie er die Bühne betritt oder mit dem Publikum flirtet – wie zum Ende des Prestos der G-Dur-Sonate. Der letzte Ton ist noch nicht verklungen, da wendet er sich bereits dem Publikum zu, mit einem Ausdruck im Gesicht, spitzbübisch, als ob er am liebsten fragen wollen würde: „Na, was sagt’s ihr dazu, meine Lieben?“ Sensationell, lieber Rudolf Buchbinder! Bezaubernd! Das sage ich dazu. Nicht nur die Art und Weise, wie er das Klavier behandelt. Meistens zärtlich, wie beim Liebesspiel. Niemals grob. Nur hin und wieder forsch, wenn es sein muss, wie beim Big-Bang, der am Ende des Andantes der Sonate Nr. 10 alles erschüttert. Sondern auch der Ton, den er aus seinem Steinway-Flügel kitzelt; diese Kantabilität, für die er berühmt ist – zum Weinen schön.

Bei all dem Überschwang

Einzig und allein, wenn es etwas zu beanstanden gäbe: Der Mond, der leuchtet zu hell. Passend vielleicht, zu dieser Uhrzeit. Die Düsternis, das Tragische, die Endzeit-Stimmung des ersten Satzes der „Mondscheinsonate“ sind jedoch kaum zu vernehmen. Ebenso das Verklärte, die Breite, die das Largo der Sonate Nr. 4 in Es-Dur derart gewichtig erscheinen lassen. Vor allem im Kontrast zum Rest des Programms. Ohne den anderen Sonaten zu nahe treten zu wollen, mit Ausnahme der „Mondscheinsonate“, hat dieses Largo doch einen weitaus gewichtigeren Stellenwert, als die anderen Werke dieser Klavier-Matinee. Das sollte erkennbar sein. Zumindest in meiner Welt. Für mich dufteten diese beiden gewichtigen Sätze zu blumig, zu leicht; ich wage es kaum zu sagen: Sie wirkten zu routiniert. Da Beethoven jedoch, nicht nur ein zentraler Punkt in seinem Repertoire, sondern auch in Buchbinders Leben ist: Es wird schon seinen Grund gehabt haben.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 13. Oktober 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Igor Levit, Klavier, Wiener Symphoniker, Wiener Konzerthaus, Mozart-Saal, 5. Juni 2020

PROGRAMM

Ludwig van Beethoven

Sonate f-moll op. 2/1 (1795)

Sonate G-Dur op. 14/2 (1799)

Sonate Es-Dur op. 27/1 »Sonata quasi una fantasia« (1800–1801)

***

Sonate Es-Dur op. 7 (1796–1797)

Sonate cis-moll op. 27/2 »Mondscheinsonate« (1801)

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Zugabe:

Ludwig van Beethoven

Sonate d-moll op. 31/2 »Der Sturm« (3. Satz: Allegretto) (1802)

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